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Was geschah mit Heidi Scheuerle?

Kreuzlingen – Vor 21 Jahren verschwand die Praktikantin Heidi Scheuerle aus Kreuzlingen. Vor 17 Jahren ist in Spreitenbach eine Leiche gefunden worden. Vor 15 Jahren war unbestreitbar, dass es sich hierbei um die Vermisste handelt. Bis heute ist der Kriminalfall ungeklärt.

Das Opfer: Heidi Scheuerle. (Bild: zvg)

Eine rotblonde Frau sitzt am Küchentisch und frühstückt. Währenddessen schreibt sie auf einen Pappkarton gross «Zürich» und «Basel». Ihre Mitbewohnerin betritt die Küche mit Blick auf das Schild, und merkt an: «Autostopp? Das wäre nichts für mich, ich hätte viel zu viel Angst.» Die Antwort kommt prompt: «Trampen ist umweltfreundlich und kostet nichts.»
So wird Heidi Scheuerle in der «Aktenzeichen XY» – Sendung vom 21. Januar 2000 dargestellt. Sie bricht danach trampend in Richtung Zürich auf. Die gebürtige Deutsche aus der Nähe von Ulm absolvierte im Jahr 1996 ein Praktikum beim Schweizer Fernsehen. Für das Kulturmagazin «next» soll die angehende Journalistin am 8. Oktober im Museum für Gestaltung in Weil am Rhein für einen Beitrag recherchieren. Hierfür bot ihr der DRS an, die Fahrtkosten zu übernehmen. Doch die Kreuzlingerin wollte die Reise lieber per Anhalter antreten. Beunruhigt war sie deswegen nicht, denn Scheuerle war eine begeisterte Tramperin. Von vermeintlichen Gefahren diesbezüglich liess sie sich nicht einschüchtern.

In der Konstanzerstrasse machte sich Scheuerle auf den Weg nach Weil am Rhein. Dort kam sie nie an. (Bild: pw)

Aufbruch per Autostopp
Gegen 12 Uhr Mittag bricht die 26-Jährige voller Vorfreude auf. Schnell findet sie in der Konstanzerstrasse eine Mitfahrgelegenheit. Hansruedi B., ein Mitarbeiter der Swissair, nimmt sie eine halbe Stunde in seinem Auto mit bis zum Rastplatz Forrenberg Nord, kurz vor Winterthur. Dort trennen sich ihre Wege in gegenseitigem Einvernehmen, wie später im Polizeibericht steht. Dem Fahrer fällt noch auf, wie sehr die junge Frau sich auf ihren Besuch im Museum freut, wo sie ihre erste eigene Recherche durchführen darf.
Auf dem Rastplatz Forrenberg wurde Scheuerle dann von LKW-Fahrer Paul F. gegen 12.40 Uhr das letzte Mal lebend gesehen. Er berichtete, dass sie gezielt auf der Suche nach einer Mitfahrt in einem PW war. Fuhr einer vorbei, streckte sie den Daumen aus, fuhr hingegen ein LKW vorbei, wandte sie sich ab. Als der Zeuge um 12.55 Uhr nochmal in Richtung der Autobahnauffahrt sah, war Scheuerle verschwunden. An ihrem Ziel sollte sie nie ankommen.
Zwei Tage später, am 10. Oktober, meldete sie ihre Mitbewohnerin als vermisst, denn abends kam Scheuerle nicht wie versprochen zurück. Sie blieb verschwunden.

