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Vor dem Abriss kommt die Kunst

Singen – Unter dem Titel «Arte Romeias» findet in Singen (Hohentwiel) dieses Wochenende ein aussergewöhnliches Kunst-Festival statt. Ort der Veranstaltung sind zwei grosse Abbruch-Wohnblöcke in der Singener Romeias-Strasse, die von der Baugenossenschaft Hegau eG vor ihrer vollständigen Zerstörung an eine bunte Meute von Kreativen und Kunstschaffenden übergeben wurden. Bereits seit vier Wochen arbeiten und werken die Beteiligten in den 36 leergeräumten Wohnungen und verwandeln das Gelände zusammen immer mehr zu einem Freiraum für Kunst und Kultur. Auch Künstler hier aus der Region sind mit dabei.

Die drei Künstlerinnen aus Kreuzlingen. (Bild: zvg)

Nach wochenlanger kreativer Arbeit werden die Türen der Ateliers auf Zeit an diesem Wochenende für die Öffentlichkeit aufgesperrt. Am Donnerstag, 20. Juli, um 18 Uhr wird das Projekt «Arte Romeias» mit einer Vernissage eröffnet und schliesst erst am Sonntagabend wieder seine Pforten. Auch Künstlerinnen aus der Region sind mit einem Beitrag auf dem Kunst-Festival vertreten. Die drei Kreuzlinger Künstlerinnen Caro Wuttke, Melanie Ruhe und Bea Fleyschhauer präsentieren im Haus 7, zweites Geschoss, rechte Wohnung, ihr Kunst-Projekt «Peripherien», das sich mit den Grenzen des vermeintlich natürlich sehenden Auges auseinandersetzt. Ihre These lautet, dass der Mensch dazu fähig ist, mehr zu sehen und  wahrzunehmen als durch den ursprünglichen menschlichen Blick möglich ist. Mit den «Peripherien» versuchen die Studentinnen solche unsichtbaren Felder sichtbar zu machen und den Besuchern ihrer Ausstellung die Möglichkeit zu geben den eigenen Blick zu erweitern. Die Zweizimmer-Wohnung ist im Laufe der Vorbereitungszeit zum zweiteiligen Ausstellungsraum umgewandelt worden. Zum einen präsentieren Wuttke, Ruhe und Fleyschhauer dort eine Lichtinstallation und zum anderen geben sie Raum, um als Rezipient selbst aktiv zu werden. Mit einer Vielzahl von Aktionen und Performances kann man sich an der persönlichen Horizonterweiterung versuchen. Zu erwarten sind unter anderem eine Kakao-Meditation, Acro Yoga und ein Workshop zum Bildermachen mit einer Camera Obscura.

Chinesische Wanderarbeiter von Bildhauerin Ulla Berke. (Bild: zvg)

Teetrinken und Brückenschlagen
Im Erdgeschoss von Haus 15 und im Garten hat sich Bildhauerin Ulla Berke mit ihren Skulpturen ausgebreitet.  Berke war zehn Jahre lang Präsidentin der Turgauer Arbeitsgruppe für Behinderte in Weinfelden. Seit 1993 gab sie Kurse verschiedener Art –  vom Computerkurs bis zum Bildhauerkurs. Im letzten Jahr beendete sie diese Tätigkeit um sich mehr in der Flüchtlingshilfe zu engagieren und ihrer Passion, dem Bildhauern, mit mehr Zeit nachzugehen. Die Mannenbacherin verbringt nun mindestens einen Tag in der Woche an ihren Steinen oder einem Stück Holz. Die zur Verfügung gestellte Wohnung hat sie mit 23 chinesischen Wanderarbeitern aus Gips gefüllt. Auf ihren vielen Reisen nach China hat sich Berke für die Kultur und die Menschen dort fasziniert. «Man steht vor einem Hochhaus und auf einmal kommen hunderte Arbeiter heraus. Alle sind grau und schmutzig und dennoch tragen sie ein Lächeln im Gesicht», so die Künstlerin. Ebenfalls ausgestellt hat sie eine Sammlung von Tees, die sie auf ihren Reisen geschenkt bekommen hat. Diese kann man vor Ort auch verköstigen.
Im Garten des Areals findet man die Bildhauerin dann in Action. Hier klopft sie auf Steinen, die zu Brücken werden. Wie überdimensionale Bauklötzchen sehen sie aus und man kann sie nach Belieben stapeln. Wer mitmachen will, kann auch selbst zum Werkzeug greifen und das eigene Geschick ausprobieren!

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