/// Rubrik: Kultur | Topaktuell

Rezenter Schauspielgenuss

Kreuzlingen – An der Premiere des Musicals «Gotthelf» gab es Intrigen zu durchschauen und Klassen sprengende Liebe zu erleben. Für die jeweils passende musikalische Atmosphäre sorgte das Symphonische Blasorchester Kreuzlingen.

Der Käse ist von den Kontrolleuren als ungenügend befunden und vom betrügerischen Eglishannes als viel zu günstig verkauft worden. Die Einwohner der Vehfreude sind in hellem Aufruhr. (Bild: Reto Bollinger)

Gleich von Beginn weg hätte alles so schön enden können: Nach Jahren der Zwangsarbeit wird das liebenswerte Verdingkind Änneli (Anja Monn) von ihrer Schwester Bethi (Maja Beck-Bänziger) freigekauft. Gleichzeitig beschliesst die Gemeinde unter Leitung des listigen Ammans (Antonio Zeiter) den Bau einer Käserei. Und sein Sohn Felix (Matthias Salzmann) geniesst seine Position bei den Frauen und muss diese lediglich gegen Nebenbuhler verteidigen.

Derweil wünscht die Matriarchin Eisi ihrem …

Doch unter der anscheinend idyllischen Oberfläche brodelt es im Berner Paradies. Gier, Missgunst und Patriarchentum herrschen vor. Die Käserei soll für alle Einwohner das grosse Geld bringen, doch ohne Fleiss kein Preis. Gepanschte Milch und Müssiggang lassen einen minderwertigen Käse reifen. Niemand will die Schuld tragen und so nutzt der Egglihannes (Ramon Sprenger) die Gunst der Stunde die Käsereikommission zu überlisten. Derweil versucht die bitterböse Eisi (Rita Bänziger) mit Hexenwerk ihrem ehemaligen Verdingkind den Teufel auf den Hals zu hetzen. Doch das Ritual gerät ausser Rand und Band, keine zahmen Rhytüfeli, sondern furchteinflössende Erzteufel aus dem neunten Kreis der Hölle erscheinen auf der flammend roten Bühne. Der zart aufflackernden Liebe zwischen Änneli und Felix tut dies einen jähen Abbruch.

… ehemaligen Verdingkind Änneli den Teufel an den Hals. (Bilder: Reto Bollinger)

Jeremias Gotthelf in Gestalt von Pfarrer Bitzius predigt scheinbar ungehört gegen den Verfall seiner Gemeinde an. Doch der Schweizer Nationaldichter hat noch einen Pfeil im Köcher.
Das Musical erreicht durch seine Mehrspurigkeit der Handlungsstränge ein Mass an Intensität, vergleichbar mit einem rezenten Käse. Die beläufige Komik, das schauspielerische Talent der Akteure sowie die in urchigem Berndeutsch gehaltenen Dialoge verleihen dem Stück den nötigen Charme für einen unterhaltsamen Musical-Ausflug ins Emmental. ek

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