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«Schreiben hat mir das Leben gerettet»

Konstanz – Thomas Coraghessan Boyle, kurz T.C. Boyle oder einfach Tom, ist derzeit auf Lesereise im deutschsprachigen Raum. Beim Treffen im Steigenberger Inselhotel in Konstanz wird der berühmte US-amerikanische Autor seinem Ruf gerecht: Er ist witzig, charismatisch, sehr freundlich und trotz seiner 68 Jahre jung geblieben. T.C. Boyle über Drogen, Musik, seinen nächsten Roman und warum ihm Schreiben die Welt bedeutet.

Der Autor in seiner Suite im Steigenberger Inselhotel. (Bild: Jette Marie Schnell, www.jette-marie.ch)

Herr Boyle, Sie wurden gerade mit dem Literaturpreis für Satire und Humor geehrt. Wie war’s in Zürich?
Es war mir eine grosse Ehre und hat sehr viel Spass gemacht. Der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky ist Vorsitzender der Jury und er hat eine tolle Show abgezogen. Richtig theatralisch. Ich habe alte Freunde getroffen, sie haben witzige Reden gehalten, und eine Band sang Songs über Jonathans Swifts und mein Werk und darüber, wie viele Preise ich schon gewonnen habe. Wunderschön.

Wie war die Band?
Ein Rock’n’Roll-Duo, wie es im Buche steht: Mit Akustik-Gitarre und Waldhorn.

Waldhorn?
Ja. Wie eine Tuba, nur kleiner.

Haben Sie auch mitgesungen?
Nein, die Zeiten sind vorbei. Mit dem Musikmachen habe ich vor langer Zeit abgeschlossen, um Schriftsteller zu werden. Aber ich höre praktisch ständig Musik.

Auf Ihrer Webseite kann man Sie als Sänger mit ihrer Band «Ventilators» hören, das hat mir gefallen …
Das war auch eine super Zeit. Aber ich kam an einen Punkt, wo ich mich entscheiden musste, welcher Sache ich mein Leben verschreibe. Als ernsthafter Musiker würde ich rund um die Uhr spielen und proben wollen. Und das geht nicht zusammen mit dem Schreiben. Was eigentlich schade ist …

Hören Sie auch Musik beim Schreiben?
Ich habe noch nie etwas geschrieben, wenn keine Musik lief. Dabei läuft Klassische Musik und Jazz.

T.C. Boyle fotografiert gerne für seinen Twitter-Account. (Bild: Jette Marie Schnell, www.jette-marie.ch)

Wie gefällt Ihnen der Bodensee?
Sehr schön. Der See kommt mir so bekannt vor. Vielleicht schwimme ich heute noch durch. Und wieder zurück.

Waren Sie schon einmal hier?
Vielleicht.

Wie?
Keine Ahnung. Ich toure so viel, dass ich mich manchmal an die Orte nicht mehr erinnern kann. Einmal musste mir ein Fan per Foto beweisen, dass ich schon einmal da war, denn ich war mir sicher, es sei das erste Mal gewesen.

Wie viele Lesungen geben Sie pro Jahr?
In den letzten Jahren habe ich fast jährlich ein Buch veröffentlicht. Zwei Monate pro Jahr bin ich danach unterwegs, um das Buch vorzustellen.

Das hört sich anstrengend an. Und nötig hätten Sie es ja nicht mehr. Was gibt Ihnen den Kick?
Ich liebe den Kontakt mit dem Publikum. Und ich liebe es, eine gute Show abzuliefern. Lesungen sind ausserdem eine gute Möglichkeit, um Menschen zu erreichen, die sich eigentlich nicht für Literatur interessieren. Normalerweise sind Schriftsteller introvertierte Typen, die nicht gerne unter Menschen gehen. Ich habe auch so etwas in mir. Den grossen Teil des Jahres lebe ich wie ein Einsiedler und arbeite viel. Aber ich mag Menschen. Ich stehe gerne auf der Bühne, gebe Interviews oder bin im Fernsehen. Und dann verziehe ich mich wieder nach Hause und schreibe ein neues Buch. Wo wir gerade beim Thema sind …

T.C. Boyle (r.) vor einem Auftritt. (Bild: twitter.com/tcboyle)

Ihr neues Buch ist fertig?
Ja, es heisst «Outside Looking In» und handelt von den ersten Jahren, in denen LSD aufkam. Der Auftakt der Geschichte beginnt in der Schweiz, als Albert Hofmann in der Basler Sandoz LSD entdeckte, im Selbstversuch den ersten Trip aller Zeiten schmiss und dann mit dem Velo nach Hause fuhr. Die Geschichte endet ebenfalls in Basel, 1968.

Haben Sie selbst einmal LSD genommen?
Ich habe alle Drogen probiert, die man sich vorstellen kann, und LSD viele Male. Für das Buch habe ich mich aber auf meine Erinnerungen verlassen.

Ein berühmtes Zitat von Ihnen lautet: «Schreiben ist wie eine Sucht für mich. Früher hatte ich andere.»
Es war eine wilde Zeit damals und ich hatte Glück, das zu überleben. Was mich rettete, war Schreiben. Als meine erste Kurzgeschichte veröffentlicht wurde, bewarb ich mich an der Uni, wo alle meine literarischen Helden studiert hatten. Ich wurde genommen, zog nach Iowa, besuchte den berühmten Writers Workshop unter John Irvings Leitung, und entkam so der New Yorker Drogenszene. Im Schreiben fand ich meine Bestimmung im Leben. Seitdem habe ich nicht mehr zurückgeschaut.

Wann erscheint ihr LSD-Buch?
Mein deutscher Verlag hat es noch gar nicht gesehen, die bekommen es erst in einem Monat. Aber ich habe bereits angekündigt, mein neues Buch handle von Drogen und Sex. Und dann die Marketing-Experten vom Verlag gefragt. «Wie seht ihr das: Verkauft sich so etwas überhaupt?»

Homepage des Autors.

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