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Der schwärzeste Tag Kreuzlingens

Kreuzlingen – Was mit einer Routinekontrolle begann, endete tödlich: Heute vor 20 Jahren wurden der Grenzwächter Stefan Jetzer und der Zollbeamte Thomas Lachmaier am Zoll Klein Venedig erschossen. Der Täter, Mario Telatin, wollte mit einem Kofferraum voller Waffen nach Deutschland einreisen. Als ihm das nicht gelang, gab er tödliche Schüsse ab.

Für Stefan Jetzer und Thomas Lachmaier kam jede Hilfe zu spät. (Bild: Probst)

Was Mario Telatin letztlich dazu trieb, am Morgen des 10. Februar 1998 am Zoll Klein Venedig seine Waffe zu ziehen und zwei Menschen zu erschiessen, konnte aufgrund seines anschliessenden Suizids nie geklärt werden. Fest steht jedoch, dass der 29-Jährige an diesem Dienstagmorgen gegen 9.30 Uhr seinen Arbeitsplatz verliess, um nach Hause zu fahren. Dort packte er seine wichtigsten Habseligkeiten, darunter seine beste Kleidung, selbstgebastelte Raumschiffe und seine Waffensammlung, ein. Dann startete Telatin in seinem roten Mitsubishi die rund 35-minütige Fahrt von seiner Heimatstadt Arbon nach Kreuzlingen. Es sollte seine letzte sein.

In der Grenzstadt angekommen, reihte sich der Mitsubishi gegen 10.30 Uhr vor dem Übergang Klein Venedig ein. Die kleine Zollstelle, in Sichtnähe zum Bodensee, benutzten vorwiegend Einheimische, wohingegen professionelle Schmuggler stärker frequentierte Grenzübergänge vorzogen. Telatin, der häufig Konstanz besuchte, fuhr meist über Klein Venedig. Vielleicht wählte er diese Strecke deshalb auch am 10. Februar, beim Versuch, mit einem Kofferraum voller unangemeldeter, und zum Teil illegaler Waffen nach Deutschland einzureisen.

Tod im Kugelhagel

Einschusslöcher am Zollhaus. (Bild: Gropper)

Was weiter geschah konnte später aus Augenzeugenberichten, dem Tonbandmitschnitt des letzten Funkspruchs und einer zufällig laufenden Videokamera rekonstruiert werden.

Vor den tödlichen Schüssen wurde der rote Mitsubishi Telatins an der Grenze vom deutschen Zollbeamten Thomas Lachmaier, wohl routinemässig, kontrolliert. Hierbei bat der Zollbeamte darum, in den Kofferraum sehen zu können. Dort fiel ihm gleich ein Päckchen Munition ins Auge. Aufgrund dieses Funds ging Lachmaier ein paar Schritte vom Wagen weg in Richtung Zollhäuschen, dort setzte er einen Funkspruch mit der Meldung des Munitionsfunds und der Bitte nach Verstärkung ab. Kurz darauf begann Telatin plötzlich mit einer grosskalibrigen Schnellfeuerpistole auf Lachmaier zu schiessen. Den Zöllner trafen mehrere Schüsse. Sein schweizer Kollege, der Grenzwächter Stefan Jetzer, eilte zur Hilfe und schaffte es, noch eine Kugel auf Telatin abzugeben, die den Amokschützen verfehlte. Danach wurde auch Jetzer von den auf ihn abgefeuerten 9-Millimeter Geschossen tödlich verwundet.

Als beide Zöllner erschossen am Boden lagen, raste der Mörder mit seinem Auto in Richtung Deutschland davon. Doch weit kam er nicht. In etwa 400 Metern Entfernung waren die Schranken des Bahnübergangs geschlossen. Zudem wartete auf der anderen Seite der Gleise bereits die von Lachmaier angeforderte Verstärkung. So in die Enge getrieben, sah der junge Waffenbesitzer keinen Ausweg mehr. Er setzte sich seine Waffe an den Kopf und schoss sich in die Schläfe. Dieser Schuss war nicht sofort tödlich, doch später im Krankenhaus wurde Mario Telatin für Hirntod erklärt. Sein Bruder stimmte einer Organspende zu.

Waffennarr und Spieler
Das Leben des Täters vor der Bluttat kann man als unauffällig beschreiben. Seine Eltern waren noch vor seiner Geburt in die Schweiz eingewandert, die Familie hatte sich angepasst. Telatin wuchs mit drei Geschwistern auf, sprach Mundart, hatte die Schule und eine Lehre als Heizungsbauer gut gemeistert. Seine Freunde beschrieben den jungen Mann als gutmütig, hilfsbereit, freundlich und geduldig.

