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Dem Unheimlichen ein Zuhause geben

Konstanz – Anna und Nick möchten in den Bergen ihre Beziehung retten. Doch von Erholung keine Spur. Die Eheleute verlieren vor grosser Kulisse langsam aber sicher den Verstand. Das rätselhafte Psychodrama des polnisch-schweizerischen Regisseurs Greg Zglinski ist nur einer von 13 Genrefilmen aus dem vielseitigen Programm des Konstanzer Filmfestivals «Shivers».

(V.l.) Lukas Burg, Heinz Baumgartner und Stefan Schimek (Festivalkomitee), Magdalena Meyer.

Das Festival des charmanten kleinen Lichtspielhauses in Konstanz ist ganz dem hochwertigen Genrefilm gewidmet. Psycho-Horror, Grusel, Splatter, Kampf, Action und Science-Fiction sowie pechschwarze Komödien, spannende Thriller und Krimis, Neo-Western, Fantasy-Märchen oder animierte Filme werden hier vom engagierten, fast gänzlich ehrenamtlich arbeitenden Zebra-Team einem begeistertem Publikum präsentiert. «Uns ist es wichtig, diese grosse Bandbreite zu zeigen», erklärt Festivalmacher Stefan Schimeck den Anspruch. «Ausserdem hat natürlich jeder im Team seinen Favoriten und möchte diesen gerne einbringen.» Heinz Baumgartner, ebenfalls aus dem «Shivers»-Komitee, ergänzt: «Ängste und andere psychische Befindlichkeiten werden im Arthouse-Kino immer öfter mit Mitteln des Horror-, Fantasy-, Psycho- oder Thrillerfilms gezeigt. Was dazu führte, dass der Genrefilm einen ungeheuren Qualitätssprung machte. Deswegen widmen wir ihm ein ganzes Festival.»

Was passiert hier? Birgit Minichmayer als Anna in «Animals», dem Beziehungsdrama des polnisch-schweizerischen Regisseurs Greg Zglinski. (Bild: Wojtek-Sulezycki)

Filme aus aller Welt
Mit dabei: Der schweizerisch-polnisch-österreichische Beitrag «Animals», der ein Ehepaar auf der Suche nach Glück in der Zurückgezogenheit der Alpen zeigt. Dort finden sie stattdessen einen sprechenden Kater und überkommen Mord-Visionen. Das Magazin «Hollywood Reporter» verglich das Psychodrama bereits mit Werken von Hitchcock, Polanski und Lynch. Auch die weiteren Festival-Eingaben ernteten weltweit stürmische Kritiken, egal, ob es sich um Hollywood-Produktion oder um mit so gut wie keinem Budget gedrehte DIY-Streifen handelt. Neben den USA und Grossbritannien sind Estland, Island, Indonesien, Kambodscha, die Türkei und Uganda im Programm vertreten.

So eröffnet die als Oscar-Kandidat gehandelte bitterböse Thriller-Komödie «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» das Sechs-Tage-Festival. Frances McDormand spielt darin eine Mutter, die dem Sheriff einer Kleinstadt (Woody Harrelson) die Hölle heiss macht. Weil dieser den Mord an ihrer Tochter nicht aufklären mag oder kann, mietet sie grossflächige Werbetafeln, um ihn öffentlich zu kritisieren. Nachdem sie selbst ermittelt, stösst sie auf Widerstand und rennt in der Folge Backpfeifen und Tritte in die Eier verteilend durchs Dorf – dabei hat sie, wie sich herausstellen wird, selbst einige Leichen im Keller.

Das Centerpiece des Festivals stammt vom griechischen Kultregisseur Yorgos Lanthimos («The Lobster») und wartet mit Nicole Kidman in der Hauptrolle auf. Ein Chirurg muss sich entscheiden, wer von seiner Familie sterben soll, damit die anderen überleben – Psycho-Horror vom Feinsten, der eine Kinematographie des lauernden Unheils geradezu zelebriert.

Zwischen diesen «grossen» Filmen lassen sich etliche Perlen entdecken wie der Rache-Western der indonesischen Regisseurin Mouly Sourya («Marlina The Murderer In Four Acts»), in dem sich die Hauptdarstellerin mit einem abgetrennten Kopf auf den Weg zum Polizeirevier macht. «Es sind Filme, die polarisieren», so Schimeck. «Abenteuer für das Publikum.»

Acht Deutschlandpremieren
Gleich acht Filme waren in Deutschland noch nicht zu sehen. Premiere feiert unter anderem der abgedrehte No-Budget-Klopper «Bad Black» aus den Slums der ugandischen Hauptstadt Kampala, der ein Kinoerlebnis total abseits der gewohnten Pfade zwischen Unfug und Ultrakunst verspricht. Einzigartige Bilder liefert der teilweise mit selbst gebastelten animierten Pappfiguren hergestellte Film «Dave Made A Maze». Der Streifen, schreibt das Magain «Variety», kann gar nicht anders als ein Kult-Film werden. Fans der Martial-Art kommen auch auf ihre Kosten: In «Jailbreak» lassen einige der besten Profikämpferinnen und -kämpfer ihre Fäuste fliegen – ein spektakulärer Augenschmaus.

Vampire und Ausserirdische
Wie jedes Jahr haben die Festival-Macher ihr Programm mit zwei Klassikern garniert. Dabei reagieren sie auf aktuelle Begebenheiten. Dem im August verstorbenen Regisseur Tobe Hopper («The Texas Chainsaw Massacre») zu Ehren zeigen sie «Lifeforce», in dem eine attraktive Vampirin aus dem All die Weltherrschaft erlangen will. Paul Verhoevens «Starship Troopers» war bis zu diesem Jahr in Deutschland verboten. Am «Shivers» nun kann man seine Sci-Fi-Satire erstmals ungeschnitten auf der Leinwand geniessen.

Kurzfilmwettbewerb
Dazu werden in zwei Blöcken internationale Kurzfilme gezeigt, darunter «Das Mächen im Schnee» des St. Gallers Dennis Ledergerber, welcher ebenfalls als Premiere im deutschsprachigen Raum zu sehen ist. Eine Jury, in der unter anderem FM4-Filmkritiker Christian Fuchs sitzt, kürt aus den 24 Eingaben den «Shivers Shorts-Award».

Das Festival abschliessen wird «How To Talk To Girls At Parties». Die wilde Mischung aus Science Fiction, Punk, Musical und Liebesfilm, in der ein weiteres Mal Nicole Kidman eine Hauptrolle hat, ist laut Baumgartner der Film, der restlos alle im Zebra-Team überzeugte: «Da waren wir uns einig: ein würdiger Abschluss».

Das Genre-Filmfestival «Shivers» startet am Donnerstag in seine dritte Runde. Von 23. bis 28. November sind im kommunalen Zebra-Kino, Joseph-Belli-Weg 5, in Konstanz abgefahrene Filme aus aller Welt zu sehen sowie ein Kurzfilm-Wettbewerb. Ein liebevoll zusammengestelltes Rahmenprogramm mit Catering, Deko und Filmemacher-Talks runden den Anlass ab. Vollständiges Programm unter www.shivers.de. Es gibt einen Festivalpass. Die Filme können aber auch einzeln besucht werden.

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