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Mit dem Biber fing alles an

Kreuzlingen – Die WWF Sektion Thurgau ist die älteste Ortsgruppe der Schweiz. Vier Kreuzlinger und ein Landschlachter gründeten sie vor 50 Jahren im Hotel Löwen. Ihre Motivation war zunächst, geschützte Tiere wie den Biber wieder anzusiedeln. Um Verständnis für die Natur zu wecken, gaben die Mitglieder auch Kompostierkurse oder zeigten Filme. Doch wenn es hart auf hart kam, gingen sie für ihre Überzeugungen auch auf die Strasse. Nicht selten bekamen sie dabei starken Gegenwind zu spüren.

Viele helfende Hände und noch mehr Publikum bei der Biberaussetzung am Nussbaumersee 1968. (Bild: WWF)

Wäre die Idee, den Biber in der Region wieder heimisch zu machen, nicht gewesen, hätte sich die WWF-Ortsgruppe «Kreuzlingen und Umgebung» wohl nicht gegründet. «Wir hatten schon einige Jahre mit dem Gedanken gespielt, hatten Info-Material beisammen und Bewilligungen eingeholt. Aber es war schwer, Tiere zu bekommen. Obwohl wir alle Hebel in Bewegung setzten, bei Zoodirektoren vorsprachen und die Zusage einer Finanzspritze vom Naturschutzbund hatten. Schliesslich war es dann der WWF Schweiz, welcher das meiste Geld geben wollte», erinnert sich Wolf-Dieter Burkhard.

Die vier Kreuzlinger Anton Trösch, Dr. August Juchli, Dr. Fritz Gebert und Fred J. Reinhard hoben deswegen zusammen mit Burkhard am 4. März 1968 die WWF-Ortsgruppe aus der Taufe. Die Biber dankten es ihnen: Nachdem ein erster Versuch 1966 im Bottighofer Stichbach nicht fruchtete, gelang es zwei Jahre später, sechs Wildfänge aus Norwegen am Nussbaumer See anzusiedeln. Insgesamt setzten die Naturfreunde dort neun Tiere aus. Diese sind die Ahnen der gesamten Thurgauer und Ostschweizer Biberpopulation.

Kurs zum Bauen von Trockenmauern 1996. (Bild: WWF)

Passanten mit Luchsaugen
Weitere Aussetzungen kamen hinzu, allerdings liefen nicht alle ähnlich glatt. Ausserdem nervte der Papierkrieg: Für Fischotter bekamen sie 1970 die Genehmigung, für Luchse nicht, weil Jäger opponierten. Mit Schmunzeln erinnert sich Hobby-Biologe Burkhard daran, wie die Kollegen Trösch und Juchli trotzdem ein Paar Luchse im Nationalpark auf dem Ofenpass aussetzten. «Das gab einen grossen Wirbel, denn sie wurden von Spaziergängern erwischt und später mit 400 Franken gebüsst. Der WWF Schweiz distanzierte sich von der Aktion.» Heute ist der Luchs wieder heimisch in der Schweiz und Gründungs- und Ehrenmitglied Burkhard immer noch im Vorstand aktiv. Bekannt ist er auch als «Fledermausvater», gründete er doch zusammen mit Gattin Ursula die Thurgauische Koordinationsstelle für Fledermausschutz. Heute wie damals ist es das Ziel des Ehepaars, aufzuklären und Verständnis für die Natur zu wecken. «Damals zeigten wir Filme im Kreuzlinger Kino Bodan, das waren richtige Publikumsmagnete. Tiersendungen im Fernsehen gab es damals noch wenige», erinnert er sich.

Die Solarfähre fährt heute noch. (Bild: WWF)

Allen gefielen die Aktivitäten allerdings nicht: Weil sie an einer Ausstellung mit einer elektronischen Anzeige auf den stündlichen Bevölkerungsüberschuss auf der Erde hinwiesen, warf ihnen der damalige Stadtpräsident und ehemalige Nationalrat Alfred Abegg «Nazidenken» vor. Handfester wurde es auch, als sie 1971 mit selbst gemalten Schildern in Steckborn gegen die Regulierung des Bodensees demonstrierten. Die Ortsgruppe hatte zu diesem Zeitpunkt 226 Mitglieder, ein Jahr später sollten es bereits 366 sein.

Wutbauer klopfte an die Tür
Weil Burkhard sich beherzt gegen den Einsatz des Insektizids Zolone zur Bekämpfung von Maikäfern engagierte, musste er sich von einem Regierungsrat anschreien lassen. «Doch wir hatten Erfolg, die Helikopter blieben am Boden.» Seit langem ist das Gift in der Schweiz endgültig verboten, damals hatten Landwirte aber weniger Einsehen für solche Forderungen. Eines Abends klopfte also ein aufgebrachter Bauer an der Tür der Burkhards, mit einem Eimer Engerlinge in der Hand. Burkhard: «Für unser Gemüsebeet, damit wir mal sehen sollten, wie das ist. Ich blieb aber ruhig, und nach einem guten Gespräch zog er ohne Groll von dannen.»

Beim Kauf von zwei der drei Lengwiler Weiher für 150’000 Franken war der WWF treibende Kraft. 1980 kam der Grossweiher für 156’800 Franken dazu, dank des unermüdlichen Einsatzes von Präsident Trösch. Heute sind die Weiher eines der schönsten Schutzgebiete des Thurgaus und befinden sich unter der Aufsicht von Pro Natura.