Grosse Suchaktion
Was folgte war eine grosse nationale Suchaktion. Suchplakate wurden verteilt und entlang der Autobahnen aufgehängt, die Vermisstenmeldung lief ab dem 12. Oktober über das Fernsehen und das Radio. Der Swissairmitarbeiter und der LKW-Fahrer meldeten sich als Zeugen, so wurde die Spur der rotblonden Frau noch bis zum Rastplatz Forrenberg verfolgt, dann verlor sie sich. Die Polizei überprüfte auch Häftlinge, die zur fraglichen Zeit Hafturlaub hatten, und Kreditkartenbesitzer, die im Zeitraum des Verschwindens an der Raststätte Forrenberg bezahlt hatten. So wurden insgesamt 319 mögliche verdächtige Personen von der Polizei identifiziert, doch deren Überprüfung löste das Rätsel nicht.
In den darauffolgenden Jahren gab es keinen Hinweis auf den Verbleib der 26-Jährigen. Deshalb entschied die Kantonspolizei Thurgau, im Jahr 2000, die Öffentlichkeit über die Fernsehsendung Aktenzeichen XY um Hilfe zu bitten. Wachtmeister Andreas Müller begründete diesen Schritt im Studio damit, dass die Polizei nichts unversucht lassen wolle, einen Hinweis auf den Verbleib der verschwundenen Praktikantin zu finden.
Es war ein Gewaltverbrechen
Mittlerweile ging die Kantonspolizei Thurgau davon aus, dass die immer noch vermisste Scheuerle Opfer eines Gewaltverbrechens geworden war. Das wurde auch in der Fahnungssendung Aktenzeichen deutlich kommuniziert. Ein Suizid oder ein Abtauchen wurde ausgeschlossen, da sowohl ihr Umfeld als auch der Swissairmitarbeiter Hansruedi B. einstimmig berichteten, wie sehr sich die ehrgeizige Frau auf ihre Arbeit in Weil am Rhein freute. Sie betrachtete ihr Praktikum als Karrierechance.
In der Sendung wurde darauf hingewiesen, dass das Auffinden von Scheuerles Schlüssel oder Ausländerausweis hilftreich bei der Suche nach ihr sein könnte. Hinweisgeber sollten mit 4000 Franken honoriert werden. Trotzdem zeigte der Auftritt in der Sendung keine Wirkung. Die Frage, welchem Gewaltverbrechen Heidi Scheuerle am 8. Oktober 1996 zum Opfer fiel, blieb bestehen.

Fund der sterblichen Überreste
Pilzsammler fanden am 28. Oktober 2000 in einem Wald bei Spreitenbach Teile eines Skeletts. Herbeigerufene Gerichtsmediziner schätzten das Liegedatum der Leiche fälschlicherweise auf acht bis zehn Wochen, weshalb keine Verbindung zu der schon seit vier Jahren vermissten Kreuzlingerin hergestellt worden ist. Erst im Frühjahr 2002 konnten die sterblichen Überreste zugeordnet werden. Bei einer zweiten Spurensuche ist ein Schlüssel gefunden worden, dieser brachte die Ermittler letztendlich auf die Spur der vermissten jungen Kreuzlingerin. Ein DNA-Abgleich mit der Mutter Scheuerles ermöglichte die eindeutige Identifizierung. Nach mehr als vier Jahren war nun sicher: Heidi Scheuerle ist tot, mit nur 26 Jahren fiel sie einem Tötungsdelikt zum Opfer. Das konnte die Kantonspolizei aufgrund von Spuren am Fundort feststellen. Die genaue Todesursache und der Zeitpunkt des Todes ist aber bis heute ungeklärt.
Um den Täter ausfindig zu machen, bewilligte der Regierungsrat Aargau im Jahr 2002 eine Erhöhung der Belohnung auf 50000 Franken. Doch trotz der hohen Summe gingen auch weiterhin keine Hinweise ein, welche die Todesumstände Scheuerles erklären würden. Die Polizei musste die Ermittlungen schlussendlich ohne Ergebnis einstellen.

Neue technische Möglichkeiten
20 Jahre nach Scheuerles Verschwinden und zehn Jahre vor der Verjährung sind die Ermittlungen im letzten Jahr erneut aufgerollt worden. Denn der leitende Staatsanwalt Beat Richner will schon den kleinsten Hinweis nutzen um den Fall zu lösen – eine Klärung, die auch für die Familie Scheuerles wichtig wäre. So wurde ein am Tatort gefundener Fingernagel auf sein DNA-Profil hin untersucht. Das war technisch im Jahr 2002 noch gar nicht möglich. Doch die DNA stammt vom Opfer, nicht vom Täter. 2016 wurde nochmals umfangreich ermittelt. «Leider sind die Ermittlungen wieder eingestellt, da wir alle Spuren überprüft haben», sagt Beat Richner «Die Hoffnung, dass sich der Täter stellt oder jemandem anvertraut ist sehr klein, aber sie ist da.»

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