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45 Jahre im Dienst der Katholischen Kirche

Kreuzlingen – Pfarrer Josef Gander kam in den 70er Jahren als Vikar nach Kreuzlingen. Bevor er Pfarrer von St. Stefan wurde und dieses Amt 23 Jahre lang bekleidete, hat er in Bern Schwerverbrecher als Gefängnisseelsorger begleitet. Nun geht er in den Ruhestand. Ganz aufhören will er aber nicht: Als Aushilfspriester steht er der Kreuzlinger Gemeinde und anderen weiterhin zur Verfügung und im Priesterhaus Bernrain gibt es auch jeden Tag etwas zu tun.

Pfarrer Josef Gander ist in Beckenried am Vierwaldstättersee aufgewachsen und hat in seiner Laufbahn 3450 Sonntagsgottesdienste geleitet. (Bild: sb)

Herr Gander, eigentlich sind Sie ja ein 68er, oder?
Pfarrer Josef Gander: Das stimmt, ich habe in der Zeit der Studentenunruhen an einer internationalen Ordensschule in der Nähe von München studiert. Das war eine bewegte Zeit, aber auf dem Land war’s nicht gar so schlimm. Im Grossen ud Ganzen war es aber eine Kulturrevolution. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Die jungen Leute haben einfach alles in Frage gestellt.

Sie auch?
Man konnte nicht anders. Das haben alle gemacht. Man wollte alles ändern, die Gesellschaft, die Kirche, Autoritäten. Die Auswirkungen habe ich in meiner Zeit als Vikar gespürt. Im Religionsunterricht beispielsweise fragten mich die Schüler, ob sie auch durch das Fenster eintreten dürfen. Das seien sie von ihrem Lehrer gewohnt, der sie ermuntere, soziale Normen zu hinterfragen oder zu durchbrechen.

Haben Sie da Gegensteuer gegeben?
In einigen Bereichen ja. Der Eingang ins Klassenzimmer blieb bei mir die Tür, ich kam nicht barfuss in die Schule und duzen liess ich mich auch nicht. Eine gut verstandene Autorität ist wichtig, finde ich. Wenn junge Menschen nicht wissen, was gilt, fühlen sie sich verloren.

Etwas zu ändern: war das Ihre Motivation, in den Kirchendienst zu treten?
Nein, ich habe diese Berufung schon in sehr jungen Jahren gespürt. Und den Weg bin ich immer weiter gegangen und schliesslich in die Ordensgemeinschaft der Redemptoristen eingetreten, in welcher zu leben mir auch heute noch sehr viel bedeuet.

Was hat Sie besonders geprägt?
Sicher meine Zeit in Bern als Gefängnisseelsorger. Dort lernte ich, Verständnis für die Menschen zu entwickeln und ihnen vorurteilsfrei zu begegnen. Mir als Pater haben die schweren Jungs vertraut, im Gegensatz zu den Wärtern oder Gefängnispsychologen. Mir haben sie ihre Geschichten erzählt. Dabei habe ich tief in menschliche Abgründe geblickt. Im Frauengefängnis Hindelbank waren viele Frauen aus Südamerika, die wegen Drogenschmuggels einsassen. Es gab verrückte Geschichten: Bei einer Frau wurde festgestellt, dass sie nicht nur Kokainfingerlinge verschluckt hatte, sonden auch ein Kind im Bauch trug. Nachdem es zur Welt kam, habe ich es getauft und mich um die Mutter gekümmert. Der Kontakt blieb auch nach ihrer Rückkehr ins Heimatland bestehen. Vor einigen Jahren durfte ich sogar ihre Tochter verheiraten. Diese und andere Familien habe ich mit Schulgeld unterstützt, um den Kindern Schule und Ausbildung zu ermöglichen. In den Ferien bin ich auch mal hingeflogen, damit das Geld am richtigen Ort eingesetzt wird.

