/// Rubrik: Stadtleben | Topaktuell

Gedenkfeier für Opfer des Genozids

Kreuzlingen – Armenische Gläubige aus Kreuzlingen beteiligen sich neu im Open Place und an den Gottesdiensten der evangelischen Kirche Kurzrickenbach. Am 29. April gedenkt die Gemeinschaft den Opfern des Völkermords an den Armeniern mit Vorträgen, einer Filmvorführung, Gesang und Gebeten.

Die Armenische Kirchgemeinde in der deutschsprachigen Schweiz feiert ihre Gottesdienste im wöchentlichen Wechsel in verschiedenen Kirchen. In Kreuzlingen finden diese immer in der katholischen Kapelle Bernrain statt. 30 Familien nehmen derzeit im Schnitt an diesen Gottesdiensten teil, sagt Agop Hatschaduryan. Jetzt gibt es mit dem Open Place und der Kirche Kurzrickenbach einen neuen, zusätzlichen Ort für die armenisch-apostolischen Gläubigen.

«Über Bekannte habe ich vom Open Place erfahren und mich gleich dafür interessiert», berichtet Hatschaduryan. «Ich durfte dann an einem ökumenischen Gottesdienst zum Jahresanfang teilnehmen und eine Friedenskerze anzünden. Das hat mich sehr beeindruckt.» Seitdem hat sich der Kreuzlinger stark eingesetzt für diese neue Zusammenarbeit. «Ich wünsche mir, dass sich hier weitere armenische Christinnen und Christen zu Hause fühlen», sagt er. «Es wäre schön, wenn wir uns gegenseitig besser kennenlernen. Auf diese Weise gelingt es uns vielleicht auch, Jüngere zum Kirchenbesuch zu animieren.» Offenheit und Gemeinschaft stehen seit je her auf den Fahnen des Open Place. So hat ein Kunstmaler aus Syrien, der öfters den Kreativ-Kurs des Treffpunkts besucht, für die Gedenkfeier vom 29. April ein Bild gemalt. «Dass er als Muslim diesen Beitrag leistete, finde ich sehr schön», sagt Hatschaduryan.

(V.l.) Arman Koktemir, Pfarrer Damian Brot und Agop Hatschaduryan mit dem Gedenkbild eines syrischen Kunstmalers. (Bild: sb)

Zu sehen ist das Husartsan, das erste Denkmal überhaupt, welches an den Völkermord an den Armeniern erinnerte. Eine trauernde Frau und ein Kind auf dem Bild stehen als Symbol für die Tausenden von Frauen und Kindern, die damals zu Witwen und Waisen gemacht wurden. Das Denkmal wurde 1922 aus dem Istanbuler Gezi-Park entfernt und dann vernichtet.

An der Gedenkfeier wird Hatschaduryan einen Vortrag über die Deportation der armenischen Elite halten. Damit begann 1915 der Genozid an den Armeniern. «Es ist richtig, dass der Schweizer Nationalrat den Begriff «Völkermord» anerkannt hat. Ebenso der deutsche Bundestag», sagt Hatschaduryan. «In meinem historischen Rückblick werde ich aber auch auf die deutsche Mitverantwortung in dieser Sache eingehen. Gleichzeitig gab es auch anständige Türken, die Armenier retteten. Diese Tatsachen werden oft vergessen.»

Mehr Symbolik in der Kirche
Am 29. April weihen die Verantwortlichen zudem einen neuen Kerzenständer ein, der künftig unter der Obhut der Armenier stehen soll. «Uns freut es, diese östliche Kirche im Sinne der Ökumene einzubinden. Die armenisch-apostolische Kirche ist zwar eher klein, geht aber ganz weit zurück. In dieser Tradition ist es eine wichtige religiöse Handlung, in der Kirche Kerzen anzuzünden», erklärt der evangelische Pfarrer Damian Brot den Brauch.

Die Kerze stehe einerseits für die andauernde Anwesenheit des Betenden in der Kirche, auch wenn er sie schon verlassen hat. Andererseits gedenken Gläubige so Verstorbenen und Kranken oder richten eine Botschaft an Gott.

Arman Koktemir, der sich auch in der Gemeinde engagiert, ist froh über den neuen Begegnungsort der Armenier. «Das Kerzenanzünden gehört bei uns einfach dazu und so können wir auch dem Nachwuchs zeigen, was unsere Wurzeln sind.»

Der von der Regierung des Osmanischen Reiches angeordnete Völkermord an den Armeniern geschah in den Jahren 1915 und 1916. Je nach Schätzung kamen zwischen 300’000 und mehr als 1,5 Millionen Menschen zu Tode. Noch heute weigert sich die Türkei, von Genozid zu reden, während die Armenische Gemeinschaft weltweit gegen das Vergessen und für Wiedergutmachung eintritt. So findet jährlich der Völkermordgedenktag am 24. April statt. In Kreuzlingen ist die Gedenkfeier fünf Tage später. Am Sonntag, 29. April, startet das Programm ab 15 Uhr in der Kirche Kurzrickenbach. Im Anschluss wird ein Apéro mit armenischem Gebäck offeriert.

Share Button

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.