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Katholiken beweisen Toleranz

Kreuzlingen – Die katholische Kirchgemeindeversammlung hat sich für eine Weiterführung der neuen Läutordnung auch nach der Testphase ausgesprochen. Obwohl einzelne den Viertelstundenschlag in der Nacht vermissen, bewies die Mehrheit Verständnis für lärmgeplagte Anwohner.

Die erste Lärmklage gab es gegen die Glocken von St. Stefan. (Bild: sb)

Die erste Lärmklage gab es gegen die Glocken von St. Stefan. (Bild: sb)

Seit fast eineinhalb Jahren läuten beide katholischen Kirchen in Kreuzlingen nachts nur noch zur vollen Stunden und haben das Angelusläuten von morgens 6 auf 7 Uhr verschoben (wir berichteten), zunächst als Testphase. Grund dafür waren mehrere Lärmklagen gegen das von Kritikern als Gebimmel empfundene Geräusch. Am Montagabend entschied sich die Kirchgemeindeversammlung dazu, diese Läutordnung beizubehalten.

Im Expertengespräch machte Pater Jan Walentek deutlich, dass der Stundenschlag keine religiöse Bedeutung besitzt. Das Angelusläuten schon, es rufe zum Gebet auf. «Ob das aber um 6 oder 7 Uhr ist, spielt keine Rolle», so der seelsorgerische Leiter der Gemeinde. Rechtswanwalt Dominik Hasler berichtete von insgesamt vier Lärmklagen. Bei Messungen seien Dezibelhöhen über den Grenzwerten eines massgeblichen Bundesgerichtsurteils gelegen. Wenn man die alte Läutordnung wieder einführe, dann bestehe theoretisch jederzeit die Gefahr eines teuren und langwierigen Rechtsstreits bis vor das Bundesgericht, so Hasler.

In der Diskussion bekannte ein Anwohner der Rosgartenstrasse, er vermisse den nächtlichen Glockenschlag «Das ist für mich ein Stück Heimat», sagte er. Eine Frau pflichtete ihm bei. «Wem das nicht gefällt, soll nicht in die Nähe einer Kirche ziehen», wiederholte sie ein oft gehörtes Argument und wurde dafür mit Applaus belohnt. Diesen gab es auch für das Votum eines Kirchbürgers für Toleranz. «Beweisen wir, eine christliche Gemeinde zu sein, die Rücksicht nimmt», sagte er.

Einer deutliche Mehrheit der 96 Anwesenden hörte auf diesen Appell.

Der Glockenstreit war auch bei den Finanzen Thema. Aufgrund der Lärmklagen seien die Anwaltskosten im Jahr 2017 mit über 26’000 Franken dreimal so viel gewesen wie geplant, erläuterte Kirchenpfleger Simon Tobler die grössten Abweichungen zum Budget. Die Rechnung schliesst mit einem Gewinn von knapp 26’000 Franken ab, dies obwohl die Steuereinnahmen geringfügig niedriger ausfielen als erhofft. Ein Kirchbürger verlangte eine Erklärung für den Posten von 15’000 Franken aus dem Peter-Vetterli-Fonds, welcher für das Reliquienkreuz ausgegeben wurde (wir berichteten). «Die Kirchenvorsteherschaft kann über die Verwendung dieses Geldes frei entscheiden», erklärte Tobler die offene Bestimmung dieses Fonds. Auch für die Abschiedsfeier Pfarrer Ganders sowie die Planung der Sanierung des Priesterhauses Bernrain wurden Gelder aus diesem Topf entnommen. Die Anwesenden genehmigten die Rechnung 2017 sowie die Abrechnung zu den Mal- und Flickarbeiten in der Stefanskirche einstimmig.

Auch der Kreditantrag über 140’000 Franken, um die Chordecke der Basilika zu renovieren, fand volle Zustimmung. Die Arbeiten beginnen am Montag, 11. Juni. Wer sich ein Bild vom Fortschritt machen will, kann dies am 20. Juli und 24. August, jeweils von 14 bis 16 Uhr, tun.

Zwei Kinder- bzw. Familienprojekte wurden vorgestellt: Der Kindersamstag von St. Stefan und das Mittagstisch-Projekt «Kiki-Kinderkirche» St. Ulrich. Dann gab es noch Infos zu den Bauarbeiten am Kirch- und Parkplatz der Stefanskirche. Bis Ende November sollten diese abgeschlossen sein. Beim Priesterhaus Bernrain steht der Architektenwettbewerb bevor. Dieser soll auf Einladung an ausgewählte Büros erfolgen, wie Kirchenpräsident Beat Krähenmann mitteilte. Das Gesamtkonzept will die Vorsteherschaft den Kirchbürgern im Herbst vorstellen.

Glockenstreich in Wäldi
Über den Sinn von nächtlichem Glockenschlag und liturgischem Läuten in aller Frühe wird an vielen Orten emotional diskutiert. Wellen schlug erst vergangene Woche ein Bericht der Thurgauer Zeitung über einen Mann, der laut Staatsanwaltschaft heimlich eine Zeitschaltuhr im Kirchturm von Wäldi anbracht haben soll, um dessen Glocken zu stoppen. Vor dem Bezirksgericht stritt der Beschuldigte die Tat ab, obwohl Ermittler seine DNA-Spuren an dem Gerät fanden. Das Gericht forderte die Parteien dazu auf, sich aussergerichtlich zu einigen. Der Artikel wurde von zahlreichen nationalen Medien aufgegriffen und online diskutiert. Die einen feiern den Mann als Held, die anderen befürworten Kirchglocken auch in der Nacht und sehen in der Tat kein Kavaliersdelikt, sondern eine Straftat. Einige ewig Gestrige fielen mit fremdenfeindlichen Sprüchen auf, weil der Angeklagte Deutscher ist.

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One thought on “Katholiken beweisen Toleranz

  1. Reto Meier

    Interessant! Wenn ich Lust hätte einem Menschen jede viertel Stunde eine auf die Nuss zu geben, es aber mit Rücksicht auf die entstehende Schädigung bewusst nicht tue, dann darf ich mich tolerant nennen?

    Antworten

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