/// Rubrik: Stadtleben | Topaktuell

Ein besonderes Auge für den Moment

Kreuzlingen – Viele Kreuzlinger kennen Mario Gaccioli durch seine Arbeit, besonders wegen seiner actionreichen Sportfotos. Seit Anfang der 90er Jahre ist der selbstständige Fotograf auf Anlässen aller Art unterwegs. Dank guter Kontakte kann er sich auch heute noch auf dem hart umkämpften Markt behaupten. Aber die Zeiten waren schon mal rosiger für Profifotografen.

Die Ausrüstung muss auf dem neuesten Stand sein, sonst hat man kein Chance, sich gegen die Bilderflut zu behaupten: Fotograf Mario Gaccioli mit Objektiven, die teilweise mehr kosten als ein neuer Kleinwagen. (Bild: zvg)

Es gibt Themen, bei denen Mario Gaccioli so richtig ins Reden kommt. Zum einen, wenn er von Situationen erzählt, die er als Fotojournalist erlebt hat: Handgreiflichkeiten mit Sportfunktionären, tragische Ereignisse, die er bebildern musste und wohl nie wieder aus dem Kopf kriegen wird, oder Promis, die er persönlich kennenlernte. «Ich könnte Bücher schreiben, wirklich», sagt er. «Über den Flugzeugabsturz 2002 in Überlingen, als ich mitten in der Nacht raus musste. Oder beim Eishockey, wenn die sich in den oberen Rängen nicht benehmen und einem Getränke in den Kragen leeren. Wenn das in die Kamera läuft, kann ich sie wegschmeissen. Teilweise müsste man Angst bekommen, weiter zu fotografieren.»

Dabei gerät mehr als nur die Ausrüstung in Gefahr, wenn die Fotografen an vorderster Front den besten Moment einfangen wollen. «Ein Kollege wurde einmal mit dem Puck am Ohr getroffen», erinnert sich Gaccioli. «Beim traditionellen Spengler Cup, einem Eishockeyturnier, galt wegen solcher Sachen früher Helmpflicht.» Sogar Morddrohungen habe er schon bekommen, als das Foto eines Vereinspräsidenten veröffentlicht wurde, der in einen Millionen-Skandal verwickelt war. «Sie hatten ein Archivbild von mir, das dann im falschen Kontext auf dem Titel landete, deswegen gab es Anfeindungen.»

Qualität vs. Schnappschüsse
Noch ärgerlicher sei allerdings der allgegenwärtige Bilderklau. Schnell werde heute ein Bild aus dem Internet genommen und unter Umständen karikaturistisch bearbeitet. Auch deswegen habe er schon Ärger bekommen und darum seine Homepage gelöscht. Dies und die Konkurrenz der Hobby- und Handyfotografen machen ihm sehr zu schaffen. «Heutzutage kann jeder Fotos produzieren und keiner will mehr dafür bezahlen», konstatiert er nüchtern. «Das war früher anders.»

Bilder von Mario Gaccioli sind indes nahezu überall zu sehen. Vor allem die hiesigen Sportvereine profitierten jahrelang von seiner Arbeit. Mit den meisten vereinbarte er irgendwann pauschale Honorare, sodass die Verantwortlichen seine Bilder auch für andere Zwecke benutzen durften, etwa für Matchprogramme oder die eigene Webseite.

Übereinkünfte dieser Art seien heutzutage aber rar geworden. «Alle wollen sparen», bedauert Gaccioli die entsprechenden Entscheidungen. Auf der anderen Seite sei es ja so, dass diejenigen die besten Fotos sind, die am meisten verwendet werden. In seinem Bilderarchiv warten insgesamt 400’000 Fotos darauf, gefunden zu werden. Seine Altersversicherung sozusagen. Und auf dem Dachboden befinden sich kistenweise alte, analoge Fotografien.

Szene aus einer Begegnung FC Wil gegen St. Gallen. «Bilder aus meinen Serien erkenne ich auch in zehn Jahren noch. Selbst wenn ich mal dement bin, werde ich die wiedererkennen», sagt Fotograf Gaccioli über seine Fotos. (Bild: zvg)

Dabei kam auch Gaccioli als Quereinsteiger in den Beruf. Der gelernte Buch- und Offsetdrucker arbeitete bis 1995 in Romanshorn. Ein schwerer Unfall zwang ihn, aufzuhören, und so nutzte er im Folgenden seine Zeit und seine im Beruf erworbene Kenntnis über Reprofotografie, um sich als Fotograf und zuverlässiger Filmentwickler einen Namen zu machen. In seine Dunkelkammer kamen Journalisten, aber auch Polizeireporter oder Vereinsleute, wenn sie schnell einen qualitativ guten Abzug benötigten.

Dann kam der Umstieg auf die Digitalfotografie, der ihm reibungslos gelang. Gaccioli besass als einer der Ersten in der Ostschweiz eine gute Digitalkamera und auch die Ausrüstung, um Bilder mobil übermitteln zu können. 30’000 Franken musste er damals für seinen Apparat hinblättern, die Speicherkarte mit 520 MB war fast so gross wie eine Diskette und kostete allein schon 1600 Franken. Als Freischaffender war er unterwegs für die Agentur Keystone oder für Thurgauer Zeitungen. Die Redaktoren wussten: Gaccioli konnte man auf mehrere Sportveranstaltungen schicken und man bekam immer pünktlich das Bildmaterial.

Fotografieren lernte er grössenteils autodidaktisch. (Bild: zvg)

Viel Geld gab’s zwar nicht dafür, aber er konnte zeigen, was er drauf hatte. Es war ausserdem Reklame, wenn sein Name in den Zeitungen stand. Dieser Nebeneffekt sei heute eher zu vernachlässigen, sagt er, obwohl er weiterhin Geld mit Bildern aller Art verdient. Ein Studio hatte er aber nie. «Dem Sport war ich immer verbunden», sagt der 63-Jährige. «Aber ich würde mich nicht als reinen Sportfotografen bezeichnen, auch wenn ich das am meisten gemacht habe. Ich fotografiere, was gewünscht wird.»

«Bilder müssen eine Geschichte erzählen.»

Sein Geheimnis: Bilder müssen eine Geschichte erzählen. Wenn zwei Spieler einfach nebeneinander her traben, das ist nichts für ihn. «Meine Bilder sagen etwas aus. Man sieht den Kampf, das Objekt des Kampfes. Wenn es regnet, müssen dreckige Trikots mit drauf. Und wenn am Ende noch der Sponsor zu erkennen ist, sind mehrere Beteiligte glücklich», erklärt der Mann hinter der Linse seine Herangehensweise.

So bleibt es das «intensive Leben», dass ihn an der Fotografie nach wie vor begeistert. Rausgehen und allen Widrigkeiten zum Trotz mit Bilder-Beute zurückkehren – um dann in der Auswertung alles nochmals zu erleben. Die Leidenschaft für den Beruf ist so gross, dass er bislang nicht ans Aufhören dachte. Und versichert: «Selbst als Rentner werde ich weiterhin mit der Kamera unterwegs sein. Auch wenn das Stadion tobt und die Fans aus Freude oder Ärger mit Bechern schmeissen.»

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