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Ein Bundesrichter berichtet

Kreuzlingen – Während der Rechtswoche an der Pädagogischen Maturitätsschule Kreuzlingen erklärte unter anderem Alt-Bundesrichter Hans Wiprächtiger das Schweizer Rechtssystem.

Highlight zum Abschluss der Rechtswoche war der Auftritt von Ex.-Bundesrichter Hans Wiprächtiger. (Bild: zvg)

Ist es eine Erregung öffentliches Ärgernisses, wenn man im Appenzell nackt wandert? Ist es haltbar, dass zwei Menschen, die exakt die gleiche Tat begangen haben, in St. Gallen und im Thurgau unterschiedlich schwer bestraft werden? Bekommt eine Ehefrau, die ihren Mann nach jahrelanger Misshandlung tötet, eine Witwenrente?

Alt-Bundesrichter Hans Wiprächtiger plauderte vor den Schülerinnen und Schülern der dritten Klassen aus dem Nähkästchen. Er bejahte nicht nur diese drei Fragen, sondern erklärte vor allem, wie das Bundesgericht arbeitet, wie die Richter berufen werden und warum die Unabhängigkeit der Justiz unverzichtbar für einen demokratischen Staat ist: «Ein Gericht darf nicht nur für die Reichen und Mächtigen arbeiten. Wenn bei uns in der Schweiz jemand glaubt, durch Beziehungen Sonderrechte für sich in Anspruch nehmen zu können, dann kann jeder dagegen klagen – und zwar durch alle Instanzen.» Allerdings müsse er dafür im Zweifel tief in die Tasche greifen. Die hohen Gerichtskosten seien ein Problem, für das er auch keine Lösung kenne.

Sein Auftreten vor den Schülern sei ein kleiner Beitrag, den er noch leisten könne, so der engagierte 74-Jährige, der von 1989 bis 2011 im höchsten Schweizer Gericht amtierte. «Es ist gut für mich, gut für die Jugendlichen und vielleicht auch gut für den Rechtsstaat, wenn man seine Vorzüge herausstreicht.» Die Schülerinnen und Schüler dankten es ihm mit donnerndem Applaus. Die Rechtswoche sei sehr spannend, sehr interessant und sehr abwechslungsreich gewesen, meint Nils Rüegg aus Mammern. «Wir mussten sehr konzentriert zuhören», so Robin Steinmeier aus Heiden.

«Es war intensiv, aber gut.» Amina Merz aus Weinfelden lobt die Themenauswahl, die vom Strafrecht über den Rechtsraum Thurgau bis zum internationalen Recht und den Menschenrechten reichte: «Vieles davon ist im Augenblick gerade relevant. Ich habe mir sogar schon überlegt, selbst Jura zu studieren.» Das ist eines der Ziele, die der Fachbereich Geschichte, Staatskunde und Recht mit der Rechtswoche erreichen will: «Sie haben gesehen, wie vielfältig das Recht ist», sagt Lehrerin Karin Bauer bei der Verabschiedung der jungen Leute. «Ich will ja niemanden der PH abwerben, aber vielleicht haben Sie ja für sich neue Berufsperspektiven entdeckt.» Hans Wiprächtiger stimmt zu: «Zu meiner Zeit hat Jura studiert, wer für Medizin nicht gut genug war», witzelt er. «Ich würde es aber auf jeden Fall weiterempfehlen, weil sich für Juristen Dutzende von Berufschancen auch in Wirtschaft und Politik eröffnen.»

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