/// Rubrik: Kultur

Selbst zum Klassiker geworden

Kreuzlingen – Nicht erst sei heute ist Konstanz mit Konzerten und Theater ein Magnet für das kulturelle Leben. Doch als vor 100 Jahren der erste Weltkrieg den Grenzübertritt verunmöglichte, organisierten Kreuzlinger kurzerhand selbst Kulturveranstaltungen. Die Geburtsstunde der Gesellschaft für Musik und Literatur. Mit einem Festakt und Konzert der Extraklasse wird am Donnerstag ein Jahrhundert GML gefeiert.

Dr. Jakob Bächtold, Mitbegründer und erster Präsident der GML. (Bild: zvg)

«Die Geschichte der GML ist aufs engste mit umwälzenden Geschehnissen in der europäischen Geschichte verbunden», sagte Jakob Bächtold, als die GML 50 Jahre alt wurde. Der Seminarlehrer musste es wissen: Zusammen mit dem Psychiatrie-Koryphäe Otto Binswanger hatte er die Gesellschaft am 18. Oktober 1917 gegründet. Das war eine Zeit, in der Kreuzlingen weit Weg von der Aussenwelt schien. Eine Fahrt nach Zürch dauerte gut drei Stunden, St. Gallen war schwer erreichbar und Stacheldraht an der Grenze hinderte am Grenzübertritt nach Konstanz. In diesen Kriegszeiten war ein Besuch im benachtbarten Theater oder Konzert undenkbar und so schlossen sich einige Kulturbegeisterte zusammen, um diese Lücke zu füllen.
Doch erwies sich der Anfang als schwierig, es fehlte an einem Saal sowie an einem Konzertflügel. Für 5000 Franken wurde ein Pfandbrief für den Löwensaal aufgenommen, eine Bühne gebaut und ein Flügel gekauft. Der Saal war jedoch unbeheizt, eine Pianistin musste so auch mal im Pelzmantel auftreten. Auch der Wirt war unwirtlich, wenn er schlechte Laune hatte, löschte er während des Konzerts kurzerhand die Lichter. Trotz der Widrigkeiten schien das kulturelle Angebot auf Anklang zu stossen, 1920 konnte die Gesellschaft für Kunst und Literatur bereits 108 Mitglieder zählen.

Die Grenze war wieder offen, doch die Begeisterung blieb: 1927 stiess sogar Konstanz hinzu, der Name erweiterte sich auf «Gesellschaft für Musik, Kunst und Literatur Kreuzlingen-Konstanz». Nun war es möglich, grosse Orchesterkonzerte zu organisieren, welche im gesamten Bodenseeraum zu musikalischen Höhepunkten wurden. Auf Initiative von Kreuzlingen wurde das Bodensee-Symphonie-Orchester gegründet. Daraus entwuchs die Südwestdeutsche Philharmonie, welche heute deutschlandweit Anerkennung findet.

Krieg der Ideologien
1931 war Fritz Busch, damaliger Generalmusikdirektor der Semperoper von Dresden, zu Gast. Trotz Rassengesetz beschäftigte er in seinem Orchester Musiker jüdischer Abstammung. Doch nach Hitlers Macht- übernahme gestaltete sich die Übereinstimmung im künstlerischen Bereich immer schwieriger. 1934 löste man sich wieder von Konstanz. Der Zeit entsprechend kamen viele Heimattheater-Stücke zur Aufführung. In den Kriegsjahren wurden aber auch Kunstausstellungen organisiert.

Die Nachkriegszeit war die zweite Blüte der Gesellschaft. Die vom Krieg verschonte Schweiz erlebte jetzt einen noch nie dagewesenen Kulturboom. Maler, Musiker, Literaten internationaler Prägung konnten hier wirken und kamen auch nach Kreuzlingen.