Nur seine Leidenschaft für Waffen wich von dem normalen Bild eines Durchschnittsbürgers ab. Telatin besuchte häufig ein Waffengeschäft in St. Gallen. Hier fühlte er sich wohl, fachsimpelte manchmal stundenlang und kaufte viel. Unter anderem eine Maschinenpistole mit Schalldämpfer der Marke Heckler & Koch, mehrere Pistolen und einen Revolver von Smith & Wesson. Wenn für den Kauf der Waffen eine behördliche Genehmigung nötig war, so legte er sie vor. Als offiziell anerkannter Waffensammler durfte Telatin auch Kriegswaffen, wie die grosskalibrige Tatwaffe, legal besitzen. Doch auch illegale Waffen wie Handgranaten gehörten zu seiner Sammlung, die er stolz Vewandten und engen Freunden zeigte.

Was er hingegen vor seinen Angehörigen verheimlichte, waren seine Fahrten nach Konstanz, in die Bahnhofstrasse 10. Dort lockte ein scheinbar gefahrloses Vergnügen in Form von Glücksspielautomaten. Der Eintritt kostete damals zwei Mark und der Mindesteinsatz am Automaten nur Eine. Doch bei einer Spieldauer von 30 Sekunden summiert sich der Einsatz an einem Abend schnell und so verlor Telatin im Poker gegen den «Rapid-5-Way» sein Geld. Um seine beginnende Spielsucht zu bezahlen, lebte der spätere Todesschütze zunächst sparsam. Als das jedoch nicht mehr genügte, nahm er einen Kredit über 20000 Franken auf. Doch auch das Geld verspielte er innerhalb kurzer Zeit. Im Monat vor der Tat lieh Telatin sich bei Zockern Geld. Ihm war dabei klar, dass er es schnell mit hohen Zinsen zurückzahlen musste. Doch kein Risiko war ihm zu gross, er hoffte auf den grossen Gewinn, den Geldsegen. Doch auch diesmal gewann der junge Italiener nicht.

Wieso schoss Telatin?
«Ich bedaure, dass es so weit gekommen ist, habe Spielschulden. Gruss Mario», steht auf dem Zettel, den Telatin seinem Bruder in der gemeinsamen Wohnung hinterliess. Daraus geht nicht hervor was er geplant hatte. Wollte er sich verabschieden, weil er mit seinem Hab und Gut vor seinen Schulden fliehen wollte? Wurde ihm erst an der Grenze bewusst, dass er mit seinen Waffen im Auto nicht aus der Schweiz ausreisen konnte? Fürchtete er wegen seinen Schulden bei den Kredithaien um sein Leben, wenn er blieb? Vielleicht wollte er sich mit den Waffen gegen seine Gläubiger zur Wehr setzen oder gewaltsam gegen das Kasino vorgehen, in dem er all sein Hab und Gut verloren hatte.

Unwahrscheinlich hingegen ist, dass Telatin den Mord an Jetzer und Lachmaier geplant hatte. Sie standen lediglich zwischen dem Waffennarren und der Einreise nach Deutschland.

Waffen und Zoll

Heute steht am Zoll Klein Venedig ein Gedenkstein für die erschossenen Zöllner. (Bild: pw)

«Vorfälle solcher Art werden auch im Hinblick auf die Ausbildung analysiert. Die Resultate daraus fliessen in unsere Sicherheitsausbildung ein», erklärt Regula Ita von der eidgenössischen Zollverwaltung. Doch nicht nur die Ausbildung, auch die Ausrüstung hat sich verändert. Während 1998 die Grenzwächter nur mit einer Pistole ausgerüstet waren, ist es heute zudem Pflicht, dass jeder Zöllner eine schusssichere Weste trägt.

Auch heute ist es in der Schweiz möglich, eine grosskalibrige Schnellfeuerpistole wie die Tatwaffe zu kaufen. Hierfür braucht man einen Waffenerwerbsschein. Mario Telatin wies behördliche Genehmigungen zum Waffenkauf nach. Diese wurden ihm aufgrund seines Sammelwunsches ausgestellt. Denn bis zum 10. Februar 1998, dem Tag, an dem der junge Arboner zwei Menschen und sich selbst erschoss, hatte niemand damit gerechnet, dass seine Leidenschaft tödlich enden würde.

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