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Wenn das Essen den Alltag regiert

Münsterlingen – Die Krankheit Diabetes dürfte heutzutage jedem ein Begriff sein. In den meisten Fällen beherrscht die Erkrankung den Alltag der Patienten. Für viele bedeutet das gravierende Einschnitte in den Alltag. Besonders wenn Kinder die Diagnose Diabetes erhalten, steht die Welt der Familien auf dem Kopf.

Die Insulinspritze ist ein wichtiger Begleiter für Diabetes-Patienten. (Bild: Henrik Gerold Vogel/pixelio.de)

Grundsätzlich wird zwischen zwei verschiedenen Diabetesarten unterschieden: Bei Diabetes Typ 1 sprechen die Fachleute von einer Autoimmunerkrankung, bei der das körpereigene Insulin nicht mehr hergestellt wird. Das Immunsystem kämpft hierbei gegen die Entstehung der Insulin-produzierenden Zellen. Insulin ist jedoch notwendig, da es in unserem Körper den Zucker im Blut reguliert und somit ein unverzichtbares Hormon für die Verdauung, das Wachstum und den Stoffwechsel ist. Dementsprechend sind Typ 1-Patienten ein Leben lang auf die Zufuhr von Insulin angewiesen.

Bei Diabetes Typ 2 (auch als Altersdiabetes bekannt) kann der Körper zwar weiterhin Insulin bilden, allerdings zu wenig, um den Blutzuckerspiegel selbst zu regulieren. Vor allem mit Gewichtsreduktion und einem gesünderen Lebensstil kann der Erkrankung jedoch oft begegnet werden. In vielen Fällen sind dennoch Medikamente notwendig. Laut Dr. med. Peter Salfeld, Leitender Arzt für Diabetologie bei Kindern in der Spitalklinik Münsterlingen, sind die Prävalenzen für Typ 1-Diabetes steigend. «Momentan geht man von mehreren möglichen Auslösern aus, wie beispielsweise der genetischen Veranlagung oder Infektionen, dennoch kann man nach momentanen Erkenntnissen noch keine genaue Ursache festlegen», so Salfeld.

Der Schweizerischen Diabetes Gesellschaft zufolge gibt es in der Schweiz rund 40000 Menschen, die an Diabetes Typ 1 leiden. Wie viele Kinder daran erkrankt sind, ist unbekannt. Laut Dr. Salfeld werden in der Klinik für Kinder und Jugendliche in Münsterlingen momentan rund 30 junge Patienten therapiert. Circa drei bis fünf Neuerkrankte stossen jährlich dazu. Ein Team aus Ärzten, Diabetesberatern und Ernährungsberatern stehen den Kindern zur Seite.

Dr. med. Peter Salfeld, Leitender Arzt für Diabetologie. (Bild: jl)

Ein Schock für die Familie
Meist ist es für Eltern nicht einfach die Anzeichen für Diabetes zu erkennen. «Häufiges zur Toilette gehen, extremer Durst und Heisshunger sind Indikatoren für eine Blutzucker-Erkrankung», zählt der Arzt für Diabetologie auf. «Bleibt die Krankheit für lange Zeit unerkannt, können Bauchschmerzen und eine Übersäuerung des Körpers zu einer intensivpflichtigen Erkrankung führen», schildert er weiter. In den meisten Fällen würde Diabetes heutzutage aber rechtzeitig erkannt werden. Ist die Diagnose erst einmal da, prasselt eine Welle an Informationen auf die Betroffenen ein. Da die Krankheit schon ab dem Säuglingsalter eintreten kann, sind die Eltern besonders in der Pflicht. Nicht selten sind diese dann, vor allem auch beruflich, eingeschränkt. Fortan muss man Essen wiegen, Blutzucker messen, Kohlenhydratwerte oder Broteinheiten berechnen, diese in Insulinmengen umwandeln und dem Kind durch eine Spritze oder Pumpe Insulin verabreichen. «Am Anfang sind viele Eltern schockiert und überfordert», berichtet Salfeld und möchte an dieser Stelle Mut machen: «Was wir allen mit auf den Weg zu geben versuchen, ist, dass es sich um eine gut therapierbare Krankheit handelt und ein ganz normales Leben mit Diabetes möglich ist.»

