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Von der Müllkippe zum grünen Paradies

Kreuzlingen – Der Kreuzlinger Seeburgpark ist der grösste und schönste öffentliche Park am Bodensee. Das war nicht immer so: Bis in die 70er Jahre hinein luden die Menschen hier ihren Müll und Bauschutt ab. Die Entwicklung bis hin zur grünen Oase dauerte Jahrzehnte.

Der Seeburgpark ist Kreuzlingens Aushängeschild. (Bild: IDK)

Der Startschuss für den heutigen Park fiel im Jahre 1958, als die Kreuzlinger Stimmberechtigten dem Kauf des Areals für 2,4 Millionen Franken zustimmten (das entspricht laut Inflationsrechner des Bundes einem heutigen Wert von rund 9,9 Millionen Franken). Das Ergebnis war gemäss Protokoll denkbar knapp: Von 2707 Stimmberechtigten gingen 2013 an die Urne, 1003 stimmten Ja, 975 Nein. Im Vorfeld war denn auch ein emotionaler Abstimmungskampf geführt worden.

Übel: Müll ohne Kübel Anfang der 70er Jahre. (Bild: Leutenegger)

Gegner des Kaufs wie Leserbriefschreiber Jakob Brüllmann warnten im «Thurgauer Volksfreund» ausführlich vor den zu hohen Kosten und der Schuldengefahr. An einer öffentlichen Orientierungsveranstaltung mit dem damaligen Stadtpräsidenten Walter Huwyler, zu dem mehrere hundert Menschen kamen, hätten zudem Befürworter die Kritiker mit ironischen Bemerkungen mundtot gemacht. Nur unter dem Pseudonym «Ein vorsichtiger Stimmbürger» traute sich ein Leserbriefschreiber in die Zeitungsspalten und warnte davor, die «Katze im Sack» zu kaufen.

Stadtrat, Gemeinderat, die Parteienlandschaft und sogar der Kreuzlinger Verkehrsverein standen aber voll hinter dem Projekt. Viele Befürworter zeigten schon damals eine bemerkenswerte Weitsicht: «Je grösser eine Ortschaft wird, umso grösser wird (…) das Bedürfnis nach jedermann zugänglichen Grünanlagen», schrieb etwa der Volksfreund in seiner eigenen Abstimmungsempfehlung. «Was wir heute brauchen, ist ein Ruheplätzchen für unsere überarbeiteten Nerven und die Gelegenheit, mit unserer Familie am Sonntag zusammen zu sein, ohne von einem Vehikel gefährdet zu werden», liess die SP in derselben Zeitung wissen. Und auch Leserbriefschreiber E. Schümperli war schon damals klar: Was Kreuzlingen braucht, ist eine «Stätte der Erholung, der Körperertüchtigung und der Kulturbedürfnisse», das sei man seinen «Kindern und Kindeskindern schuldig».

Früher ging das Wasser bis zur Seeburg. Dann wurde aufgeschüttet. (Bild: Leutenegger)

Hochhäuser im Seeburgpark?
Die Stadtoberen hatten indes anfänglich noch etwas andere Pläne: Man wollte zwar die «prächtige Parkanlage» der Öffentlichkeit zugänglich machen, aber im Gegenzug auch mehr als die Hälfte des fast 18 Hektaren grossen Kaufgebiets als Bauland verkaufen. Die entsprechende Zonenzuweisung erfolgte dann auch im August des Kaufjahres. Ein Initiativkomitee kämpfte jedoch erfolgreich gegen diese Absichten und erwirkte eine Volksabstimmung am 24. und 25. Februar 1962. Das Areal wurde danach zur Grünzone erklärt, mit dem Zweck, es als Park- und Erholungsgebiet zu erhalten.

Bauschuttabladeplatz und die alte Badi draussen im See. (Bild: Leutenegger)

Guido Leutenegger kennt die Geschichte des Seeburgparks wie kein Zweiter. «Als Kind habe ich hier zwischen alten Kühlschränken und Autoreifen gespielt», erinnert er sich an die Jahre, als auch nach Kauf und politischem Bekenntnis zum Park erst mal wenig ging. Den richtig stinkenden Güsel liessen die Verantwortlichen dort abladen, wo heute die Bodensee-Arena steht. Vor den Seeweg, dort, wo früher der Steg rausging zur Alten Badi, kippten Lastwagen Bauschutt hin und trotzten dem See so immer mehr Wasserfläche ab. «Das war dem damaligen Zeitgeist geschuldet», relativiert der Naturschützer diesen ökologischen Sündenfall. «Damals war der See noch schmutzig, in Ufernähe stank der Schlamm, überall waren Mücken, und so sahen die Bürger diesen Bereich eher als Sanierungsfall und Abladeplatz denn als Naherholungsgebiet an.»

