/// Rubrik: Stadtleben | Topaktuell

Sicherheit wird gross geschrieben

Kreuzlingen – Aufgrund einer Messerattacke im Jobcenter Konstanz löste die Nachbarstadt kürzlich einen Amokalarm inklusive polizeilichem Grosseinsatz aus. Aus diesem Anlass haben wir bei den Sozialen Diensten Kreuzlingen nachgefragt, welche Sicherheitsmassnahmen denn dort getroffen werden und ob es in unserer Stadt Erfahrung mit ähnlichen Vorfällen gibt.

Eingangsbereich mit Panzerglas der Sozialen Dienste im Haus Sallman. Der Sicherheitsumbau fand im Rahmen der Sanierung statt. (Bild: sb)

Der Mann, welcher vor drei Wochen in einem Konstanzer Jobcenter durchdrehte und eine Mitarbeiterin mit dem Messer bedrohte (wir berichteten), befand sich in einer psychischen Ausnahmesituation. Folgerichtig wurde der Verhaftete in eine Klinik eingewiesen. Der Grund für den Ausraster des 39-Jährigen war Geld: Er hatte Unterstützung für den Kauf von neuen Kleidern beantragt, welche allerdings abgelehnt wurde. Daraufhin versuchte der auf Sozialleistungen Angewiesene zunächst, die Mitarbeiter des Jobcenters mit einem Drohmail einzuschüchtern. Tags drauf erschien er dann bewaffnet vor Ort.

Gewaltdelikt liegt lange zurück
«Der letzte Vorfall ähnlicher Art ist bei uns vor über vier Jahren geschehen», berichtet Mirco Bassetto, Abteilungsleiter der Sozialen Dienste in Kreuzlingen. Ein Klient habe ebenfalls Streit vom Zaun gebrochen, sei aber nicht bewaffnet gewesen. «Damals gab es noch kein Alarmsystem. Deswegen wurde die Polizei per Telefon verständigt und war rasch vor Ort. Unsere Mitarbeiterin stand natürlich unter Schock, wurde aber nicht ernsthaft verletzt», so Bassetto.

Seit diesem Vorfall hat sich viel getan. Zunächst installierten die Sozialen Dienste ein Alarmsystem. Ein Knopfdruck löst den Alarm im Haus aus. Drückt man zweimal, geht der Impuls direkt zur Kantonspolizei, welche umgehend ein Einsatzkommando schickt. Es wurde ausserdem eine Schlüsselbox installiert, sodass sich die Polizeibeamten Zugang zum Gebäude verschaffen können, wenn die Sicherheitstüren geschlossen sind. Denn Klientengespräche können auch ausserhalb der Öffnungszeiten stattfinden.

«Im Zuge des Umbaus 2016 und 2017 haben wir das Alarmsystem komplettiert», erklärt Bassetto. «Alle Mitarbeiterinnen, welche Klientenkontakt haben, können heute per Knopfdruck diesen zweistufigen Alarm auslösen. Über eine Anzeige ist ersichtlich, in welchem Stock der Alarm ausgelöst wurde.»

Die Türen werden mit Badges geöffnet. (Bild: sb)

Elektronisch gesichert
Heute können Klienten den Wartebereich nur noch während der Öffnungszeiten betreten. Die Tür der massiven Fensterfront aus Panzerglas öffnet und schliesst sich automatisch. Die Schalter im Eingangsbereich sehen zwar hell und durchlässig aus. Wer genau hinschaut, erkennt aber: Auch hier verbauten die Handwerker Spezialglas. «Faustschläge zeigen hier keine Wirkung mehr. Es gibt keine Möglichkeit, Scheiben aufzuschieben oder in das Innere zu greifen», versichert Bassetto.

Kameras haben alles im Auge
In ihren Büros können die Mitarbeiterinnen jederzeit Bilder der Überwachungskameras auf allen Stockwerken ansehen. Sollten sich Wartende irgendwo im Haus auffällig verhalten, wird das bemerkt. Die Türen im ganzen Haus sind über ein Badge-System (elektronische Schlüssel) miteinander verbunden und werden nur mit diesen geöfffnet. Zugang zu den verschiedenen Abteilungen und ihren Büros erhalten Klienten nur nach Anmeldung.

Auch was vor dem Sozialamt passiert, sehen die Kameras. (Bild: sb)

«Mit der Polizei finden regelmässige Sitzungen statt», sagt Bassetto. «Es gibt die Möglichkeit, Klientengespräche im Beisein eines Beamten durchzuführen, wenn eine Mitarbeiterin dies wünscht.» Gespräche zu zweit oder bei offenen Türen seien eine Vorstufe dazu. Auch haben die Mitarbeitenden eine Schulung zum Thema «Verhalten in Bedrohungssituationen» durchlaufen.
Wachmänner für den Aussenbereich sind aus verschiedenen Gründen, auch finanzieller Natur, nicht möglich. Auch Taschenkontrollen oder Ähnliches werden bei den Sozialen Diensten nicht durchgeführt.

Bassetto weiss, dass sich seine Mitarbeitenden sicher fühlen und prüft dies immer wieder im Gespräch. «Ausserdem verhält sich der Grossteil der Klienten bei uns friedfertig», sagt er. Der Abteilungsleiter arbeitet seit 22 Jahren im Sozialbereich. Von einer chronischen Bedrohung oder rauen Zeiten möchte er nicht reden. «Ich finde nicht, dass die Menschen heute aggressiver sind als früher. Zugenommen haben Beschimpfungen und Drohungen, das ist schon so. Schwere Gewalttaten sind aber seltene Einzelfälle. Durch sie ist man heute allerdings sensibler geworden bei diesem Thema.»

Und das sei auch richtig so. «Es ist ganz wichtig, dass ein gutes Gesprächsklima herrscht und Mitarbeitende sich ohne Bedenken an ihre Vorgesetzten wenden können und dort ernst genommen werden, sollten sie sich unsicher fühlen», sagt Bassetto.

Einzelgespräche ganz abzuschaffen und nur noch am Schalter mit den Klienten zu reden, wie es in manchen Gemeinden eingeführt wurde, hält er für übertrieben. Und meint mit Blick auf das Vertrauensverhältnis zu den Klienten und den für ihn zentralen Fürsorgeauftrag: «Dann hätten wir den Job verfehlt.»

Jobcenter
Hinter diesem Namen verbergen sich in der Schweiz meist private Arbeitsvermittler. Das Jobcenter in Konstanz ist hingegen für Sozialleistungen wie die Grundsicherung (Hartz4 oder Sozialgeld) zuständig. Sind Ergänzungsleistungen dazu notwendig, etwa Hilfe zur Pflege oder Wohngeld, gewähren diese das Sozialamt der Stadt oder des Landkreises. In Kreuzlingen sind für alle diese Leistungen die Sozialen Dienste im Haus Sallmann zuständig.

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