/// Rubrik: Stadtleben | Topaktuell

Odyssee durchs Einbürgerungs-Labyrinth

Kreuzlingen – In Kreuzlingen stand die Praxis der Einbürgerungskommission mehrfach in der Kritik. Mittlerweile wurde das Verfahren geändert. Das war auch scheinbar nötig, wie der Fall einer Kreuzlingerin zeigt.

Der Weg zum Schweizer Pass ist lang und steinig. (Bild: Stadt Kreuzlingen)

Im Grunde begann das Einbürgerungsverfahren von Alice Meroni (Name von der Redaktion geändert) im März 2014. Vorbildhaft nahm sie am Kurs «Grüezi Schweiz» teil. Dieser ist zweitägig und kostenpflichtig. Dort lernt man, wie die Schweizer ticken. Oben drauf gibt’s noch einen «virtuellen Orientierungslauf» durch Kreuzlingen und Unterricht im Schul- und Sozialsystem sowie der Schweizer Geschichte und Staatskunde.

So vorbereitet, bestand Meroni den schriftlichen Wissenstest im August 2014.

Was dann folgte, war ihren Angaben nach eine Erfahrung, an der sie noch mehrere Tage später zu knabbern hatte. Ihre mündliche Befragung fand vor dem gesamten neunköpfigen Gremium statt und lief wohl alles andere als in fairer Prüfungsatmosphäre ab. Die damals 18-Jährige sei regelrecht mit Fragen «bombardiert» worden. Doch die Prüfer stellten nicht nur die erwarteten Wissensfragen, sondern bohrten auch in unangebrachten Bereichen weiter und verunsicherten sie gleichzeitig mit ihren Reaktionen. So wollte einer wissen, wie es um die Finanzen ihres Arbeitgebers bestellt sei. Als sie antworten wollte, würgte man ihr jedoch das Wort ab. An einer anderen Stelle bezichtigte man sie der Lüge. Je länger die Prüfung dauerte, desto verwirrter habe sie reagiert. «Das ging bis zu körperlichen Reaktionen wie starkem Zittern», erinnert sich die junge Frau, die Mundart spricht, zurück.

Die Prüfer müssen die Situation anders wahrgenommen haben: Einer soll, augenscheinlich entspannt, während der rund einstündigen Sitzung Snacks gefuttert haben. Ihre Antworten hätten einige mit Grinsen quittiert. Vorwurfsvoll wollte einer von der Teenagerin wissen, warum sie sich nicht im Ausländerbeirat engagiere. «Am Ende wusste ich quasi meinen eigenen Namen nicht mehr», so Meroni. Ergebnis: Durchgefallen in allen fünf Bereichen.

Bis man den Pass erhält, sammeln sich einige Akten an. (Bild: sb)

Im Folgenden wurde Meroni mehrmals empfohlen, ihr Einbürgerungsgesuch zurückzuziehen, so im November 2014 von der Stadtverwaltung und im Dezember 2014 vom kantonalen Amt für Handelsregister. Doch Meroni gab nicht auf, schrieb einen Gegenbericht und erhielt darauf auch im Juni 2015 die eidgenössische Einbürgerungsbewilligung. Wiederum empfahl ihr die Stadtverwaltung, das Gesuch zurückzuziehen. Im Oktober 2015 schrieb Meroni ihren letzten Gegenbericht und bestand auf der Beratung im Gemeinderat.

Was sie in ihrem Motivationsschreiben aufgelistet habe, gelte auch heute noch: Sie fühle sich gut integriert, habe hier einen Freundeskreis und Arbeit. Ihr ganzes Leben sei auf die Schweiz ausgerichtet, wo sie den Grossteil ihres Lebens verbrachte. Sie fühle sich als Schweizerin und wolle das auch nach aussen offiziell zeigen. Traktandiert war ihr Gesuch im Januar 2016. Dann wurde es zweimal verschoben. Im Juli stimmte das Kreuzlinger Stadtparlament dann ab und genehmigte es mit denkbar knappstem Ergebnis. Ein Novum, und, so Meroni, «meines Wissens der einzige Fall, in dem der Gemeinderat anders entschied, als die Einbürgerungskommission empfohlen hatte. Erst als einige wenige Gemeinderäte mir eine Chance gaben, nicht nur die Aktenlage prüften, sondern sich einen eigenen Eindruck meiner Integration bildeten, erhielt ich ihre Zustimmung. Dafür möchte ich mich bedanken.»

Von Anfang an Druck aufbauen
Obwohl Meroni sich von Anfang an dem – anscheinend politisch damals  so gewollten – Druck des Einbürgerungsprozederes strebsam unterwarf, hatte sie eine negative Empfehlung erhalten – die der Gemeinderat später korrigieren musste. Mehr als drei Jahre nach dem Beginn ihrer Irrfahrt durchs Einbürgerungssystem durfte die Kreuzlingerin schliesslich ihren Schweizer Pass in Empfang nehmen. Und ist sehr froh darüber, trotz der Kosten von rund 1700 Franken. Meroni: «Ich finde es richtig, dass das System mittlerweile angepasst wurde, hoffe aber auf weitere Überarbeitung.»

Share Button

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.