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Licht und Schatten im Ballett

Münsterlingen – Erst kommt die «Ballerina der Herzen», dann der «Badboy des Balletts»: Zwei Stars des Balletts, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, stehen am 29. Mai beim Kulturprogramm der Psychiatrischen Klinik im Mittelpunkt.

Man sagt, Sergej Polunin sei der beste Tänzer der Welt, ein Jahrhunderttalent, einer, für den die Gesetze der Schwerkraft nicht gelten, so edel gleitet er durch die Luft. Für Polunin selbst ist der Tanz eine quasi religiöse Erfahrung. «Ballett ist, was ich bin», hat er einmal gesagt. Er hat sein Leben lang nichts anderes getan.

Weil er den Druck nicht mehr aushielt, kehrte er 2012 dem Ballettzirkus den Rücken, als er ganz oben war. Der jüngste Solist aller Zeiten am Royal Ballet in London kündigte und ging erst mal ausgiebig feiern. Er kokste, liess sich zweifelhafte Tätowierungen unter die Haut stechen – und erfand sich dann neu.

Rebell und meisterhafter Tänzer: Sergej Polunin. (Bild: zvg)

Vom Ballett zum Film
Sein Wunsch ist es heute, Ballett aus seiner elitären Nische zu holen und publikumswirksamer zu gestalten. Deswegen tanzt er halbnackt in Musikvideos, choreografiert seine eigene Mischung aus Ausdruckstanz und Ballett, modelt, spielt in Kinofilmen oder in Realityshows mit. Und fördert junge Tänzerinnen und Tänzer.

Damit hat er grossen Erfolg. Das Musikvideo zu Hosiers «Take me to church» wurde ein Online-Hit und mehr als 23 Millionen Mal geklickt. Auch im Kino tanzt er: Momentan an der Seite von Jennifer Lawrence in «Red Sparrow».

Sein Meisterwerk ist jedoch der Film «Dancer». Gedreht hat diesen Regisseur Steven Cantor. Die packende Dokumentation über Polunins Leben führt von den Beginnen in ärmlichen Verhältnissen über seine Jugend bis hinauf auf den Tanzolymp – ein hochemotionales Portrait eines sensiblen Weltklasse-Tänzers. Private Videoaufnahmen und Interviews wechseln sich ab mit den intimen Aufnahmen der Filmcrew, die ihn vier Jahre lang begleitete. Auch wird deutlich, wie viel die Familie opferte, um dem Sohn die Tanzausbildung zu ermöglichen. Als sich Vater und Mutter trennen, bricht es dem jungen Mann das Herz. Er geht seinen Weg trotzdem weiter und hofft, durch Erfolg in der Tanzwelt die Familie wieder zusammenführen zu können. Dem Ziel, ein Filmstar zu werden, ist er jedenfalls schon recht nahe gekommen: Als Polunin Werbung für «Dancer» am Filmfest Zürich machte, durfte er zahlreiche Autogramme geben.

Auch traditionelles Ballett tanzt Polunin wieder, seine Vorstellungen sind innert Minuten ausverkauft. Er hat es geschafft, zwei Welten zusammenzuführen: Pop und Ballett. Dazu musste er sich aber erst von der als zu restriktiv empfundenen Ballettwelt befreien – um dann wieder zu ihr zurückzukehren.

Trainiert fleissig und mit kühlem Kopf: Katja Wünsche. (Bild: zvg)

Katja Wünsche ist ganz anders. Zwar wird sie ebenfalls hochgelobt, gilt als eine der auffallendsten Tänzerinnen Europas und ist Solistin beim Zürcher Ballett. Skandale aber sind ihr fremd. Sie tanzt, weil es ihr Spass macht.

Spass am harten Training
Dabei wirkt sie fleissig, positiv und gar nicht ausgebrannt. Als sie einmal Monate wegen einer Verletzung pausieren musste, bildete sie sich mit Praktika am Staatstheater Stuttgart fort. Wäre es nichts mehr geworden mit der Tanzkarriere, würde sie die Matura nachmachen und Medizin studieren, hatte sie damals in einem Interview gesagt.

Polunin und Wünsche verbindet, dass sie mit ihrer Kunst die Menschen zu Tränen rühren können. Ausnahmetalente, die es in einem harten Business bis ganz nach oben geschafft haben.

Am Dienstag, 29. Mai. kommt Katja Wünsche für ein Gespräch mit dem Leitenden Arzt der Psychiatrischen Klinik, Herbert Leherr, nach Münsterlingen. Sie wird über die Höhen und Tiefen im Leben von Sergej Polunin reden, aber auch Einblick in ihren Alltag als Solistin am Ballett Zürich geben. Beginn der Veranstaltung ist um 19 Uhr. Im Anschluss ist der Film «Dancer» zu sehen.

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