/// Rubrik: Leserbriefe

Widerspruch nötig

Leserbrief – Die überschwängliche Laudatio von Hanspeter Rusch über Pfarrer Jehle hat wohl selbst die ihm Wohlgesinnten überrascht. (Dr. Ernst Bucher, Kreuzlingen)

(Bild: archiv)

Bezugnehmend auf einen Kommentar in den Kreuzlinger Nachrichten 44 vom 2. November.

Ein Pfarrer, der blindlings alles befolgt, was ihm von oben herab diktiert wird, macht noch längst keinen guten Seelsorger aus. Ein guter Seelsorger wirkt integrierend, wohlwissend, wie brüchig und fragwürdig obrigkeitliche Verkündigung ist, und dass auch Rom die Wahrheit nicht für sich gepachtet hat. Was Jehle glaubt, ist in Wahrheit während 20 Jahrhunderten erstritten und kontrovers diskutiert worden. Wissenschaftliche Erkenntnisse haben vieles davon in Frage gestellt. Er hat gnadenlos alle in die Wüste geschickt, die nicht seine Meinung vertreten haben und hat polarisiert bis zum Gehtnichtmehr. Wer nur in einem engen Zaun von Gehorsam gegenüber Obrigkeit leben will und sich dadurch seiner Verantwortung entzieht, wie es Rusch preist, ist in meinen Augen nie erwachsen geworden. Ein reifer Erwachsener anerkennt durchaus die Notwendigkeit von Lehrmeinungen, ist aber auch bereit, eigenverantwortlich gegensätzlich zu entscheiden, wenn es erforderlich ist. Wer, wie Jehle, Lehrmeinungen verabsolutieren und für niemals veränderbar halten will, nimmt bewusst in Kauf, in Sonderfällen Unrecht zu tun, und ignoriert zudem, dass sich Wissenschaft und Gesellschaft in einer dynamischen Entwicklung befinden, und sich deshalb Lehrmeinungen einer Epoche nicht für alle Zeiten zementieren lassen. Das ist weit weniger bequem, als an alten Zöpfen eisern festhalten zu wollen. Das Recht des freiheitlichen verantwortlichen Denkens hat im 21. Jahrhundert klar Primat gegenüber blinder Obrigkeitsgläubigkeit, wie Jehle glaubte vorleben und durchsetzen zu müssen. Ausserdem ist uns letztlich nur zu sehr bewusst geworden, wie Dogmatik, Verkündigung von Lehrmeinungen und klerikale Dominanz Roms in der Vergangenheit mehr dem Selbstinteresse von Macht und Besitz statt der christlichen Verkündigung dienten. Der Artikel von Rusch, mit seinen pauschalen Verunglimpfungen von Kirchenvorsteherschaft, Leserbriefschreiber, ja selbst Bischof Felix, und allen ,die Jehle zu Recht kritisch gegenüberstanden, und er gar von Rufmord und Verleumdung schreibt, die Verfehlungen Jehles schönredet oder gar unterdrückt, ist leider nicht gerade sein bestes journalistisches Werk geworden, und wäre besser unterblieben. Es bedarf daher des Widerspruchs.

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