/// Rubrik: Stadtleben | Topaktuell

Radelnd durch die Alleen

Kreuzlingen – In seinem neuen Buch hat Michel Brunner 120 der bedeutendsten Alleen der Schweiz portraitiert, ein richtiges Liebhaberbuch und Pionierwerk. Auch Baumreihen aus unserer Region sind darin zu finden, ist Kreuzlingen und Umgebung doch eine der Alleen reichsten Gegenden der Schweiz.

Stefan Braun, Umweltbeauftragter der Stadt Kreuzlingen (l.), und Buchautor und Baumspezialist Michel Brunner nehmen am 27. Mai alle Interessierten mit auf eine Velotour zu den zwölf schönsten Alleen der Gegend. (Bild: sb)

«Kreuzlingen hat so viele schöne Alleen, dass ich gar nicht alle in mein Buch aufnehmen konnte», sagt Michel Brunner bei einem Besuch im Seeburgpark. Und mit einem Blick auf die Kastanienallee, die zur Seeburg führt: «Wenn diese hier im Appenzell stehen würden, wäre sie ein Highlight. Aber bei euch hat es davon so viele, dass sie gar nicht besonders auffällt.»

Obwohl für Brunner natürlich jede Allee und jeder Baum etwas Besonderes ist. Auch wenn sie alt, krumm und knorrig gewachsen sind. Manchmal gerade dann: «Ich finde auch so eine Kastanienallee wie in Tägerwilen unter dem Castell sehr spannend und ökologisch wertvoll», sagt er. «Es muss nicht immer alles wie aus dem Ei gepellt aussehen, wie manche das gerne hätten.»

Kultur- & Naturdenkmäler
Für Brunner ist es immer ein trauriger Moment, wenn alte Bäume gefällt werden. «Die Turnschuhpappel in Konstanz war für die einen ein kranker Baum und Sicherheitsrisiko. Für mich war sie wegen der Verzweigungsform und der Krone eine der imposantesten Pappeln Europas», sagt er.

Pappellallee im Tägermoos. (Bild: Michel Brunner)

Deswegen ist es seine Mission, bei den Menschen Verständnis zu wecken, ihnen beizubringen, Bäume wieder stärker wertzuschätzen. So hat Brunner das Bauminventar der Schweiz, «Pro Arbore», auf die Beine gestellt. Wer einen Baum entdeckt und dieser vom Stammumfang her als schützenswert gilt, kann diesen Brunner mailen. Er hat schon 4000 alte Bäume kartografiert, beispielsweise einen Bergmammut aus Luzern mit 13,5 Metern Stammumfang oder eine Douglasie, die im Schmidwald in Madiswil 61 Meter hoch in die Luft aufragt.

Sogar in seinem letzten Buch «Wasserwunder» rührt er mit wunderschönen Baumbildern die Werbetrommel für solche «Naturdenkmäler.

Dass er sich in seinem neuesten Werk den Alleen widmet, also im weitesten Sinne Wege, deren Ränder mit Baumreihen bepflanzt wurden, hat den Grund, dass diese heute oft nur noch als Störfall oder finanzielle Bürde wahrgenommen werden. Eine Allee zu pflegen, ist heute vielen Landbesitzern zu aufwändig. Neben Theoretischem wie Namensherkunft, Typologie oder Geschichte der Allee hat Brunner 120 Baumreihen deswegen mit eigenen Fotos so beindruckend in Szene gesetzt, dass man ins Staunen kommt. «Nur wer Verständnis für Bäume entwickelt und ihre Schönheit versteht, ist auch motiviert, diese zu pflegen», ist sich der freie Fotograf und Journalist sicher.

Kastanienallee auf dem Ebersberg. (Bild: Michel Brunner)

Besser pflegen als platt machen
Dendrologie, also die Lehre des Baumes, hat sich Brunner selbst beigebracht. Heute arbeitet er auch als Fachreferent zum Thema und stand bereits bei vielen Baumpflegeaktionen beratend zur Seite.

«Es ist mir auch ein Anliegen, damit zu zeigen, was es noch gibt», sagt Brunner. Bereits während der Recherche zu seinem Buch seien einige bedeutende Schweizer Alleen der Motorsäge zum Opfer gefallen. Sie mussten Strassenerweiterungen Platz machen oder vertragen, wie im Fall von Rosskastanie oder Pappel, kein Streusalz und werden deswegen krank. In Europa sei laut Brunner in den vergangenen 100 Jahren ein Grossteil der gesamten Alleebäume verschwunden.
Für ihn überwiegen bei der Frage um den Erhalt einer Allee stets die positiven Argumente. «Es ist halt Arbeit, Bäume zu pflegen», erklärt Brunner. «Aber dafür bekommt man auch etwas. Alleebäume bieten Schutz vor Lärm, Hitze oder Wind, sie sind auch Sauerstofflieferanten und Lebensraum sowie Nahrungsquelle für Tiere und Pflanzen. Und sie bereichern ästhetisch wie kulturell die Landschaft. Ein Baum ist für mich lebendige Architektur.» Stefan Böker

Das Buch «Alleen der Schweiz» von Michel Brunner ist im AS Verlag erschienen: www.as-verlag.ch

Wer sich vom Baumfieber anstecken lassen will, kann dies am Sonntag, 27. Mai, 10 Uhr, tun, wenn Michel Brunner zur Velotour durch die schönsten Alleen von Kreuzlingen und Tägerwilen einlädt. Bei dieser Exkursion stehen die Schönheit der Alleen und ihre Bedeutung als Kulturdenkmäler im Vordergrund. Einige sind von schweizweiter Bedeutung, so zum Beispiel die über 200-jährigen Lindenreihen oberhalb des Schlosses Castell in Tägerwilen. Die Velotour dauert drei Stunden. Treffpunkt ist am Schloss Ebersberg, Lohstrasse 22, in Kreuzlingen. Eine Anmeldung ist für die Teilnahme nicht erforderlich. Ein strassentaugliches Velo ist Voraussetzung. Die Route beträgt rund 15 Kilometer und führt teilweise über nicht befestigte Feldwege. Abschluss der Velotour ist beim Kreuzlinger Seeburgpark. Hier besteht die Möglichkeit zu einem Picknick; eine Feuerstelle ist nicht vorhanden.

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