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Wie ist es, ein Elefant zu sein?

Region – In der vergangenen Ausgabe haben wir einen Bericht über unseren Besuch bei den Elefanten von Circus Busch in Konstanz veröffentlicht. Dieser hat auf Facebook eine Resonanz erfahren, wie es selten der Fall ist. Zirkusgegner und -befürworter haben sich in einer hitzigen Diskussion geäussert, die durch ein Video der Tierrechtsorganisation PETA, das einen Ausbruch von Elefantendame Maschibi zeigt, weiter verschärft wurde. Wir haben mit den Beteiligten gesprochen, wie sie zur Elefantenhaltung im Zirkus stehen.

Die Elefanten von Circus Busch sorgten für viel Aufsehen. (Bild: Jette Schnell)

Schon wenige Minuten nachdem unser Bericht über das Elefantenbaden mit Carla und Maschibi aus dem Circus Busch auf Facebook zu sehen war, kamen die ersten Kommentare, die sich zu einer hitzigen Diskussion entfachten. Das Aktionsbündnis «Tiere gehören nicht zum Circus» beschrieb es als «unverantwortlich, Elefanten in dieser Weise vorzuführen» und vertrat die Meinung, dass die Tiere «nicht in einem Zirkus zu suchen haben». Dazu wurde ein Video veröffentlicht, das einen Tierpfleger vom Circus Busch zeigt, der die Elefantendame Maschibi mittels eines Stockes zurück in ihr Gehege trieb, aus welchem sie ausgebrochen war. Dieses Video ist untertitelt mit «Elefantin Mashibi bricht in Konstanz aus dem Circus Carl Busch aus und wird dafür geschlagen! Alles, was sie wollte, war ein Leben in FREIHEIT!» und wurde von der Tierrechtsorganisation PETA veröffentlicht.
Peter Höffken, Kampagnenleiter bei PETA, spricht sich deutlich gegen die Haltung von Elefanten in Zirkussen aus: «Nachts werden die Elefanten an zwei Beinen fixiert. Bei Circus Busch wird ein afrikanischer mit einem indischen Elefanten gehalten, was nicht die gleiche Spezies ist, daher sind die Tiere sozial vereinsamt. Zudem stehen sie bei den Transporten stundenlang auf dem LKW und werden mit Stöcken misshandelt.» 22 EU-Länder haben bestimmte Tierarten im Zirkus bereits verboten. Deutschland und die Schweiz stehen nicht auf der Liste.
Sven Rindfleisch vom Circus Busch sieht das Video von einem anderen Standpunkt. Die Elefantin Maschibi habe sich durch einen Mückenschwarm gestört gefühlt und sei nervös auf dem Gelände herumgelaufen. Sie wollte in die Nähe der Bäume am Ufer. Um zu verhindern, dass sie auf der öffentlichen Anlage Schaden anzurichten, habe ein Pfleger sie mit Hilfe eines Stockes wieder in Richtung Gehege getrieben. Der Zirkussprecher sieht in der Filmsequenz keine Tierquälerei. «Wenn man einem Elefanten wehtun wollte, müsste man sich etwas anderes einfallen lassen. Das Video bricht auch an der Stelle ab, an welcher der Bezugspfleger zur Situation hinzukommt und das Tier mit Worten beruhigt.» Massnahmen wie der Elefantenhaken kämen im Circus Busch nicht zum Einsatz.
Wie ist es nun aber wirklich mit dem Tierschutz? Beide Parteien haben offensichtlich das Wohl der Tiere im Sinn. Wie aber kann man sich sicher sein, dass für das Tier ein Leben in Freiheit das bessere ist? In der Wildbahn laufen Elefanten täglich bis zu 100 Kilometer, sie leben in familiären Verbünden und bewegen sich frei. Vielleicht geniesst aber auch ein Dickhäuter den «Komfort» sich nicht täglich sein Essen selbst suchen zu müssen, gebadet und beschäftigt zu werden sowie lernen zu können und eine Aufgabe zu haben?

