/// Rubrik: Polizeimeldungen

Freisprüche im Fall Kümmertshausen

Kreuzlingen – Über ein Jahr lang hat das Bezirksgericht Kreuzlingen versucht, ein Dickicht aus Drogenhandel, Menschenschmuggel und Erpressung um Bandenboss Nasar M. zu entflechten. Der ehemalige Kronzeuge der Staatsanwaltschaft, Ylmaz B., entpuppte sich dabei als Leader eines Überfallkommandos, welches den Tod eines IV-Rentners in Kümmertshausen zur Folge hatte.

Der Andrang bei der Verkündung der Teilurteile im Fall Kümmertshausen war gross. (Bild: ek)

«Was im Haus in Kümmertshausen im November 2010 genau geschah, werden wir wohl nie mit Sicherheit sagen können», eröffnete Bezirksrichter Thomas Pleuler die Verlesung der Teilurteile im Verfahrenskomplex Kümmertshausen. Die Anklagepunkte reichten dabei von einer schweren Verletzung der Verkehrsregeln bis hin zur vorsätzlichen Tötung. 14 Angeklagte verbrachten das vergangene Jahr über auf der Anklagebank im zum Gerichtssaal umfunktionierten Rathaussaal. Sie alle sind mit dem Hauptangeklagten Nasar M. verbandelt, entweder über Erpressungsversuche, Drogenhandel, Menschenschleusung oder eben durch den folgenschweren Einbruch im November 2010 bei einem IV-Rentner im Weiler Löwenhaus bei Kümmertshausen.

Der Iraker Nasar M. fungierte damals als Oberhaupt einer Bande, welche jahrelang ihr Unwesen in der Ostschweiz trieb. Das Gericht sah es auch als erwiesen an, dass er im November den Auftrag gab, zum 53-Jährigen Opfer in der Gemeinde Langrickenbach zu fahren. «Geht und erledigt es», soll er seinen Schergen befohlen haben.

Streit wegen Menschenhandel
Im Vorfeld war ein Streit entbrannt zwischen dem mittlerweile 48-jährigen Bandenboss und dem Kümmertshausener. Es ging um Menschenschleusung und einen verhafteten Freund. 2010 hatte Nasar M. 40 Fahrzeuge gekauft und unter falschem Namen eingelöst. Sechs davon hielt die Polizei an und griff insgesamt 50 Flüchtlinge aus dem Irak, darunter auch Kinder, auf. «Nasar M. hatte eine hohe und wichtige Position in einer Schlepperorganisation inne», begründete Richter Pleuler die Verurteilung des Irakers wegen qualifizierter Förderung der rechtswidrigen Ein- und Ausreise sowie des rechtswidrigen Aufenthalts. Ein guter Freund des Opfers aus Kümmertshausen trat dabei als Geschäftspartner auf. Dieser kam in Griechenland in Haft, der IV-Rentner setzte daraufhin Boss Nasar M. unter Druck. Er solle sich für seinen inhaftierten Freund einsetzen, andernfalls gehe er zur Polizei und packe über die kriminellen Machenschaften aus.

«Es gab Grund, das Opfer zum Schweigen zu bringen», schlussfolgerte Pleuler. Dass die Gruppierung jedoch gezielt auszog, um den Alt-Hippie zu töten, wie es die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift beschreibt, sah das Bezirksgericht nicht als erwiesen an. So hatten die vier Männer weder Werkzeug noch Waffen für ein solches Unterfangen dabei, als sie sich auf die einstündige Autofahrt von St. Gallen aus in den Thurgau aufmachten.

Raub, aber keine Tötung
Dort angekommen, verschafften sie sich unter dem falschen Vorwand Marihuana kaufen zu wollen Zutritt zum Haus des IV-Rentners. Sie fesselten und knebelten ihn und durchsuchten anschliessend seine Räumlichkeiten nach Wertgegenständen. Eine Geldkassette sowie eine Tüte Gras waren die Beute, welche sie zum Fahrer ins wartende Auto brachten. «Hier wurde klar der Auftrag zu einem Überfall gegeben», verkündete Pleuler und verurteilte Boss Nasar M. wegen Anstiftung zum Raub.

In der Zwischenzeit muss das 53-jährige Opfer das Bewusstsein verloren haben. Die Gruppe nahm dies wahr, kümmerte sich jedoch nicht mehr um den Schweizer und fuhr zurück. Im Restaurant «Goldener Schlüssel» in St. Gallen angekommen, berichteten sie ihrem Anführer von den Geschehnissen und auch davon, dass ihr Opfer wahrscheinlich tot sei. Nasar M. sei daraufhin ausgerastet und habe seinen Leuten geraten, «aus der Schweiz zu verschwinden.» Ein weiteres Indiz dafür, dass der Tod nicht geplant war. Zwei der vier nahmen den Rat an und flüchteten in die Türkei. Mittlerweile wurde ihnen dort der Prozess gemacht.

