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Was man nicht sieht

Kreuzlingen – Im Tiefparterre im Kunstraum findet vom 7. Oktober bis zum 7. Januar eine Ausstellung von Filmstills des Matthias Gabi statt. Die Vernissage und ein Gespräch mit Marina Schütz, Kinok St. Gallen ist am Samstag 7. Oktober um 17 Uhr.

Matthias Gabi: Filmstil; Vernissage 7.Oktober (Bild: zvg)

Die Bewegung des Films ist eine, die vom Stillstand nach vorne strebt: Einzelne Standaufnahmen, aneinander gekettet, ergeben eine Bewegung. Aus vielen Bildern wird eines. Und diese Fülle des Bewegten verschluckt den einzelnen unbeobachteten und doch existierenden Moment. Der Blick des Künstlers Matthias Gabi ist einer, der innerhalb dieses Verlaufs nach dem sucht, was man nicht sieht.

Sein Verfahren kann als Rückwärtsbewegung des Filmemachens gesehen werden. Statt zu verbinden, schneidet der Künstler aus dem narrativen filmischen Körper einzelne und unabhängige Teile. Dieser präzise Schnitt offenbart dabei Bilder, die vor oder nach oder direkt neben dem eigentlichen Moment der Betrachtung liegen. Sie lösen sich von ihrem Woher und Wohin und sind stattdessen: hier, unmittelbar, nah. Es ist die Bewegung eines Bildes, bevor es gezeigt wird. Gleich dem Blick auf einen Menschen, bevor dieser sichtbar wird.

Fast hat man das Gefühl, etwas zu betrachten, das nicht zum Sehen bestimmt ist, etwas Verstecktes und Unbeobachtetes, neu Aufgespürtes. Ruhig und nah scheinen die Personen, die im Fokus der Aufnahmen stehen. Andächtig betrachtet man diese Gesichter, die ins Leere blicken, aus dem Bild heraus. Was klar deutlich wird: Dies sind keine Fotografien. Die FILMSTILLS zeigen ihren filmischen Ursprung deutlich, denn es sind perfekt inszenierte und doch «unbemerkte» Ausschnitte von nachgestellter Realität, festgesetzt durch einen Kameramann. So einprägsam und stark die gezeigten Film-Bilder sind, so wird gleichzeitig ihre Flüchtigkeit und «Nicht (Er-)Fassbarkeit» deutlich. Die Eigenschaft des Dazwischenseins wird von Gabi nicht nur motivisch, sondern auch in der gewählten Präsentationsform aufgegriffen. Die FILMSTILLS sind nicht auf Fotopapier oder Leinwand gedruckt, stattdessen werden sie projiziert; ihre haptische Nicht-Existenz bleibt erhalten.

Matthias Gabi bringt so Momente ans Licht, die man nicht sieht und stellt sie wie unter einem Mikroskop vergrössert klar und kompromisslos als neuen Mittelpunkt der Betrachtung aus. Die FILMSTILLS beginnen so ihre eigene Erzählung, die sich von der des filmischen Ursprungskontexts vollkommen löst. Man ahnt, das die vorherige oder nächste Sekunde eine Geschichte andeuten würde, die uns aber verborgen bleiben wird. Sie wirken wie eine vage Erinnerung an etwas Unbekanntes, schmerzhaft schön und melancholisch

Barbara Marie Hofmann

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