Darf ein Elefant zur Unterhaltung dargestellt werden? (Bild: Jette Schnell)

Philosophische Betrachtung
Der Philosoph Thomas Nagel widmet sich in seinem Aufsatz «Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?» (1974) der Überlegung wie es sich anfühlt, ein Tier zu sein und ob es dem Menschen überhaupt gelingen kann, sich in die subjektive Welt des fliegenden Säugetiers hineinzudenken. Er schreibt: «Unsere eigene Erfahrung liefert die grundlegenden Bestandteile für unsere Phantasie, deren Spielraum beschränkt ist. Es wird nicht helfen, sich vorzustellen, dass man Flughäute an den Armen hätte, mit dem Mund Insekten finge, die Umwelt mit akustischen Signalen  wahrnähme, und dass man den Tag an den Füssen nach unten hängend in einer Dachkammer verbrächte. Insoweit ich mir dies vorstellen kann, sagt es mir nur, wie es für mich wäre, mich so zu verhalten, wie sich eine Fledermaus verhält. Das aber ist nicht die Frage. Ich möchte wissen, wie es für eine Fledermaus ist, eine Fledermaus zu sein.» Nagels Vorhaben ist also zum Scheitern verurteilt. Letztlich müssen wir akzeptieren, dass wir grundsätzlich auf den Inhalt des eigenen, subjektiven Bewusstseins beschränkt sind, so der Philosoph. Ein fremdes Empfinden kann verglichen, nicht aber selbst erlebt werden – das ist das Fazit der Abhandlung.
Genau diesen Punkt aber vergessen Tierrechtsaktivisten, so die Erfahrung von Pietro Bento. Er war Exotenstallmeister bei Zirkus Krone und hat dort sein ganzes Leben verbracht. Im vergangenen Jahr hat er seinen Beruf  aufgegeben. «Die Angriffe über Facebook und Internet waren Normalität. Dann folgten aber immer mehr handgreifliche Angriffe, Backsteine wurden mir ins Fenster geworfen, ich habe Morddrohungen erhalten. Die psychische Belastung tagtäglich als Straftäter bezeichnet zu werden, war zu viel», so der 39-Jährige, der nun im Sicherheitsgewerbe tätig ist.
Bento hat sich nicht vor Gesprächen über die Tierhaltung gescheut und kommt zu dem Fazit, dass ein Dialog mit Tierrechtsaktivisten unmöglich ist: «Die Diskussion wird rein emotional geführt. Menschliche Gefühle werden auf das Tier übertragen. Man kann keine Übereinstimmung finden. Es wird keine Verbesserung oder Entwicklung angestrebt, sondern eine totale Abschaffung.»

Eine Gradwanderung
Dr. Robert Zingg sieht die Haltung von Wildtieren in Zirkussen differenziert. Er ist Elefantenexperte am Zoo Zürich und der Ansicht, dass man kein pauschales Urteil über die Haltung in Zirkussen fällen darf. «Es gibt Zirkusse, in welchen die Tiere gut gehalten werden und andere, in denen keine Lebensqualität für Elefanten gegeben ist», so der Experte. Im Zirkus könnten Verhältnisse geschaffen werden, unter welchen Elefanten mit gewissen Einschränkungen gehalten werden können. Dabei muss aber klar sein, was für eine Aufgabe die Tiere haben, so Zingg. «Reines Vergnügen der Besucher legitimiert die Haltung nicht mehr. Diese Tiere müssten eine Plattform erhalten, um sich als Repräsentanten ihrer Art zeigen zu können. Sie sollen die Leute faszinieren und berühren, damit sich diese letztlich auch für die Erhaltung dieser Tiere motivieren lassen.» Der Zeitgeist spräche aber gegen die Elefanten im Zirkus: «Sinkt die Akzeptanz – aus was für Gründen auch immer – können keine positiven Werte mehr vermittelt werden. Da helfe auch die Tradition nicht mehr.» Gespräche mit Tierrechtsaktivisten sieht Zingg als schwierig an. «Zumeist herrscht die vorgefertigte Meinung, dass Tiere nur in der freien Wildbahn leben sollten, dann wird ein konstruktives Gespräch schwierig», so der Experte.
Dieser Eindruck wird entschärft, wenn man sich mit Helen Sandmeier vom Schweizer Tierschutz unterhält. Sie fordert kein generelles Tierverbot in Zirkussen, plädiert aber für eine «schwarze Liste». «Manche Tierarten können nicht einmal ansatzweise artgerecht in einem Zirkus gehalten werden, dazu gehören Bären, Grosskatzen, Seelöwen und auch Elefanten.» Vorbildlich erwähnt Sandmeier den Schweizer Zirkus Knie, der seine Elefanten nicht mehr mit auf Tournee nimmt, sondern im Kinderzoo in Rapperswil untergebracht hat, wo die Tiere laut Sandmeier sehr gut gehalten werden.

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