Ungültige Beweise
Boss Nasar M., Fahrer Müslüm D., Drogendealer Osman S. sowie Räuber Ylmaz B. standen vergangenen Samstag wegen vorsätzlicher Tötung vor den Schranken des Bezirksgerichts Kreuzlingen. Doch einzig Ylmaz B. erhält eine Strafe wegen des Toten.

Pikant dabei: Der 39-jährige Türke fungierte lange Zeit als Kronzeuge für die Staatsanwaltschaft, viele Anklagepunkte stützen sich auf seine Aussagen. Für seine Dienste war er in einem gesonderten und abgekürzten Verfahren im März 2015 bereits abgestraft worden, doch das Obergericht hob das Urteil wieder auf. Das Bundesgericht ging sogar noch weiter und schickte das damalige Staatsanwalt-Duo rückwirkend auf den 28. November 2013 wegen Befangenheit in den Ausstand. Seither führt die Generalstaatsanwaltschaft die Anklage. Keine einfache Aufgabe, denn die Annullierung hatte zur Folge, dass ein Grossteil des Beweismaterials für ungültig erklärt wurde. Das Bezirksgericht Kreuzlingen musste also neben der Urteilsfindung zusätzlich viele Beweise erneut erheben. Tage- bis wochenlange Befragungen der Täter im Rathaussaal, sowie Einvernahmen von Zeugen waren die Folge. Tausende Seiten an Protokollen sind dabei entstanden, aus welchen das Fünfergericht sich die erfolgten Teilurteile bilden musste.

Dabei stellte sich heraus: Ylmaz B. wollte sich selbst ins bestmögliche Licht stellen. Bei der Polizei habe er aufgetrumpft mit Wissen über angebliche Drogendeals und stellte sich bei der Staatsanwaltschaft gleichzeitig als unwissenden Fahrer dar. «Dabei hatte Ylmaz B. klar eine Leaderrolle beim Überfall inne», resümierte Pleuler als Vizepräsident des Bezirksgerichts Kreuzlingen. Und auch wenn er nicht selbst Gewalt beim Opfer angewendet hat: «Wer mitbekommt, wie jemand gefesselt und geknebelt wird und dieser Person nicht hilft, macht sich strafbar», so der Richter. Als einziger der 14 Angeklagten musste der Kronzeuge sich überhaupt wegen des Toten verantworten. Das Gericht sprach ihn wegen eventualvorsätzlicher Tötung durch Unterlassung für schuldig. Er wurde noch im Rathaussaal in Fesseln gelegt und vorläufig festgenommen.

Drogen, Waffen und Sprengstoff
Pleuler erklärte aber auch: «Es gibt nur wenige klare Geständnisse.» Einige Zeugen nahmen von ihrem Recht zu schweigen Gebrauch. Andere konnten oder wollten sich an die Geschehnisse, die hauptsächlich im November 2010 stattfanden, nicht mehr erinnern. Die Aussagen dazu sind teils widersprüchlich, teils wenig glaubhaft und teils erfunden. «Es handelte sich in vielen Anklagepunkten um einen Indizienprozess», so Pleuler und machte klar, dass im Zweifelsfall von dem für den Angeklagten günstigeren Sachverhalt ausgegangen wurde – ganz nach dem Grundsatz: «in dubio pro reo»

Neben dem Tötungsdelikt verlas der Gerichtsschreiber zahlreiche weitere Teilurteile bezüglich Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz, Erpressung oder Widerhandlungen gegen das Waffengesetz. In vielen davon beschloss das Bezirksgericht Kreuzlingen Freisprüche. Gerade beim Drogenhandel konnten nur wenige Deals von der Staatsanwaltschaft einwandfrei bewiesen werden. Seine Finger überall mit drin hatte jedoch Bandenboss Nasar M., welcher deshalb auch am meisten Schuldsprüche erhielt. Aufgrund von Verfahrensfehlern seitens der Staatsanwaltschaft ging das Bezirksgericht auf die Anklagen wegen Gefährdung durch Sprengstoff und giftige Gase nicht ein.

Bei den meisten der Angeklagten war nach den Freisprüchen deutliche Erleichterung erkennbar. Einige von ihnen verbringen bereits Jahre in Untersuchungshaft. Die Verteidiger haben in den nächsten Wochen nun Gelegenheit, sich zum Strafmass zu äussern. Die endgültigen Urteile samt den Strafen will das Bezirksgericht Kreuzlingen im März bekannt geben.

 

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