Fledermausausbildung circa 1998. (Bild: WWF)

Ende der 70er Jahre begannen auch erste koordinierte Vorstösse gegen die Wasservogeljagd auf dem Untersee und Rhein. Bei den traditionsbewussten Jägern stiessen die Tierschützer auf wenig Gegenliebe. Bei einem Ortstermin wurde Burkhard die Luft aus den Reifen seines Wagens gelassen. «Man muss Kritik aushalten können», sagt er dazu. Und mit Argumenten überzeugen: «Ich habe mich nie versteckt. Das halte ich auch heute noch so. Die Leute sollen wissen, wem sie die Ohrfeige verpassen wollen.»

Paradigmenwechsel
1984 übernahm Dr. Margrit Beck-Föhn das Präsidium. Sie griff vermehrt Themen auf, die mit Umweltschutz im Alltag zu tun haben, etwa richtiges Kompostieren. Die neue Präsidentin schaffte es auch, den Bekanntheitsgrad des WWF weiter zu steigern. Diesen Weg führt der Kreuzlinger Jost Rüegg, der 1987 Präsident wurde, fort. Rüegg war kein Unbekannter, hatte bereits bei der Kulturlandinitiative Einsatz gezeigt oder werbewirksam WWF-Plüschtiere am Kreuzlinger Jahrmarkt verkauft.  In den folgenden Jahren entwickelte sich der WWF zum Widersacher und machte als Verband von seinem Recht auf Einsprache immer öfter Gebrauch. Seit dieser Zeit helfen Anwälte im Kampf gegen den Golfplatz Lipperswil, Geflügel- und Schweinemastbetriebe, einen Metallzaun im Wald von Schloss Eugensberg, Hochspannungsleitungen oder Abfall-Deponien.

Drei Mal WWF-Power: (v.l.) Jost Rüegg, Wolf-Dieter Burkhard und Gabriele Aebli vor dem Löwen in Kreuzlingen. Hier wurde 1968 die Ortsgruppe Kreuzlingen und Umgebung gegründet. (Bild: Stefan Böker)

Der Verband bekam auch immer öfter Anfragen von Behörden um eine Stellungnahme
Rüegg, der ursprünglich in der Mowag Maschinenschlosser lernte, stand als Präsident immer an vorderster Front. In seiner Zeit erfuhr der Thurgau eine schleichende Veränderung, das Bäuerlich-Ländliche geriet immer mehr in den Rückzug. Weil er «Bausünden» innerhalb und ausserhalb der Bauzone bekämpfte, hatte er schnell als «Verhinderer» seinen Namen weg. In Kreuzlingen etwa war den Umweltaktivisten die überdimensionierte Gemeinschaftszollanlage ein Dorn im Auge. Mit Erfolg setzten sie den Erhalt der Schrebergärten im Tägermoos durch.

1996 zählte die WWF-Sektion bereits über 5’000 Mitglieder. «Wir polarisierten und bekamen grosse Medienöffentlichkeit», blickt der heutige Kantonsrat zurück. Auch wenn es mal starken Gegenwind gab, belastete ihn das nicht: «Mich kann man nicht so leicht fertig machen. Harte Auseinandersetzungen sind für mich eine Herausforderung. Dabei versuche ich stets, souverän, sachlich und fair zu bleiben. Nur bei Angriffen unter der Gürtellinie sehe ich keine Notwendigkeit, zu reagieren.»  2009 trat Rüegg zurück, ist seitdem aber als Sprecher tätig und durch seine Präsenz, wie man aktuellen Leserbriefen entnehmen kann, einigen Zeitgenossen immer noch Reibefläche geblieben.

Für Natur sensibilisieren
Heute besteht der Vorstand der Sektion Thurgau aus sieben Personen, die nach wie vor ehrenamtlich arbeiten. Eine Geschäftsführerin ist zusätzlich angestellt. Umweltbildung, Artenschutz und Naturexkursionen sind Schwerpunkte geblieben. Die Rolle als Umweltverband wird weiterhin konsequent wahrgenommen. Mit Gabriele Aebli steht seit zwei Jahren eine Präsidentin an der Spitze, die aus dem Marketing kommt und in die Fussstapfen von Margrit Beck-Föhn treten will. «Ich möchte die Leute wieder stärker für die Natur sensibilisieren», definiert sie ihr Ziel.

Aber auch Aebli konnte schon ihr kämpferisches Talent unter Beweis stellen. Ohne die von ihr lancierte Petition wäre die Tägerwiler Kastanienallee wohl längst abgeholzt worden. Sie sagt denn auch: «Mir macht das Mut, wenn ich die alten Geschichten höre.»

Aebli und ihre Vorgänger sehen sich als Anwälte der Natur und der Tiere. Sie handeln nicht aus Eigennutz oder persönlichen Gründen, sondern für die Sache.

Idealismus als treibende Kraft
«Für jedes Lebewesen», wie Burkhard ergänzt. «Auch wenn es eine kleine Schnecke ist und kein kuschliger Panda.» «Und wir sind nicht bezahlt», unterstreicht Rüegg den ehrenamtlichen Aspekt ihrer Arbeit. «Das ist ein wesentlicher Unterschied: Denn wer nichts zu verlieren hat, kann alles geben.»

 

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