/// Rubrik: Stadtleben

Die Härte des Gesetzes

Kreuzlingen – Der grösste Strafprozess in der Geschichte des Thurgaus hat nach einem Jahr ein vorläufiges Ende gefunden. Der Bandenboss im Prozess um den verstorbenen IV-Rentner aus Kümmertshausen muss für 14 Jahre hinter Gitter, der Kronzeuge der Staatsanwaltschaft erhält siebeneinhalb Jahre Haft.

Das Kreuzlinger Rathaussaal fungierte ein Jahr über als Gerichtssaal. (Bild: sb)

Kreuzlingen. Zwar liegen die Urteile unter den Forderungen der Staatsanwaltschaft, denn diese hatte für den Kopf der Bande 19 Jahre Haft samt Verwahrung gefordert. Aber zu Beginn des Verfahrenskomplexes Kümmertshausen im Februar 2017 sah die Ausgangslage und die daraus resultierenden Anklageschriften jedoch auch noch ganz anders aus. Die Anschuldigungen gegen Bandenboss Nasar M. und seine in unterschiedlichen Konstellationen agierenden Spiessgesellen stützen sich grösstensteils auf Aussagen des geständigen Kumpanen Yilmaz. B. Dieser wusste angeblich viel von den Vorgängen des Heroinhandels sowie der Erpressung und Knebelung eines unliebsam gewordenen Schweizer Grasdealer aus Kümmertshausen. Viel zu tun damit gehabt haben will der Spitzel aber nicht. Ein Kartenhaus aus Lügen, welches im Verlauf des Verfahrens in sich zusammenbrach und für den Bezirksrichter Thomas Pleuler einen gewaltigen Haufen an Unterlagen zurückliess, aus dem es verwertbare Aussagen und Indizien herauszufischen galt. Denn ein Grossteil der von der Staatsanwaltschaft Thurgau vorgebrachten Beweise musste durch einen widerrechtlichen Kronzeugendeal für ungültig erklärt werden.

Genugtuung für U-Haft
So kam es nun, dass sich für den Tod des damals 53-jährigen Opfers sich nur der Kronzeuge verantworten muss. Das Überfallkommando vom November 2010 hat sich zwar des Raubes wegen schuldig gemacht, eine Tötung konnte ihnen aber nicht nachgewiesen werden. Einzig Informant Yilmaz B. wurde schlussendlich wegen eventualvorsätzlicher Tötung durch Unterlassung zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. In seiner Hand sei es gelegen, dem gefesselten IV-Rentner zu Helfen und dadurch seinen Tod zu verhindern. Die übrigen gefällten Urteile des Bezirksgericht Kreuzlingen zeigten dennoch die volle Härte des Gesetzes für die organisierte Bande aus Türken und Irakern auf, welche sich zusammen eine lange Liste an Straftaten hat zuschulden kommen lassen: Menschenschleusung, Raub, organisierter Drogenhandel, qualifizierte Erpressung, Nötigung sowie Widerhandlungen gegen das Waffengesetz. Zwar lag das Strafmass in allen Urteilen unter den Forderungen der Staatsanwaltschaft, dennoch rangieren die übrigen Strafen zwischen 30 Monaten und achteinhalb Jahren Haft. Hinzu kommt der Anteil an die Verfahrenskosten. Die meisten Hauptangeklagten verbringen schon Jahre in Untersuchungshaft. Müslüm D. sogar 441 Tage zu viel: er erhält vom Staat 60’000 Franken als Genugtuung. Die meisten Verurteilten zeigten sich mit den Strafen einverstanden. Einzig der Strafverteidiger von Kronzeuge Yilmaz B. hat bereits Berufung angekündigt. Auch die Staatsanwaltschaft behält sich vor, einzelne Strafen weiter ans Obergericht zu ziehen. Alle Urteile sind deshalb noch nicht rechtskräftig.

Berichtigung
Im ursprünglichen Artikel hatte sich ein folgenschwerer Tippfehler eingeschlichen. Der Angeklagte Müslüm D. sass nicht 41, sondern 441 Tage zu lange hinter Gittern. Für diese Überhaft leistet der Staat eine Genugtuung von 60’000 Franken. Der Anteil an den Verfahrenskosten war für die schuldig gesprochenen Personen ausserdem unterschiedlich hoch. Dieser Anteil variiert je nach Beschuldigtem zwischen 6095 Franken und 380’652 Franken. Redaktion KLZ

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