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«Das Kleid des Pfarrers passt»

Kreuzlingen – Vikar Tobias Günter hat ein Sehvermögen von 20 Prozent. Doch das hält ihn nicht auf. Nach seinem Theologiestudium hat er nun auch sein Vikariat abgeschlossen. Am Sonntag, 18. März, 9.45 Uhr, wird er in der Stadtkirche Kreuzlingen zum Pfarrer ordiniert.

Vikar Tobias Günter hat in Kreuzlingen viel gelernt. (Bild: Franzis von Stechow)

Herr Günter, wollten Sie schon immer Pfarrer werden?
Der Wunsch ist nach der Mittelschule schnell in mir gewachsen. Ich habe gespürt, dass ich gerne mit Menschen zusammenarbeiten will. Gleichzeitig ist mir der göttliche Bezug wichtig. Wir Menschen müssen bei der Arbeit nicht perfekt sein, wir können nicht alles aus uns heraus schaffen. Aber es ist möglich Gott zu vertrauen, dass er das, was wir als Menschen nicht selbst vermögen, dazu gibt.

Warum sind Sie für Ihr Vikariat nach Kreuzlingen gekommen?
Anfangs war es eine grosse Herausforderung nach dem Studium überhaupt eine Stelle als Vikar zu finden. Ich wurde an sechs oder sieben Orten vorstellig und doch nie genommen. Oft kam es mir so vor, als würden Ausflüchte genannt, warum sie mich nicht wollten. Die Frage, ob ich wohl Pfarrer werden kann, stand oft unausgesprochen im Raum. Dann kam ich mit Damian Brot in Kontakt und er war schnell davon überzeugt, dass ich es schaffen kann. Die Kirche Kreuzlingen ist eine Ausbildungsgemeinde in der jeder wilkommen ist, egal ob er ein Handicap hat oder nicht.

Wie wurden Sie von der Gemeinde aufgenommen? 
Anfangs bekam ich Rückmeldung zu Dingen, die ich nicht ändern kann, wie meine Art mich zu bewegen. Aber ich habe gelernt, mich gegen solche Kritik zu schützen. Mittlerweile ist die Akzeptanz aber sehr hoch. Ich habe nicht mehr den Eindruck, dass Menschen mir gegenüber kritischer sind, nur weil ich weniger sehe.

Wie wirkt sich Ihre Sehbehinderung auf Ihren Beruf aus?
Die grösste Herausforderung ist der Erstkontakt. Ich bin mir oft unsicher, ob ich mein Handicap gegenüber Menschen, die mich nicht kennen, ansprechen muss. Wenn ich längerfristig mit Personen zu tun habe, ist die Offenheit mit dem Thema grundsätzlich wichtig. Hat man jedoch nur einen einmaligen Kontakt, ist es oft nicht vonnöten, darüber zu sprechen.

Was haben Sie anschliessend an Ihr Vikariat vor?
Zwischenzeitlich bleibe ich in Kreuzlingen. Ich arbeite mit 60 Prozent in der Kirchgemeinde und zu 40 Prozent im Besmerhuus. Darauf freue ich mich besonders. Ich will als Vernetzer fungieren. Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen hoffe ich, anderen Menschen mit Behinderung helfen zu können, den Weg in die Kirche zu finden.

Und nach der Zwischenzeit?
Ich bewerbe mich auf verschiedene Stellen, beispielsweise als Gemeindepfarrer. Doch eine Anstellung findet man nicht so schnell, das kann bis zu einem halben Jahr dauern, aber ich freue mich sehr noch einen Sommer in Kreuzlingen zu verbringen. Ich habe hier viele besondere Momente erlebt.

Zum Beispiel?
Natürlich einerseits, dass ich meine Prüfungen bestanden habe. Damit habe ich mir den Traum erfüllt, Pfarrer zu werden. Aber es sind die Menschen, die einem viel zurück geben. Durch ihr positives Feedback habe ich gelernt, weniger an mir selbst zu zweifeln.

Was nehmen Sie persönlich aus ihrer Zeit als Vikar mit?
Ich habe sehr viele Erfahrungen gesammelt. Vor allem bei der Arbeit mit Gruppen. Ich bin anfangs oft beim Versuch allen gerecht zu werden an meine Grenzen gestossen. Mit der Zeit ist es mir aber gelungen gelassener an verschiedene Projekte heran zu gehen. Hier werde ich auch weiterhin an mir arbeiten. Ich möchte gern noch spontaner werden.

Freuen Sie sich schon auf den Ordinationsgottesdienst?
Ja sehr. Das ist ein sehr feierlicher Akt. Der St. Galler Kirchenratspräsident Martin Schmidt wird mich ordinieren. Eigentlich sollte der Gottesdienst in St. Gallen stattfinden, da dort meine Heimatkirche ist. Aber Herr Schmidt ist Konstanzer und hat daher zugesagt, uns hier am Bodensee zu besuchen. Dass meine Ordination in Kreuzlingen stattfinden wird, freut mich besonders. Es haben sich viele freiwillige Helferinnen und Helfer gefunden, ausserdem singen die Gospel Joy Singers. Der Gottesdienst wird somit bestimmt ein unvergessliches Erlebnis.

Welches Fazit ziehen Sie am Ende Ihres Vikariats?
Meine Ausbildung war eine wunderbare Zeit für mich. Ich bin in Kreuzlingen in das Kleid des Pfarrers geschlüpft und habe gesehen, dass es passt.

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