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Alle wollten den Muni Radisch

Lengwil – Rund 5'000 Gäste besuchten vergangenes Wochenende das kantonale Schwingfest in Lengwil. Unter den 159 Schwingern standen einige bekannte Namen im Ring. In den fünf Sägemehlreihen kämpften die «Bösen» um den Hauptpreis – den Stier Radisch.

Bei schönstem Wetter zog es die Besucher scharenweise in die Schwingarena von Lengwil. (Bilder: jz)

Es herrscht Ausnahmezustand in Lengwil. An allen Strassenecken stehen Verkehrskadetten. Rasch ist klar, hier steigt etwas grosses. Eröffnet wird die Schwingarena in Lengwil um 6.30 Uhr. Nur knapp zwei Stunden später sitzen bereits viele Besucher auf den Holzbänken in der Schwingarena und geniessen den ersten Gang.
Obwohl es anfänglich wirkt, als ob mehr die Sonne und die Infrastruktur des Festgeländes begutachtet werden, denn das Geschehen in der Mitte der Ringe, wird rasch klar: mindestens ein Auge ist immer auf die Schwinger gerichtet. Vor allem der erste Auftritt des Topfavoriten aus der Region, Samuel «Sämi» Giger, zeigt wie begeistert das Publikum ist. Als Sämi seinen ersten Gegner mit Schwung aufs Kreuz legt; jubelt die ganze Arena. Die etwas zurückhaltende Stimmung ist innert Sekunden verflogen. Nach dem Sieg des jungen Ottobergers klopfen ihm viele Zuschauer auf die Schulter und die kleinen Jungen wollen ein Autogramm. Man sieht eine einzigartige Verbindung zwischen Athleten und Fans, die in anderen Sportarten kaum möglich ist. Während die einen Schwinger sich bereit machen mit letzten Dehnübungen vor dem Kamp, stehen die Anderen mitten im Publikum und unterhalten sich mit Freunden. Es sind Athleten zum Anfassen. Obwohl einige der strammen Männer auf den ersten Blick beinahe unsportlich wirken, beweist einer nach dem anderen, dass ein Schwinger neben Muskelkraft auch Schnelligkeit und Flexibilität besitzen muss. Unter den Teilnehmern gibt es Unterschiede bei der Bekleidung. Während die weissgekleideten «Turnerschwinger» vom Turnverein abstammen, sind die «Sennenschwinger» mit schwarzer Hose und Hemd unterwegs. Sie befassen sich ausschliesslich mit Schwingen.

Jeder bekommt einen Preis
Am meisten auf die Waage im Festgelände bringt Muni Radisch. Mit seinen rund 850 Kilogramm ist der Stier ein echtes Prachtexemplar. Als heimlicher Star und Siegerpreis ist es ein Muss, das Tier zu begutachten. Mit Hörnern und Kopfschmuck wartet Radisch geduldig auf seinen neuen Besitzer. Neben dem Braunvieh konnten die Schwinger vier weitere Lebendpreise gewinnen. Darunter auch das Fohlen Navajo von Schlosshof. Alle Tiere werden während dem Tag durch die Arena geführt.
Doch auch im Gabentempel, der in der Turnhalle aufgebaut wurde, gab es tolle Preise zu bestaunen. Jeder Schwinger erhält am Ende eine Auszeichnung. Während dem Sieger der Muni zusteht, was als höchste Auszeichnung gilt, können die restlichen Sportler, der Platzierung nach, etwas aus dem Gabentempel aussuchen. Die Auswahl ist gross. Neben traditionellen Preisen wie signierte Kuhglocken oder gravierte und handgefertigten Stühlen findet man Velos, Motorsägen, Kühlschränke, Gutscheine, Kinderwagen und vieles mehr unter den Gaben.

Swissness pur
Das Programm rund um die fünf Sägemehlringe ist wie es sich für ein Schwingfest gehört sehr traditionell. So gibt der Jodlerclub Seebuebe aus Altnau mehrere Ständchen. Die Alphorngruppe Kemmental mit zwei Fahnenschwingern unterstützen die Männer im Sägemehl mit heimischen Klängen. Am Nachmittag tritt die Treichlergruppe Märstetten auf. Mit Kuhglocken wippen sie präzise im gleichen Takt und marschieren einmal durch die Arena.
Das Schwingfest wirkt wie eine kleine Parallelwelt. Vor allem für die traditionellen Vereine wie eine Treichlergruppe bietet ein solcher Anlass die Möglichkeit sich zu präsentieren. Zudem vermittelt diese doch sehr traditionelle Atmosphäre ein «heimeliges» Gefühl. Die Stimmung in und um die Arena ist friedlich und freundlich. Man diskutiert mit dem Sitznachbar über die aktuellen Kämpfe und geniesst bei schönem Wetter eine Bratwurst und ein Bier. Doch je näher das Ende rückt, desto interessierter werden die Zuschauer. Die Holzbänke rund um die Ringe besetzt und auf der Tribüne sieht man immer weniger freie Plätze.

Er ist der Star des Festes: Der junge Ottoberger Sämi Giger gewann den Schlussgang und holte sich somit den Festsieg.

Neun Eidgenossen vor Ort
Einige bekannte Gesichter der Schwingerszene sind in Lengwil anzutreffen. Neun sogenannte «Eidgenossen», Gewinner eines Kranzes (Auszeichnung) an einem Eidgenössischen Schwingfest, nehmen teil. So warten viele Fans gespannt auf den Kampf zwischen Sämi Giger und dem Appenzeller Michael Bless. Zwei Eidgenossen und zwei Schwinger-Generationen. Der 32-jährige, routinierte Michael Bless gegen den 19-jährigen Jungstar Sämi Giger. Der Publikumsliebling Sämi fackelt nicht lange und schwingt den Appenzeller innert wenigen Sekunden auf den Rücken. Im Schlussgang geht es für den Thurgauer gegen den Zürcher Roman Schnurrenberger. Auch hier macht Giger kurzen Prozess. Knapp eine Minute nach dem Start des Schlussganges findet er sich als Sieger des Tages auf den Schultern seiner Mitstreiter wieder. Traditionsgemäss wird der Schwingfest-Sieger in die Höhe gestemmt. Nach 29 Jahren hat es der Ottoberger endlich geschafft, ein lokales Schwingfest für den Thurgau zu gewinnen. Bei einem kurzen Interview zeig der Zimmerman sich glücklich, aber bescheiden und bodenständig. Er sei froh, dass es ein unfallfreier Wettkampf für ihn war. Denn neben dem Schwingen stehen bei Giger dieses Jahr noch Lehrabschlussprüfungen und die Rekrutenschule auf dem Programm.

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