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Rätselhafte Steinstrukturen im Bodensee

In den vergangenen Tagen haben Experten des Amtes für Archäologie des Kantons Thurgau in Zusammenarbeit mit renommierten deutschen Forschern Messungen an den Unterwasser-Hügeln vor Uttwil durchgeführt. Die Messungen haben funktioniert und die ersten Resultate zeigen klar: Die Hügel wurden von Menschen aufgeschüttet.

Weltweit einzigartiger Prototyp eines Unterwasser-Georadargeräts der Technischen Universität Darmstadt, links der Sedimentologe Jens Hornung. (Bild: Amt für Archäologie Thurgau, Urs Leuzinger)

Bei der Auswertung der Daten der im Jahr 2015 durchgeführten hochpräzisen Tiefenvermessung des Bodensees durch die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg, Langenargen (LUBW) wurde vom Wissenschaftler Dr. Martin Wessels in der Flachwasserzone zwischen Romanshorn und Bottighofen eine regelmässige Reihe von über 100 Steinhügeln mit Durchmessern von 15 bis 30 Metern entdeckt. Diese verteilen sich uferparallel in teilweise auffallend regelmässigen Abständen. Die Steinanhäufungen liegen heute drei bis fünf Meter unter der Wasseroberfläche. In der Zwischenzeit fanden mehrere Tauchgänge unter der Leitung des Amts für Archäologie des Kantons Thurgau statt. Die Strukturen wurden fotografiert, vermessen und einige Hölzer, die zwischen den Steinen verkeilt waren, konnten geborgen und naturwissenschaftlich datiert werden.

Bisher nicht geklärt war die Entstehung dieser Steinhügel. Handelt es sich um natürliche glaziale Ablagerungen (Moränenreste) des Bodenseegletschers vor rund 18’000 Jahren? Oder wurden die Steine durch den Menschen entlang einer früheren Uferlinie oder sogar ins Wasser aufgeschüttet? Für beide Szenarien gab und gibt es Anhänger unter den mittlerweile aus verschiedenen Wissenschaften zusammengeführten Spezialisten. Zudem wurde die Diskussion noch angeheizt durch Theorien, die Steinstrukturen seien ein grosses astronomisches System à la Stonehenge.

Messungen an fünf Tagen
Um die zentrale Frage, ob natürlich oder vom Menschen abgelagert, zu klären, fanden vom 23. bis 27. April in einem ersten Schritt Georadarmessungen statt. Ein Team von Wissenschaftlern untersuchte mit dem Forschungsschiff «Kormoran» des LUBW Steinablagerungen exemplarisch und punktuell zwischen Romanshorn und Güttingen. Dabei kam weltweit erstmals ein Prototyp eines unter Wasser funktionierenden Georadargeräts zum Einsatz. Dieser wasserdichte, GPS-gesteuerte Messschlitten wurde von Dr. Jens Hornung von der Technischen Universität Darmstadt entwickelt. Mit hochfrequenten elektromagnetischen Impulsen wurden die im Seeuntergrund versteckten Schichtgrenzen im Umfeld der Steinstrukturen erfasst. Die so gewonnenen Bilder lieferten neue Erkenntnisse zur Entstehung der rätselhaften Steinanhäufungen.

Es ist offensichtlich, dass die bis zu 40 Zentimeter grossen Steine auf den nacheiszeitlichen, gebänderten Seeablagerungen und deutlich über der darunter verlaufenden Moräne aufliegen. Somit ist jetzt naturwissenschaftlich belegt, dass die Hügel nicht natürlich durch den Gletscher entstanden, sondern von Menschenhand aufgeschüttet worden sind. Bemerkenswert sind die regelmässig geschichteten Sedimente, die sich seewärts nach dem Aufschütten der Steine abgelagert haben. Diese verschoben die Halde stetig seewärts und sind mehrere Dutzend Meter mächtig. Die Steinstrukturen müssen demnach vor sehr langer Zeit im Bereich der damaligen Haldenkante (ursprüngliche, trockenliegende Uferlinie?) von Menschen aufgeschüttet worden sein. Die Resultate der durchgeführten Georadarmessungen sind sehr wichtig für den weiteren Verlauf der wissenschaftlichen Untersuchungen. Mittlerweile ist nämlich klar, dass die Geologen den Ball definitiv an die Archäologen weiterschieben können.

Noch einige offene Fragen
Die Fragen nach dem Wann und Warum können die Experten zum heutigen Zeitpunkt nach wie vor nicht abschliessend beantworten. Zumindest ist aber klar, dass die Steinstrukturen nacheiszeitlich entstanden sind. Die Seeablagerungen über den Steinen Richtung See sprechen zudem dafür, dass diese wahrscheinlich in prähistorischer Zeit aufgeschüttet wurden. Die geborgenen Hölzer aus Hügel fünf datieren gemäss der Radiokarbon-Datierungsmethode, analysiert am Institut für Ionenstrahlphysik der ETH Zürich, in die Jungsteinzeit (circa 3600–3300 v.Chr.). Ein direkter Zusammenhang zwischen den Hölzern und den Steinen ist aber nicht gegeben; es könnte sich bei diesen Hölzern auch um angeschwemmtes und zwischen den Steinen verkeiltes Baumaterial aus einer benachbarten Pfahlbausiedlung handeln. Dass diese Flachwasserzone weit ausserhalb der heutigen Uferlinie in früheren Zeiten besiedelt war, bestätigen nun aber die neusten Ergebnisse aus der spätbronzezeitlichen Seeufersiedlung bei Güttingen aus der Zeit zwischen 1050 und 950 v.Chr. Eher auszuschliessen ist eine Datierung der Steinstrukturen im Zusammenhang mit der römischen Grenzbefestigung im 4. Jahrhundert n.Chr. oder mit der mittelalterlichen/neuzeitlichen Schifffahrt.

Unterwassergrabung im kommenden Winter
Die Georadarmessungen haben die Frage nach der Entstehung geklärt. Die Resultate werden nun in der bestehenden Arbeitsgruppe aus Archäologinnen und Geologen diskutiert. Die von Menschenhand gebildeten Steinhügel müssen zudem zeitlich genauer eingegrenzt werden und es gilt schliesslich herauszufinden, wofür diese Strukturen gedient haben. Das Amt für Archäologie des KantonsThurgau plant, im nächsten Winter mit einer Unterwassergrabung einer dieser Steinanhäufungen – wahrscheinlich Hügel Nummer fünf – genauer zu untersuchen. Die heute vorgestellten Ergebnisse sind daher lediglich ein Etappenziel auf dem spannenden Weg, eine Lösung des Rätsels über die 100 Hügel im See zu finden. Erfreulich ist, dass mit den nun vorliegenden positiven Resultaten auf aufwendige Kernbohrungen verzichtet werden kann.

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