Wollschweine auf der nach ihnen benannten Insel. (Bild: archiv)

Die Zufälle des Seeburgparks
Viele Beteiligte, etwa alt Stadtpräsident Emil Heeb, stellten im Laufe der Zeit die Weichen für die Entwicklung des Seeburgparks. Aber auch Zufälle spielten eine grosse Rolle. So wäre die Wollschweininsel nicht entstanden, wenn sich die Uferlinie und damit die Strömungen durch die Aufschüttungen nicht geändert hätten. Schwemmmaterial verstopfte bald die Einfahrt zum Schifffahrtshafen. Dieses baggerte man aus und kippte es einfach etwas weiter vorn in den See, um eine Mole zu erhalten, als Schutz gegen die angeschwemmten Ablagerungen. So entstand die Wollschweininsel. «Anfänglich sprachen die Leute daher eher vom ‹Dreckhaufen› vor der Stadt», schmunzelt Leutenegger.

1987 setzte er hier die ersten Wollschweine aus, einfach, um die Insel besser und kostengünstig vor Verbuschung zu schützen. Auch die Hochlandrinder im Park sind so ganz nebenbei günstige Rasenmäher.

Ein weiterer Meilenstein in der Entwicklung des Parks war der Aushub des Yachthafens. Die Erdmassen füllten den See, der damals bis zur Gartenmauer der Seeburg reichte. Heute ist hier ein Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung.

Sommertag im Seeburgpark. (Bild: Archiv)

Entwicklung setzte sich fort
Die Eröffnung des Seemuseums in den denkwürdigen, renovierten Räumen einer alten Kornschütte, die Errichtung des Heil- und Gewürzgartens, der Um- und Ausbau des Tierparks, die Renovierung von Schloss Seeburg und die Eröffnung des Restaurants, die Bepflanzung des Rebbergs, die Nutzung der Villa Hörnli als Jugendherberge, die Hafenumgestaltung, die Errichtung von Beachvolleyballfeldern und einer Skateranlage Richtung Klein Venedig oder der Bau und die ständige Erweiterung des beliebten Kinderspielplatzes stellten weitere bedeutsame Punkte in der Entwicklung des Seeburgparks dar.

Heute kommen im Seeburgpark alle auf ihre Kosten, die Erholung in der Natur suchen, die Tier- und Pflanzenwelt beobachten oder einfach nur am See in der Sonne liegen wollen. Punktuell beleben Veranstaltungen wie Seeburg-Theater oder Open-Air-Kino das Gebiet, diese benötigen aber immer eine Sondergenehmigung.

Dort, wo die mächtigen Mammutbäume thronen, wollten die Stadtoberen einst Hochhäuser bauen. (Bild: Stadtarchiv)

Denn diese vielseitige und gleichzeitig naturnahe Nutzung konnte Anfang des neuen Jahrtausends durch einen Richtplan zementiert werden. Leutenegger war es, der den Richtplan als Gemeinderat per Motion auf den Weg schickte und später als Stadtrat an der Ausarbeitung direkt beteiligt war. 2003 genehmigte der Kanton das Papier und sicherte so die «Perle des Sees» (Thurgauer Zeitung) für alle Zeiten.

PS: Bodenproben, die 2016 an mehreren Stellen im Park entnommen wurden, zeigen denn auch, dass das Areal sicher ist und keine bösen Überraschungen in Form von Altlasten zu erwarten sind. Die Prüfung der Wasserproben ist allerdings noch nicht abgeschlossen.

Jubiläumsprogramm
Am Sonntag, 29. April, 14 bis 17 Uhr, wird das 60-Jahr-Jubiläum gefeiert. Im Restaurant Seeburg und im Seemuseum gibt’s Leckeres zu den Preisen von anno 1958. Die Kleinen können sich im Seemuseum am Kinderschminken erfreuen oder mehr über Baumeister Biber lernen. Auf einem geführten Fotowalk können sie zudem mit eigener Digitalkamera oder ihrem Handy Fotos schiessen und eines ausdrucken lassen und mit nach Hause nehmen. Der Fotowalk startet jeweils um 14, 15 und 16 Uhr. Bei schlechter Witterung findet der Anlass im Seemuseum statt. Zwischen 14 und 16 Uhr führt Guido Leutenegger durch den Seeburgpark. Die Führungen dauern je rund zwei Stunden, Treffpunkt ist beim Eingang Schloss Seeburg. Eine Schlossführung mit dem Historiker Josef Bieri startet um 16 Uhr. Treffpunkt ist ebenfalls vor dem Schlosseingang. Die Führung dauert rund eine Stunde.

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