Am 26. Dezember hielt Pfarrer Josef Gander seinen letzten Gottesdienst in St. Stefan. (Bild: zvg)

Das belastet ja auch, solche schweren Schicksale hautnah mitzuerleben. Kehrten Sie deswegen ins brave Kreuzlingen zurück, weil Sie diese schlimmen Geschichten nicht mehr hören wollten?
Nein, aber man kann auch nicht sein Leben lang dasselbe machen. Als ich für die Pfarrerstelle angfragt wurde war ich gut 50 Jahre alt, da schien mir die Zeit für einen Wechsel richtig.

Was wird Ihnen von der Pfarrerszeit als besonders schöne Erinnerung bleiben?
Es gab so viele spezielle Momente in diesen 23 Jahren … Vermissen werde ich den Kontakt mit den Menschen und den Mitarbeitern der Pfarrei. Besonders gefallen haben mir die Gottesdienste und Feste sowie Ausflüge und Reisen mit den Ministranten.

Gab es auch mal schwierige Situationen?
Schon, vor allem, wenn es Konflikte mit Mitarbeitern gab, die nicht dazu passten, und dann gekündigt wurden. Ich bin einer, der immer will, dass es trotzdem funktioniert. Manchmal geht das aber nicht

Was wünschen Sie der Gemeinde für die Zukunft?
Ich hoffe, dass vieles weitergeht, was wir in den Jahren aufgebaut haben, Zum Beispiel die sehr gute Kinder- und Jugendarbeit.

Wie geht es weiter für Sie?
Vorerst habe ich keine konkreten Pläne, aber ich will in naher Zukunft wieder nach Bolivien und Kolumbien reisen. Wohnen werde ich weiterhin im Priesterhaus Bernrain, zusammen mit drei Schweizer Patres und drei aus Polen. Wir essen und beten zusammen. Zu meinen täglichen Aufgaben gehört unter anderem, die Beichte von Gläubigen abzunehmen, die ins Beichtzentrum kommen.

Morgen Samstag, 13. Januar, 18 Uhr, findet anlässlich der Vorabendmesse in Emmishofen die Amtseinsetzung von Pfarradministrator Pater Jan Walentek statt. Ausserdem wird der neue Kaplan für St. Stefan und St. Ulrich, Edward Nocun, begrüsst. Walentek ist der neue Seelsorgeleiter der gesamten Katholischen Kirchgemeinde und zusammen mit Nocun treten beide die Nachfolge der Pfarrer Josef Gander und Alois Jehle an. In St. Ulrich findet die Amtseinsetzung am Sonntag, 14. Januar, im 11- Uhr-Gottesdienst statt.

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Ein Gedanke zu „45 Jahre im Dienst der Katholischen Kirche

  1. Rosmarie Meloni-Salzmann

    Vor 56 Jahren bin Ich in Kreuzlingen aufgewachsrn damals war in Der St .Ulrichskirche noch der strenge Pfarrer Gmür tätig vom St.Stefan weiss Ich es nicht .Auch später waren beide Gemeinden sehr grosse katholische Gemeinden mit Pfarrern wie Robert Isler .Und Herr Gander erlebten Wir Jungen bei den gemeinsamen Scharanlässen von Blauring und Jungwacht .Viele Erlebnisse sind mit Ihnen verbunden .Manche ältere Bewohner die jetzt in Altersheimen wohnen haben die Sonntagsmesse regelmässig besucht und noch den Kirchenbrand 1963 in Erinnerung .Im St.Ulrich bei Herrn Jehle wie auch im St.Stefan bei Herrn Gander .Sie Beide waren für Jung und Alt da, dafür danke Ich Ihnen ..Ich hoffe dass Die neuen Pfarrherren die Gemeindemitglieder die in den Heimen sind auch weiterhin betreuen denn. Genau diese Pfarreimitglieder waren die, welche immer in die Gottesdienste kamen bei jedem Wetter .Glauben verbindet Jung und Alt .
    Grüsse einer Ehemaligen Kreuzlingerin

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