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Das digitale Goldvreneli

Kreuzlingen – Die virtuelle Währung Bitcoin macht derzeit mit immer höheren Kursen Schlagzeilen. Die enormen Wertschwankungen haben aber auch ihre Schattenseiten, die «digitalen Münze» eignet sich derzeit schlecht als Zahlungsmittel. In Kreuzlingen tüfteln derweil zwei Informatiker an einer Kryptowährung der dritten Generation. Mit Vrenelium soll eine schnelle, transparente und nachhaltige Zahlungsmethode entstehen. Doch dafür brauchen die beiden einiges an Vertrauensvorschuss.

Sascha P. Lorenz (l.) und Maurizio Tidei, wollen mit der Kryptowährung Vrenelium eine stabile, digitale Zahlungsmöglichkeit schaffen. (Bild: ek)

«Hätte ich doch damals nur Bitcoins gekauft, dann wäre ich heute reich.» – Kryptowährungen sind derzeit in aller Munde, im Hotel Hecht in Gottlieben kann man gar seinen Kaffee mit Bitcoins bezahlen. Derweil spekulieren selbsternannte Finanzexperten fleissig mit den digitalen Münzen auf Währungsplattformen. Vor knapp einem Jahrzehnt wurde man noch schief angesehen, bares Geld einzuwechseln für ein paar Zahlen in einem elektronischen Portemonnaie. Einer rein virtuell erzeugten Zahl, ohne staatliche Absicherung, einen realen Gegenwert entgegenzustellen, war damals unvorstellbar.

Doch als sich ein Entwickler im Mai 2010 für 10000 Bitcoins zwei Pizzen kaufte, war das Aufsehen gross. Anhänger der auf Blockchain Technologie basierenden Zahlungsmethode (siehe Box) sahen sich in ihrem Zahlungsmittel bestätigt. Mittlerweile wären die zwei Pizzen mehrere Millionen Dollar wert. Anfang November stieg der Kurs der Kryptowährung auf 7000 Dollar. In Zeiten von Niedrigzinsen suchen Spekulanten verzweifelt nach neuen Renditefeldern. Gold, Immobilien und zunehmend auch Kryptowährungen wie Bitcoins, Ethereum oder Litecoin treffen den Nerv der Zeit. Denn ähnlich wie bei einem Edelmetall ist sicher, dass nur eine begrenzte Menge davon zur Verfügung steht – und damit erhält auch eine rein digitale Währung ihren Wert.

Kehrseite der Medaille: Die ursprünglich als Zahlungsmethode entwickelten Bitcoins eignen sich mehr schlecht als recht zum Zahlen. Sichere Transaktionen dauern durch die Bestätigung mit allen an der Blockchain angehängten Benutzern bis zu einer Stunde. Hinzu kommen hohe Gebühren, gerade beim Abwickeln von kleinen Beträgen.

Für bare Münze
Ein Umstand, den zwei Software-Entwickler aus Kreuzlingen ändern wollen. Mit Vrenelium arbeiten Maurizio Tidei und Sascha P. Lorenz derzeit daran, eine sichere und transparente Kryptowährung zu entwickeln. Das übergeordnete Ziel der beiden Gründer der Contexagon GmbH mit Sitz an der Bahnhofstrasse ist es, mit Vrenelium irgendwann unkompliziert den Einkauf im Coop und die Taxifahrt nach Hause zu bezahlen. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. «Wir haben gerade unsere Pre-ICO Phase abgeschlossen», erklärt Lorenz den Marschplan. Bis Ende Oktober konnten sich Interessenten für 70 US-Cent ein Vrenelium-Token sichern. 1,925 Millionen Einheiten Vrenelium sind bisher herausgegeben worden – ein Vertrauensvorschuss.

Denn vom Hype um das Krypto-Geld wollen derzeit viele profitieren, oft mit dubiosen Geschäftsmethoden. Rund 3000 solcher Währungen sind global im Handel, täglich tauchen neue, vielversprechende Namen auf. Doch nachdem das Startkapital eingesackt wurde, bleibt oft nur eine Briefkastenfirma zurück.

