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«Träume ich, oder ist das Wahnsinn?»

Kreuzlingen – Genialität und Wahnsinn liegen oft nah beieinander. So auch bei Aby Warburg. Er kam mit der Diagnose «Schizophrenie» in die Psychiatrie Bellevue wo er von Ludwig Binswanger therapiert wurde. Diesen historischen Stoff hat Gerd Zahner in ein Stück verpackt, welches am Mittwoch im Kult-X uraufgeführt wurde.

Aby Warburg (Julian Härtner), (links), verzweifelt im Gespräch mit Ludwig Binswanger (Georg Melich). (Bild: Bjørn Jansen)

Wir schreiben das Jahr 1921. Ins Kreuzlinger Sanatorium Bellevue wird ein berühmter Patient eingeliefert: Professor Aby Warburg. Als erstgeborener Sohn eines Hamburger Kaufmanns zur Welt gekommen, schlägt er sein Erbe aus, um sich Büchern zu widmen. Seinem jüngeren Bruder nimmt er das Versprechen ab, ihm jedes Buch zu kaufen, welches er begehrt. Und so wird Warburg Büchersammler und Wissenschaftler. Er forscht auf dem Gebiet der Kunst und macht die Ikonografie zu einer eigenen Disziplin der Kunstwissenschaft. Doch der erfolgreiche Warburg erkrankt psychisch, weshalb er zu Ludwig Binswanger kommt. Dieser leitet das Sanatorium Bellevue und ist selbst eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Beide verbindet ihre jüdische Herkunft.

Bis 1924 muss der Kunstwissenschaftler stationär in Kreuzlingen bleiben. Er fällt auf, durch Wahn, zwanghafte Rituale und Aggresivität gegen das Personal. Schlussendlich gelingt es ihm, durch die Forschung wieder zu sich selbst zu finden. Nach einem Vortrag vor dem Personal des Bellevues wird er nach drei Jahren entlassen.

Geschichtsträchtiger Spielort
Dieser historische Stoff bot die Grundlage für Gerd Zahner. Der Autor aus Singen am Hohentwil, arbeitet regionale Geschichte in seinen Theaterstücken auf. So behandelte er die SS-Kaserne in Radolfzell, die RAF in Singen und auch den Dettinger Kapitän, der mit einem Faltboot den Atlantik überquerte. Auch mit der Nähe zur Schweiz setzte er sich in «Grenzüberschreitungen» auseinander. Diesmal hat Zahner die Grenze überschritten. Denn mit «Aby Warburg. Gespräche mit einem Nachtfalter» hat er einen Stoff gewählt, der in Kreuzlingen spielt. Ein Grund warum das Stück im Kult-X, auf dem ehemaligen Schiesserareal aufgeführt wird. Der Spielort, mit seiner unmittelbaren Nähe zum ehemaligen Bellevue bietet die perfekte Kulisse.

Beklemmend, eng, wahnsinnig
Dreissig weisse Stühle stehen in drei Reihen im Raum. Es herrscht freie Platzwahl und kaum hat man sich gesetzt, geht es los. Die Pflegerin Sonja Kreis (Anny de Silva) verortet das Publikum im Bellevue. Hier wurde Aby Warburg (Julian Härtner) eingeliefert. Ludwig Binswanger (Georg Melich) studiert seine Akten. Dann entbrennt ein Dialog, ein rasendes Wechselspiel entbrennt zwischen den Dreien. Es wird schnell deutlich, welche verherenden Spuren der erste Weltkrieg in der Psyche Warburgs hinterlassen hat, und obwohl Binswanger betont, der Krieg sei vorbei, ist sein Patient dennoch gefangen in seinem Kopf. Der Schrecken lässt den Kunstwissenschaftler nicht los. Während des Krieges hat er immer wieder versucht, eine Ordnung in das Chaos zu bekommen. Er sammelte, sortierte Zeitungsausschnitte: «Ich wollte die Kontrolle zurück!», schreit Warburg. Doch die Unordnung des Krieges bezwang ihn.
Neben der Aufarbeitung des vergangenen steht auch die Furcht vor dem Kommenden. «Der Krieg wird wieder ausbrechen» und «Die Juden werden alle sterben», prophezeit Warburg. Zurück bleibt die Frage, ob man noch als verrückt bezeichnet werden kann, wenn die Wahnvorstellungen wahr werden.

Eine etwas andere Theatererfahrung
Ein Raum, eine Bühne und das Publikum mittendrin. Die Zuschauer sind schon zu Beginn von den Figuren umgeben, es ist selten möglich, jedem Teil der Handlung zu folgen. Dann wird das Publikum gebeten, sich in den Handlungsraum zu begeben. Im Kreis sitzend kann man sowohl dem Spiel folgen als auch anderen Zuschauern direkt ins Gesicht sehen und anhand ihrer Mimik ihr Innenleben nachvollziehen. Und im Innern spielt sich viel ab. Das laute Geschrei, die teils wirren Passagen, der verzweifelte Wunsch nach Ordnung und das Gefangensein in der Handlung dominiert die eigene Gefühlswelt. Auch die laute, an den Nerven zerrende Musik trägt ihren Teil dazu bei. Das Publikum wird Teil der Handlung.
Das Stück wirkt befremdlich, alptraumhaft, verwirrend und entfaltet so und durch die herausragenden Schauspieler, seine Genialität. Es wird nicht die wirre Gedankenwelt eines psychisch Kranken gezeigt, sondern aufgefordert, sich darauf einzulassen, nachzuvollziehen und vielleicht sogar ein wenig zu begreifen.

Weitere Termine
«Aby Warburg» wird bis Ende April noch an acht Terminen im Kult-X zu sehen sein. Tickets gibt es beim Theater Konstanz oder online unter: www.theaterkonstanz.de

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