Wie ein gesundes Kind auch, können Kinder mit Diabetes alles in Massen essen. Der Unterschied: Bei der Aufnahme von Kohlenhydraten muss genau berechnet werden, wie viel Insulin nötig ist, um die Menge an Kohlenhydraten zu verdauen. Auch wichtig sei es, dass das Essen getaktet ist. Kinder mit Diabetes Typ 1 sollten also weitestgehend auf das Naschen und Essen «zwischendurch» verzichten. Salfeld stellt fest: «Das ist meiner Erfahrung nach eine der grössten Schwierigkeiten, da unsere Gesellschaft immer seltener zu festen Uhrzeiten isst.»

Intensive Auseinandersetzung mit dem Essen
Dennoch werden Eltern, Erzieher oder auch Lehrer zum Thema geschult. Dr. Salfeld und sein Diabetes-Team geben den betroffenen Familien wichtige Ratschläge mit auf den Weg, klären sie über den Umgang mit Insulin auf und begleiten die Patienten über Jahre. Gerade bei kleinen Kindern ist die Zusammenarbeit von Eltern und Erziehern erstrebenswert, da die Kinder nicht alleine handeln können. «Die Verantwortung liegt bei den Eltern, aber die Hilfe der Betreuer ist notwendig. Man muss schauen, dass das Kind vor der Mahlzeit den Blutzucker misst, beim Spritzen helfen und auf das Verhalten des Blutzuckers und des Kindes achten, sodass man eine starke Absenkung des Blutzuckers vermeiden kann. Bei Teenagern reicht oft eine Erinnerung an das Messen und sie wissen schon selbst was zutun ist», so der Kinderarzt.

Folgen liegen in ferner Zukunft
Undisziplinierter Umgang mit Diabetes hat nur bei einer Unterzuckerung schnelle Folgen wie Konzentrationsschwäche, Müdigkeit und Sprachstörungen. In diesem Fall ist schnell zu handeln, da eine längere Unterzuckerung zum Tod führen kann. Wird über einen langen Zeitraum inkonsequent mit dem Blutzuckerspiegel und vor allem der Überzuckerung umgegangen, sind Folgen erst spät erkennbar. Es ist für Kinder dadurch schwer zu verstehen, warum sie sich an diese Regeln zu halten haben. «Folgen können Bluthochdruck, ein Herzinfarkt oder geschädigte Nerven sein. Das sind jedoch Erkrankungen, die erst im Erwachsenenalter auftreten», so der Experte. Um so wichtiger sei es, den Kindern früh zu lehren, dass ein gewissenhafter Umgang mit Diabetes zum Erwachsenwerden gehöre.

«Ausserdem sind Gruppen von Gleichgesinnten und prominente Vorbilder hilfreich für Pubertierende, da diese das Gefühl vermitteln: Ich bin nicht allein mit meiner Krankheit. Das schaffen mein Team und ich in dieser Art und Weise leider nicht immer», gesteht Salfeld. Sein Wunsch: «Mit dem Thema sollte in Zukunft offener umgegangen werden um den Patienten zu helfen.»

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One thought on “Wenn das Essen den Alltag regiert

  1. diabetesclub.ch

    Dia Aussage, dass Gruppen von Gleichgesinnten und prominente Vorbilder für Jugendliche, aber auch für Erwachsene unterstützend wirken, da diese das Gefühl vermitteln, mit dem Diabetes nicht alleine zu sein, erachtet der diabetesclub.ch als sehr wichtig. Gerne weisen wir in diesem Zusammenhang auf der Diabetiker-Treff für Jugendliche https://www.facebook.com/diabetesclub.ch/photos/a.1478764175749480/1929049494054277/?type=3&theater
    in Goldach hin.

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