/// Rubrik: Kultur | Topaktuell

Ein Mädchen gegen die Welt

Konstanz – Rasselnd und rauschend hat die Inszenierung von «Die Jungfrau von Orleans» Premiere gefeiert. Wer historisches Wortgeplänkel erwartet, ist in der Spiegelhalle fehl am Platz. Vielmehr wird man von der eisernen Hauptdarstellerin durch die Handlung gepeitscht.

Stellt sich ihren Problemen: Sylvana Schneider nimmt es als Johanna von Orleans mit allen auf. (Bild: Bjørn Jansen)

Die «Engelländer» belagern die Königsstadt Orleans, mit Burgund hat die eigene Verwandschaft den französischen Adel verraten und die Schatzkammern des Königs von Frankreich sind leer. Genug zu jammern und stöhnen hat das Volk und der Hofstaat also allemal. Und gibt sich auch gerne der Selbstbemitleidung hin. Nur etwas gegen die sich auftürmenden Probleme will niemand tun. «Nicht ich», ertönt es immer wieder reflexartig, auch wenn es nur darum geht vors Publikum zu treten und die Sachlage zu erläutern. Kein Wunder, dass die Moral der Soldaten am Tiefpunkt angelangt ist und der französische König sich quengelnd aus dem Staub machen will. Einzig Johanna, die vierzehnjährige Tochter eines Hirten, fasst sich ein Herz. Getrieben von einer Engelsvision und maskiert mit einem Ritterhelm stellt sie sich stoisch an die Spitze des Heeres. Und siehe da: wer will, der kann! Das Schlachtenglück wendet sich und die Jungfrau wird bald als Gottgesandte verehrt.

Rapider Rollenwechsel
Sylvana Schneider ist dabei die Einzige, welche durchgehend in ihrer Rolle als Johanna bleiben darf. Gar nicht so einfach, als Schauspielerin einmal an sich zu halten, wenn die übrigen vier Akteure sich ganz dem Wehmut, dem Lustspiel oder dem Sterben hingeben dürfen. Mal spielen sie Feind, mal Freund und mal undefinierbaren Pöbel. Besonders Johanna Link überzeugt in ihrer Rolle als König, der nicht für die Krise gemacht ist.

Die Lyrik bleibt auf der Strecke
Teils ziehen sich die gegenseitigen Motivationsreden und Aufmunterungsversuche jedoch etwas in die Länge. Ein wenig Schade, denn zwischen Spannungspausen und Tanzeinlagen findet der ursprüngliche Text von Friedrich Schiller nur schwierig seinen Platz. Teilweise wird dieser regelrecht von den Schauspielern heruntergerattert, damit danach wieder minutenlang Konservenmusik scheppern darf. Vom Flair der Weimarer Klassik bleibt so wenig übrig. Muss es auch nicht. Denn wer ein kostümgetreues Ränkespiel oder ein historische Versdrama sucht, ist mit der Konziloper «La Juive» (Premiere 14. Juni) oder dem Freilichttheater «Cyrano de Bergerac» auf dem Münsterplatz (Premiere 22. Juni) wohl besser beraten.

In der Spiegelhalle hingegen wird dem Zuschauer viel mehr ein rohes, glitzerndes und blubberndes Destillat eingetrichtert. Es folgt ein berauschendes Zusammenspiel von fünf Akteuren, welche mit ihrer Beinarbeit ganz schön viel Theater machen. Erstens liegen der Johanna vom Adel über das Volk bis hin zu den Engländern alle zu Füssen. Zweitens eilt niemand zu Ross sondern mit weit ausgestreckten Armen und Beinen in die Schlacht. Drittens schlagen sich die Heerführer an der Heiligen ihre Knie und Füsse blutig. Und viertens wird mehr als einmal das Tanzbein geschwungen. Die Schauspieler ringen nach der Aufführung verständlicherweise nach Atem. Dem Zuschauer macht die Inszenierung vor allem Mut. Mut, dass man mit genug Willenskraft und Zuversicht doch noch etwas in dieser verkorksten Welt verändern kann.

Die Jungfrau von Orleans ist noch bis zum 21. Juni in der Spiegelhalle des Stadttheaters Konstanz zu sehen. Karten gibt es unter www.theaterkonstanz.de , theaterkasse@konstanz.de oder Tel. +49 7531 900150.

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