«Unser nächster Schritt ist es jetzt also, das in uns gesteckte Vertrauen zu bestätigen», sagt Tidei. Erreichen wollen die beiden studierten Informatiker dies mit möglichst grosser Transparenz. Zusammen mit dem Zürcher Rechtsanwalt Daniel M. Affolter haben sie die Aktiengesellschaft Vrenelium AG gegründet. Derzeit arbeiten fünf Leute daran, einen Businessplan zu erstellen und die Technologie in einem Grundsatzpapier festzuhalten. Ihr Konzept wollen sie dann bei der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht zur Beurteilung einreichen.

Bis Februar sollen alle diese Informationen auf ihrer Webseite www.vrenelium.ch ersichtlich sein. Dann startet der offizielle ICO, die «Initial Coin Offering». Jeder kann sich dann für 1,30 Dollar Vrenelium-Tokens kaufen, um die Technologie zu unterstützen. «Es gleicht einem Crowdfunding Projekt. Erst einmal brauchen wir Geld, um die Weiterentwicklung, Infrastruktur, Marketing und Rechtsberatung zahlen zu können», erklärt Lorenz den anfänglichen Kapitalbedarf. Sollte nicht genug Geld zusammenkommen, um Vrenelium zu generieren, wird das Geld zurückgezahlt.

Sobald das Software-Programm jedoch einmal läuft, soll Vrenelium auf eigenen Beinen stehen. Der Clou: Kleine Zahlungen kontrolliert «Helios», eine «Machine-Learning-Plattform». Das Programm, welches stetig dazu lernt, berechnet die Wahrscheinlichkeit von unauthorisierten Zahlungen. Dadurch wird die langwierige Einspeisung ins Blockchain System erst einmal umschifft und Transaktionen schneller und günstiger abgewickelt als bei üblichen Systemen.
Was bei Vrenelium gleich bleibt, ist das Prinzip des «Mining». Dadurch können weitere Einheiten der Währung generiert und der gemeinsamen Datenbank angefügt werden. Ein sehr rechenintensiver Vorgang, bei dem enorm viel Energie in heisse Luft verpufft. «Der Stromverbrauch durch Bitcoins gleicht derzeit etwa dem eines kleinen Landes wie Slowenien», kritisiert Tidei. Diese Rechenleistung möchten die beiden Informatiker sinnvoll Nutzen und Non-Profit-Organisationen oder der Forschung zugute kommen lassen.

Ein stabiler Wert
Auch Spekulationseskapaden möchten sie vorbeugen. «Wenn sich niemand getraut, sein Geld auszugeben, weil er denkt, es könnte morgen doppelt so viel Wert sein, verliert die Währung ihren Sinn», so Tidei. «Wir wollen aber, dass ein Grossvater seinem Enkel ein Vrenelium schenken kann, und dieses seinen Wert behält», erklärt Lorenz den vom Gold-vreneli abgeleiteten Namen. Die beiden Firmengründer glauben jedenfalls an die Beständigkeit ihrer Idee. Sie lassen sich bereits jetzt ihren Lohn in Vrenelium ausbezahlen.

Die Blockchain
Allen Kryprowährungen zugrunde liegt die sogenannte «Blockchain». Anhand dieser Datenbank, welche bei allen Teilnehmern hinterlegt ist, können die getätigten Transaktionen bis zum Ursprung zurückverfolgt werden. Verändert sich ein Wert, muss dieser mit allen anderen Datenbanken abgeglichen sein. Der Kette können durch Rechenleistung (Mining) weitere Blöcke hinzugefügt werden, jedoch ist irgendwann eine Maximalanzahl erreicht. Dadurch entsteht eine natürliche Knappheit der Währung.

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One thought on “Das digitale Goldvreneli

  1. Lucas Zuppinger, ZwischenRAUM, Altnau

    Danke für diesen Bericht!
    Trotzdem bleibt mir noch einiges unklar:
    1) Die Begriffe Coin und Token werden beide verwendet. Ist es nun ein Coin zum Bezahlen oder eine Firmenbeteiligung (Token)?
    2) Wie soll die Deflation in den Griff gekriegt werden, wenn der maximale Supply auf 78 Mio Coins/Tokens beschränkt ist?
    3) Wie wird denn das Mining aussehen? PoW, PoS, DPos? Darüber findet man keine Angaben.

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