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Pfähle aus den Untiefen der Geschichte

Güttingen – Die Ruinen des mittelalterlichen «Mäuseturms» vor dem Güttinger Hafen ist ortsbekannt. Dass sich rund um die Untiefe auch ein Feld von Pfählen aus der Bronzezeit verbirgt, hat Thurgauer Archäologen jedoch überrascht. Derzeit sind Taucher am Werk, um die Ausmasse der Pfahl-bausiedlungen auszuloten.

Pfähle mit deutlichen Erosionsspuren beim Mäuseturm. (Bild: Amt für Archäologie Thurgau)

Wenn der Sommer sich von seiner schönsten Seite zeigt und der Wasserstand des Bodensees ausserordentlich tief sinkt, können «Bööteler» Wundersames erblicken. Rund 250 Meter vom Güttinger Ufer aus ragen dann massive Eichenstämme aus dem See heraus und bilden ein Quadrat von 15 Meter Länge. Die Überreste des sogenannten Mäuseturms. Nachdem 2008 die Hafenuniversität Hamburg ein exaktes Höhenmodell des Seegrunds erstellt hatte, war klar, dass die Überreste auf einer inselartigen Untiefe stehen. Auch das Thurgauer Amt für Archäologie nahm die Ruinen des Holzturms genau unter die Lupe. Und brachte Erstaunliches zum Vorschein: Nicht nur konnte das Holz der Pfähle durch dendrochronologische Untersuchungen auf das 12. Jahrhundert bestimmt, einige der Schwellenhölzer konnten auf das 11. Jahrhundert vor Christus datiert werden. Der Sensationsfund eines Steinbeils sowie Gefässscherben bestätigte die Vermutung, dass bereits zur Spätbronzezeit Menschen in diesem Teil des Sees siedelten. Zudem fanden die Taucher römische Leistenziegel sowie Fragmente von Krügen und Gefässen, was die Vermutung nahe legt, dass auch die Römer die Untiefe nutzten.

Ungewöhnliche Lage

Die Archäologen präsentieren im Hafen Güttingen ihre Funde: Kantonsarchäologe Hansjörg Brem hält eine Scherbe aus der Neuzeit, Archäologin Simone Benguerel ein Beil aus der Bronzezeit. (Bild: ek)

«Die gefundene Siedlung bietet eine neue Sicht auf das Thema Pfahlbausiedlungen», erklärt Kantonsarchäologe Hansjörg Brem die Bedeutung der Funde. «Bisher haben wir nicht angenommen, dass Pfahlbauten so weit im Wasser und in einer solchen Dichte am Obersee vorhanden sind.» Auch, dass die Pfähle aus dem Seegrund ragen und noch gut erhalten sind, überraschte die Forscher – und bereitet ihnen gleichzeitig Sorgen. Denn die Strömung ist stark und die Biese weht in diesem Teil des Sees ungehindert. «Die Erosion und Kontakt zu Sauerstoff setzt den Eichenstämmen zu», sagt Simone Benguerel, Leiterin Archäologie. Die Zeit habe schon schwer am Holz genagt, von den massiven Baumstämmen ist nur noch der Kern übrig. Deshalb beschloss das Thurgauer Amt für Archäologie, dieses Jahr ihre Ressourcen auf das Pfahlbautenfeld zu konzentrieren.

Matthias Schnyder, Leiter der Grabungstechniker, erklärt die Taucharbeiten. (Bild: ek)

Seit Anfang März haben Archäologen und Spezialtaucher wieder ihr Forschungslager im Güttinger Hafen aufgeschlagen. Das Ziel ist es zu ermitteln, wie gross das Pfahlareal ist und ob es sich vielleicht sogar um mehrere Pfahlbausiedlungen gehandelt hat.
Rund 700 Pfähle auf einer Fläche von 100 m² haben die Grabungstechniker bereits markiert und Proben davon entnommen. Doch können die Taucher bereits jetzt von blossem Auge erkennen, dass die Felder mit Pfählen noch viel weiter reichen. Sie vermuten eine Ausdehnung der Siedlungen über 20’000 m².

Zwar seien noch nicht überall Proben entnommen worden. «Mit 90 prozentiger Sicherheit handelt es sich auch hierbei um Pfähle aus der Spätbronzezeit», erklärt Matthias Schnyder, Leiter der Grabungstechniker. Doch die Forschungsarbeiten gehen schleppend voran.
Zuerst waren die Boote eingefroren und der Start verzögerte sich, nun macht den Spezialtauchern auch noch der Wind zu schaffen. Oberhalb der Fundstelle haben die

Bei tiefem Wasserstand ist die inselartige Untiefe samt der Ruine des Mäuseturms klar ersichtlich. (Bild: zvg)

Archäologen ein Floss samt Kompressor und Stromgenerator verankert. «Doch bei hohem Wellengang ist es zu gefährlich für die Taucher aus dem Boot ein- und auszusteigen», sagt Schnyder mit seinen 40 Jahren Taucherfahrung. Bis Ende April läuft die derzeitige archäologische Kampagne noch. Bis dann sollen die Dimensionen der altertümlichen Siedlung abgesteckt sein und hoffentlich noch ein paar Fundstücke geborgen werden. Unter anderem kamen schon Rillensteine (Steine mit markanten Zeichen) und Spinnwirtel (zur Herstellung von Fäden) vom Seegrund an die Wasseroberfläche.

 

Spätbronzezeitliches Lappenbeil. (Bild: Amt für Archäologie Thurgau)

Doch die Funde werfen derzeit mehr Fragen auf als das sie Antworten liefern. War der Wasserstand des Bodensees zur Bronzezeit tiefer? Gab es eine direkte Anbindung an Land? Um wieviele Siedlungen handelt es sich?
«Alle Fundstücke abgrasen wollen und können wir aber nicht», sagt Schnyder. Für die kommenden Generationen an Archäologen soll auch noch etwas übrig bleiben zum Untersuchen.

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