/// Rubrik: Region

Begegnungen zwischen Berg und Mensch

Konstanz – Reinhold Messner, Abenteurer, Extrembergsteiger und Geschichtenerzähler, nimmt in einer neuen Vortragsreihe sein Publikum mit zu den 13 wichtigsten Gipfeln der Bergsteigergeschichte. Im Interview erzählt der 73-Jährige von seinen Erfahrungen, der Begegnung zwischen Mensch und Berg und verrät einen Ort, den er nie besteigen möchte.

«Aus meinen Erlebnissen kann man Lehren ziehen», sagt Reinhold Messner. (Bild: zvg)

KreuzlingerZeitung: Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat aufgrund von Satellitenaufnahmen dreidimensionale, fotorealistische Abbilder von Bergen erstellt. Diese Bilder kommentieren Sie mit Ihren eigenen Erlebnissen. Boten die Bilder auch für Sie neue Einblicke?
Reinhold Messner: Ja natürlich. Das war auch für mich aufregend zu sehen, welche Routen ich damals hochgestiegen bin. Zudem erlangt man von weiter Weg ja eine ganz andere Perspektive. Im Vortrag versuche ich zudem, einen neuen Blickwinkel auf die Geschichte des Alpinismus zu zeigen.

Gleichzeitig werden die Berge dadurch regelrecht durchleuchtet. Verlieren sie damit nicht ihren Reiz?
Viele meiner Zuhörer haben noch nie einen höheren Berg als ihren Barhocker bestiegen. Die Berge haben dennoch schon lange ihr mythisches Wesen und ihre Unbezwingbarkeit verloren. Nehmen Sie die Schweizer Alpen, das Matterhorn ist mittlerweile fast schon besiedelt.

Motivieren Sie Personen mit Ihren Geschichten nicht dazu, auch einmal eine Wand zu besteigen oder einen Berg zu erklimmen?
Obwohl Klettern und Bouldern gerade hoch im Kurs sind, nimmt meiner Meinung nach das traditionelle Bergsteigen ab. Denn die ganzen Wanderer und Hobby-Alpinisten bewegen sich ja auf vorgetrampelten Pfaden. Selbst die Besteigung des Mount Everests geschieht auf einer präparierten Route. Da werden von Sherpas regelrechte Strassenarbeiten ausgeführt, bevor die Saison zur Besteigung beginnt. Das hat mit meinem Verständnis von Alpinismus nichts zu tun.

Wo sehen Sie Ihre Leidenschaft?
Der Alpinist geht dahin, wo zuvor noch niemand war. Und das in Eigenverantwortung. Alles andere ist eher ein Sport als ein Abenteuer.

Sorgen Sie sich um die Natur?
Ach was, diese Pistenalpinisten besteigen ja alle die gleichen 20 Berge. Es bleiben eine Million Berge übrig, welche noch nicht bestiegen wurden. Deswegen mache ich mir keine Sorgen, dass jemand die Landschaft kaputt macht.

Der Berg Kailash, Tibets heiligster Berg. (Bild: zvg)

Gibt es Orte, welche sogar für Sie tabu sind?
Ja, der Berg Kailash. Den Tibetern gilt er als heiliger Berg. Ich habe dennoch einmal die Erlaubnis für eine Besteigung erhalten, jedoch auf den Aufstieg verzichtet. Dieser Berg wird hoffentlich nie bestiegen.

Sie sind mittlerweile über 70, haben an die 50 Bücher geschrieben und Extremsituationen überlebt, die sich viele gar nicht vorstellen möchten. Machen Sie das alles, um einen bleibenden Eindruck auf dieser Welt zu hinterlassen?
Ich bin ja nicht ganz dumm. Mein Name währt vielleicht ein Menschenleben nach. Das ist nichts in der Zeit des Kosmos. Deswegen handeln meine Bücher ja auch nicht von mir, sondern meinen Erlebnissen. Diese Begegnungen zwischen Mensch und Berg, daraus können auch spätere Generationen noch etwas lernen.

Was kann man denn aus solchen Begegnungen lernen?
Ein Punkt ist unser Umgang mit der Angst. Gehe ich eine Expedition beherzt an, gelingt sie meist. Zögere ich jedoch, warte auf besseres Wetter oder warte noch ab, gewinnt die Angst irgendwann. Aber natürlich habe auch ich nicht die Fähigkeit, die absolute Wahrheit zu erkennen. Vielmehr gebe ich in meinen Vorträge Beispiele aus meinen eigenen Erfahrungen in Extremsituationen. Schlussendlich muss aber jeder selbst für sich entscheiden, ob diese für ihn zutreffen.

Begeben Sie sich immer noch in Extremsituationen?
Mittlerweile gehe ich in bescheidenerem Rahmen in die Berge. Pro Jahr mache ich vielleicht zwei bis drei Expeditionen. Aber nur auf 5000 bis 6000 Meter Höhe.

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