/// Rubrik: Stadtleben

Den Geflüchteten ein Gesicht geben

Kreuzlingen – Zusammen mit Wirtschaftsvertretern aus der Region hat das Flüchtlingscafé Agathu das Projekt «Intergration durch Arbeit» ins Leben gerufen. Auf einem Onlineportal stellen sich arbeitssuchende Asylbewerber dem Gewerbe vor.

Auf der vom Agathu lancierten Internet-Plattform können sich Flüchtlinge dem regionalen Gewerbe vorstellen. (Bild: ek)

Theoretisch dürfen Geflüchtete drei Monate nach ihrer Registrierung in der Schweiz anfangen zu arbeiten. «In der Realität dauert es jedoch Jahre, bis Flüchtlinge in der Arbeitswelt Fuss fassen können», sagt Karl Kohli, Präsident der Arbeitsgruppe für Asylsuchende Thurgau (Agathu). Das liege nicht am Unwillen der Migranten: «Praktisch alle unsere Gäste im Flüchtlingscafé möchten arbeiten», weiss Kohli aus Erfahrung. Vielmehr seien die administrativen und sprachlichen Hürden, um in den hiesigen Arbeitsmarkt einsteigen zu können, enorm hoch.

Zusammen mit Wirtschaftsvertretern rief die Agathu das Projekt «Integration dank Arbeit» ins Leben. Dieses soll als eine Art Türöffner für arbeitswillige Flüchtlinge dienen. So können sie eine Lehrstelle, ein Praktikum oder gar eine vollwertige Anstellung finden. Der Schlüssel dazu ist die Internet-Plattform ida.agathu.ch.

Parship für Arbeitgeber
Motivierte Asylsuchende veröffentlichen darauf ihren Steckbrief mit Passfoto, Qualifikation und Berufswünschen. Dadurch können sich Arbeitergeber ein Bild davon machen, welche arbeitswilligen Asylsuchenden überhaupt zur Verfügung stehen. «Wie bei einer Dating-Plattform», erklärt Kantonsrat Reto Ammann. Denn fällt einem Arbeitgeber ein Bewerber positiv auf, kann die Firma mit dem persönlichen Coach Kontakt aufnehmen. Diese dienen als Vermittler zwischen Migrant und Arbeitsstelle. Im Vorfeld klären sie auch ab, ob die Stellensuchenden überhaupt genug motiviert und emotional belastbar sind, für den fordernden Arbeitsalltag. Gleichzeitig erledigen die Coaches den Papierkram, damit die Anstellung reibungslos verläuft. Denn ein Risiko besteht für den Arbeitgeber allemal: Einige Flüchtlinge haben noch keine definitive Aufenthaltsbewilligung, bei anderen scheitert das Arbeitsverhältnisse an der Sprachbarriere.

«Doch die positiven Aspekte überwiegen für die Gemeinschaft», ist Jeanette Ledergerber überzeugt. Die Leiterin der Sozialen Dienste in der Gemeinde Kemmental ist für elf Asylbewerber verantwortlich. Durch Beschäftigungsprogramme lernen sie die Schweizer Mentalität, Gepflogenheiten und Sprache kennen. Eine Festanstellung sei jedoch die nachhaltige Lösung: «Wenn ein Geflüchteter für sich selbst sorgen kann, sparen wir jährlich 25’000 Franken ein und die Arbeit stärkt gleichzeitig sein Selbstwertgefühl», so Ledergerber.
Rund 35 Flüchtlinge haben derzeit ihr Porträt auf der Homepage ida.agathu.ch aufgeschalten – vermittelt werden konnten bisher drei. «Für uns bereits ein Erfolg», freut sich Kohli, «wir haben das Projekt mit dem Vorsatz gestartet, wenigstens einem Asylsuchenden die Eigenständigkeit bieten zu können.»

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