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Unkonventionelle Hilfe

Tägerwilen – Der Tägewiler Gemeinderat hat einem ortsansässigen Unternehmer geholfen, das denkmalgeschützte Haus am Gottlieber Zoll zu kaufen.

Das ehemalige Zollhaus am Gottlieber Zoll wurde verkauft und soll bald umgebaut werden. (Bild: sb)

Das ehemalige Zollgebäude an der Konstanzerstrasse 119 stammt aus dem Jahre 1862. In dem altehrwürdigen Haus mit der gut erhaltenen klassizistischen Fassade haben Beamte aber schon länger keine Schmuggler mehr verhaftet. Stattdessen diente es als Wohnhaus. Nach der Öffnung des Gottlieber Zolls vermietete der Bund die Wohnungen, welche Danke ihrer Nähe zur Natur sehr beliebt waren.

Bund wollte verkaufen
Anfang Jahr jedoch schrieb die Eidgenossenschaft das Haus zum Verkauf aus und beauftragte die Immobilienfirma Goldinger. Diese bewarb es als gut erhaltenes Traumhaus für vier Familien, mit je zwei Drei- und Vier-Zimmerwohnungen sowie 1800 Quadratmetern Grundfläche. Interessenten fanden sich rasch, drei auswärtige Investoren und ein Tägerwiler: der Unternehmer und Verleger Christian Rosenberg.

Rosenberg verlegt erfolgreiche Fachmagazine wie den «Whisky-Botschafter», das «Drinks» oder den «Hotel- und Städteguide». Neben Zeitschriften verdient er sein Geld auch mit Messen oder Veranstaltungen. Er gilt als Kenner des Hotelgewerbes. In Konstanz hatte er seine Laufbahn einst beim Inselhotel begonnen; heute besitzt er selbst ein Hotel: das bekannte Trompeterschlössle. Es befindet sich nur einen Steinwurf entfernt vom ehemaligen Zollhaus.
Rosenberg will das Trompeterschlössle auf Vordermann bringen und auch das Restaurant wieder eröffnen – ein Glücksfall, heisst es aus dem Tägerwiler Gemeindehaus. Am Zollhaus war der gebürtige Konstanzer interessiert, weil hier Suiten für sein Hotel möglich wären. Andererseits kann er dort die Büros seines Unternehmens sowie die des Hotels zusammenlegen. Bislang operiert die Medienbotschaft Verlag & Events GmbH von seinem Tägerwiler Wohnhaus aus. Der Platz wurde aber langsam knapp für ein Unternehmen mit zehn festen und 18 freien Mitarbeitern.

Der Hotelier gelangte also an die Gemeinde, von der er wusste, dass sie das Vorkaufsrecht für das Haus besitzt. Diese liess sich überzeugen. «Wir haben einem Tägerwiler Unternehmen damit geholfen, einen neuen Standort zu finden», argumentierte Gemeindepräsident Markus Thalmann an der zurückliegenden Gemeindeversammlung. «Der Erhalt des traditionellen Trompeterschlössles ist damit gesichert und weitere Arbeitsplätze werden geschaffen. Gleichzeitig lösen wir das Parkplatzproblem am alten Standort.»

Thalmann reagierte damit auf kritische Nachfragen und erklärte das Vorgehen.

So funktionierte der Schachzug
Weil die Gemeinde das Vorkaufsrecht nicht auf Rosenberg übertragen konnte, überwies Rosenberg den Kaufpreis zunächst auf ein Durchlaufkonto. Wenige Stunden später leitete die Gemeinde das Geld an ein Bundeskonto weiter. Weil das Geschäft also nicht über das Landkreditkonto lief und weil kein einziger Steuerfranken geflossen sei, habe man keinen Versammlungsbeschluss von der Gemeinde benötigt, lies Thalmann wissen.

Dass der Beschluss nicht eingeholt wurde, lässt Otto Egloff aus Tägerwilen auch nach der Gemeindeversammlung keine Ruhe. Der Jurist und Betreiber vom Alters- und Pflegeheim Bindersgarten ist überzeugt, das Geschäft hätte «vor den Bürger» gemusst – ansonsten sei es nichtig. Das habe ihm auch ein Anwaltskollege bestätigt. «Aber die Genehmigung kann man noch nachholen», so Egloff.

Gemeindepräsident Thalmann sieht das nicht so und verweist auf vorangegangene Abklärungen beim Kantonalen Finanzamt, welches das unkonventionelle Vorgehen deckte. Auch die Finanz- und Rechnungsprüfungskommission der Gemeinde wurde informiert. «Wir handelten nach bestem Wissen und Gewissen», so Thalmann. Ansonsten gebe es ja die Möglichkeit einer Aufsichtsbeschwerde.

Der neue Besitzer des Zollhauses sieht die Kritik Egloffs ebenfalls gelassen und denkt bereits an die Baueingabe, welche bis März 2018 erfolgen soll. «Dann kann ich auch weitere Details zum Umbau verraten», so Christian Rosenberg.

Wenn ein Haus erzählen könnte …
Haben Sie gewusst, wie hart Schmuggler kurz nach dem Ersten Weltkrieg bestraft wurden? 1920 erhielten zwei Konstanzer Arbeiterinnen zwei Monate Gefängnis und hohe Geldstrafen, weil sie 30 vom Ausfuhrverbot betroffene Eier in die Schweiz brachten. Ausserdem wurden ihre Namen in den Tageszeitungen veröffentlicht, um sie zu demütigen (aus dem Buch «Das Tägermoos» von Tobias Engelsing).

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