Edwin Witzig, Präsident von 1946 bis 1967. (Bild: zvg)

1946 übernahm der Bankier Edwin Witzig das Präsidium. Als Direktor der Kreditanstalt hatte er ausgezeichnete Kontakte zu Musikern in ganz Europa. Ein Grossanlass jagte den nächsten: Das Stadtorchester Winterthur war häufig in Kreuzlingen zu Gast, der einzigartige Pianist Dinu Pipatti trat im Löwensaal auf, Pablo Casals, einer der grössten Cellisten seiner Zeit, spielte auf und auch der Oratorienchor Kreuzlingen gab sein Debüt. Der berühmte Dirigent Ferenc Fricsay liess sich gleich in Ermatingen nieder. Unter seiner Leitung spielte das Radio-Studio-Orchester Beromünster zum ersten Mal ausserhalb seines Studios. Das Konzert wurde von Kreuzlingen aus in die Schweiz übertragen. Solistin war die weltbekannte Sängerin Lisa della Casa.

Alles andere als glanzvoll waren der Veranstaltungsort. Bis Anfang der 60er Jahre fanden die Konzerte im mittlerweile desolaten Löwensaal statt. Schliesslich zügelte man in den Saal des neu erbauten Evangelischen Kirchgemeindehauses. Hier feierte die Gesellschaft auch ihren 50. Jahrestag mit einem privaten Konzert.

Teure Kunst
Doch die hochstehenden Konzerte hatten ihren Preis, der Verein verzeichnete 1969 erstmals ein Defizit. Die Gesellschaft verzichtete in der Folge auf Spitzenmusiker und gab jungen und regionalen Künstlern den Vortritt. Die angespannte finanzielle Lage überschattete das nächste Jahrzehnt. Zeitweise drohte die GML auseinanderzubrechen. Dennoch besuchten die Wiener Sängerknaben Kreuzlingen. Erst als der ehemalige Präsident Alfred Meierhans einen namhaften, wiederkehrenden Betrag von der Stadt aushandeln konnte, entspannte sich die monitäre Lage. Besuche des Tonhalle Orchesters, der weltberühmten Pianistin Elisabeth Leonskaja oder des Radio Symphonie Orchesters Pilsen folgten.

Mit der Eröffnung des Kulturzentrums Dreispitz 2006 besteht nun die Möglichkeit, grosse Orchesterkonzerte zu organisieren. So stehen der Gesellschaft für Musik und Literatur, nach den klammen Anfängen im Löwensaal, mittlerweile für jedes Programm die passenden Räume zu Verfügung. Ihrer Ausrichtung auf klassische Musik ist sie dabei treu geblieben, jeweils ein zeitgenössisches Werk darf bei den Konzerten nie fehlen. Mit Veranstaltungen wie «Literatur in den Häusern» hat sie sich den Blick über die Grenze bewahrt, gleichzeitig bietet sie jungen, aufstrebenden Künstlern eine Auftritts-Plattform. Trotz langer Geschichte und noch älterer Musik bleibt sie so dennoch am Zahn der Zeit.
Margret Meier Amman hat die Geschichte der GML für das Festprogramm der 100-Jahr-Feier zusammengetragen.

Russische Symphonik

Solistin Soyoung Yoon. (Bild: zvg)

Zum Jubiläum erwartet die Zuhörer am Donnerstag, 15. Februar, 20 Uhr, im Dreispitzsaal die Südwestdeutsche Philharmonie, der renommierte Dirigent Alexander Janos und als Solistin die junge südkoreanische Virtuosin Soyoung Yoon. Sie interpretiert mit Tschaikowskys Werk das virtuose Violinkonzert schlechthin, das der Komponist nach schweren Depressionen am Genfersee während eines Kuraufenthalts niederschrieb. Dessen positive Wirkung schlug sich auch musikalisch nieder, das Werk sprüht vor neugewonnener Lebensfreude!
Andere Töne schlägt Sergej Rachmaninoff in seiner 2. Symphonie an: Das monumentale Werk bringt den berühmten russischen Weltschmerz in all seinen Facetten zu Gehör, bevor sich die Stimmung im letzten Satz zu einem berauschenden Klangfest wendet.

Karten im Vorverkauf gibt es bei Kreuzlingen Tourismus an der Hauptstrasse 39 oder unter Tel. 071 672 38 40.

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