/// Rubrik: Kultur | Topaktuell

Grosses Leid in Klang und Sprache

Kreuzlingen – Der Oratorienchor Kreuzlingen sang zusammen mit der Basler Münsterkantorei in der ausverkauften Kirche St. Stefan. Unter der Leitung von Annedore Neufeld vereinigten sich die Chöre mit der südwestdeutschen Philharmonie Konstanz zu einem eindrücklichen Ganzen. (Text: Christine Forster)

Über 100 Musizierende standen in der Kirche St. Stefan auf der Bühne. (Bild: zvg)

«Stabat Mater dolorosa juxta crucem lacrimosa, dum pendebat Filius»: Der Anfang des mittelalterlichen Gedichts nimmt den Leser sofort mitten ins Geschehen mit: Die Mutter stand tränenreich und voller Schmerzen beim Kreuz, als ihr Sohn dort hing. Dvořáks Musik tut dasselbe, sie trifft ins Schwarze, zeichnet in allen Facetten die Trauer und das Leiden Marias. Intensiv, wuchtig und fein zugleich stellt die meisterhafte Komposition eine grosse Herausforderung an die Musizierenden dar.

Grosse Wogen
Das abendfüllende Werk, bestehend aus zehn Sätzen, ist inhaltlich schnell zusammengefasst: nach der Trauer kommt die Hoffnung. In der Musik wird das intensive Leiden und das Hoffen am Schluss wellenförmig und mit vielen Höhepunkten dargestellt. Feine, kammermusikalische Passagen wechseln sich ab mit wuchtigen und vollen Tuttistellen. In der Kirche St. Stefan hat das in Bann gezogene Publikum mitgelitten und gleichzeitig die grosse, differenzierte Klangvielfalt entspannt geniessen können. Von Annedore Neufeld kompetent und präzise angeleitet war das klangliche Erlebnis sehr eindrücklich und intensiv.

Rund, leicht und präsent
Die Solisten Ana Maria Labin (Sopran), Marlene Lichtenberg (Alt), Tomáš Černý (Tenor) und Marc-Olivier Oetterli (Bass) überzeugten ebenfalls durch ihre hohe Musikalität und waren mit Sicherheit die richtige Besetzung für Dvořáks Werk. Im Speziellen beeindruckte die Sopranistin, die für die erkrankte Mechtild Bach eingestiegen ist. Locker, rund, leicht und fein sang sie ihre Passagen, ohne dabei an Präsenz einzubüssen. Der voluminöse, dunkle Alt passte zur grossen Dramatik. Der Tenor überzeugte bei den klanglich wuchtigen Passagen. Ausgewogen und differenziert sang der Bassist seine Partie.

Ineinander verschmolzen
Annedore Neufeld, Dirigentin beider Chöre, hat das grosse Werk mit den Sängerinnen und Sänger aus Basel und Kreuzlingen sehr gut vorbereitet. Klanglich verschmolzen die beiden Ensembles perfekt ineinander. Besonders durchdringend und kernig schön tönten die lauten Tutti-Stellen in mittleren Lagen. Der stetige Auf- und Abbau der musikalischen Linien wurde eindrücklich und sehr pointiert umgesetzt. Die Chöre und das Orchester folgten der Dirigentin in jedem Moment hochkonzentriert und ganz genau. So konnten wunderbar ausformulierte Bögen gestaltet werden, die vom Publikum mit einem lang anhaltenden Applaus gebührend honoriert wurden.

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