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Von begrabenen Träumen und dem Neuanfang in der Fremde

Kreuzlingen – Nachdem die Truppen des Warschauer Pakts 1968 den Prager Frühling zerschlugen, flohen rund 17'000 Tschechoslovainnen und Tschechoslovaken in die Schweiz, so auch nach Kreuzlingen. Im Gedenken an diese Zeit findet ab 26. Mai die «Woche der Erinnerung» statt mit Filmen, Vorträgen, Lesungen, Bildern und Musik. Neben Experten berichten auch Zeitzeugen von den damaligen Geschehnissen und der Schwierigkeit, sich in der Fremde ein neues Leben aufzubauen.

Spannen für die Woche der Erinnerung zusammen: (v.l.) Stadträtin Dorena Raggenbass, VHS-Präsident Jürg Morf, Rosenegg-Leiterin Yvonne Istas und Kuratorin Jaromira Kirstein mit Gatte Ottoka. (Bild: sb)

«50 Jahre sind vergangen – die richtige Zeit also, um diese Ereignisse noch einmal vor unseren Augen abrollen zu lassen, solange Zeitzeugen noch unter uns sind», meint Dr. Jaromira Kirstein. Ein Ausgangspunkt dieser Woche der Erinnerung sei es aber auch, «der Schweizer Bevölkerung ein herzliches Dankeschön zu sagen. Dass wir hier aufgenommen wurden und studieren durften, ist nicht selbstverständlich. Heute ist hier meine Heimat.»

Kirstein hat die Veranstaltungsreihe kuratiert, unterstützt vom Departement Freizeit der Stadt Kreuzlingen. Mit 19 Jahren floh sie aus Brünn. Da waren die russischen Panzer in Prag bereits eingefahren. Auch Kirstein ging damals auf die Strasse, protestierte. Ihrer Mutter wurde es schliesslich zu heiss, also schickte sie die Tochter in die neutrale Schweiz.

«Wir wussten ja nicht, was kommt», erinnert sie sich. Davor hatte sie eine Zeit der Liberalisierung und des Aufbruchs erlebt. Die Idee vom «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» wurde wenig später leider mit Gewalt begraben. Wer sich in der Freiheitsbewegung des Prager Frühlings engagiert hatte, flüchtete.

«Für mich war es nicht leicht in einem fremden Land, in dem ich die Sprache nicht verstand. Auch wenn wir aus demselben Kulturkreis stammen», gesteht Kirstein. Sie wurde dennoch heimisch, machte die Matura nach, studierte Psychologie in Bern, und hat ihr Zuhause seit 1973 in Kreuzlingen. «Ältere hatten es da schwerer», sagt sie.

Prager Bürger blockieren einen Panzer 1968. (Fotografie von Bohuil Dobrovolský)

Persönliches Programm …
Die Woche der Erinnerung ist für sie ein Anlass, um zu gedenken, aber auch zu feiern. Sie öffnet am 26. Mai im Beisein zweier tschechischer und slowakischer Diplomaten aus Bern. Jörg Kral hält im Trösch einen Vortrag über «die Geschichte des Prager Frühlings und die Emmigration». Eine Foto-Ausstellung zeigt eindrückliche Bilder vom Einmarsch der Truppen und den Protesten in Prag. Für den musikalischen Beitrag sorgt ein Trio um den Cellisten Matthew Brooke, der auch Mitglied der Philharmonie Konstanz ist. Weiter geht es am 27. Mai, 17 Uhr, im Museum Rosenegg mit Irena Brežnás Lesung aus ihrem Buch «Die undankbare Fremde», welches 2012 mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet wurde und von ihrer Erfahrung als Exilantin handelt. Zur musikalischen Untermalung erklingen ostslowakische Volkslieder.

… und spannende Historie
In Zusammenarbeit mit der VHS referiert der bekannte Osteuropa-Experte Professor Dr. Ulrich Schmid am 30. Mai im Torggel Rosenegg über das «gescheiterte Experiment eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz». Der Vortragende war bereits zwei Mal bei der VHS zu Gast, «ein mitreissender Referent und Kenner der Kultur und Gesellschaft Russlands und Osteuropas, der es versteht, den Prager Frühling in den damaligen Kontext einzuordnen», so Mitorganisator Dr. Jürg Morf von der VHS.

Das Programm. (Bild: zvg)

Den Abschluss bilden Filmvorführungen im Rathaus Kreuzlingen (1. Juni, 19 Uhr, «Wir und das Matterhorn, das Matterhorn und wir» von Bernard Šafařík) und im Trösch (28. bis 30. Mai, jeweils 16 bis 19 Uhr, Dokumentarfilme zum Prager Frühling).

Umrahmt wird die Woche der Erinnerung von der Bilderausstellung des Prager Exilkünstlers Boleslav Kvapil im Museum Rosenegg. In seinen Werken setzt sich Kvapil dramatisch, satirisch, surreal und bunt mit «schwerer Thematik, etwa dem Entzug der Freiheit» auseinander, so Museumsleiterin Yvonne Istas. Die Ausstellung läuft schon seit rund zwei Monaten und ist noch bis 10. Juni zu sehen – «eine perfekte Ergänzung, den Kvapil hat den Prager Frühling hautnah erlebt und in seinen Bildern verarbeitet», so Istas.

Für Kultur-Stadträtin Dorena Raggenbass stellt dies ein «sehr persönliches Programm dar. Die Veranstaltungsreihe zeigt nicht nur die reine Historie, sondern ruft auf berührende Weise die menschlichen Schicksale in Erinnerung. Erlebbar werden so viele Aspekte der Flüchtlingssituation, die auch heute noch aktuell sind.»

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