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«Leistungswille zeichnet die Schweiz aus»

Kreuzlingen — Seit Anfang Jahr ist Thomas Ahlburg der neue Chef des Schienenfahrzeugherstellers Stadler in Bussnang. Im Interview spricht der Kreuzlinger darüber, wie er sein täglich Brot verdient, dem Verantwortungsgefühl gegenüber seinen 7600 Mitarbeitern und seinen Erlebnissen an der Panini-Tauschbörse in der Stadtbibliothek.

«Die Mannschaft im Werk in Bussnang hat einen aussergewöhnlichen Leistungswillen», sagt Thomas Ahlburg, CEO von Stadler Rail. (Bild: ek)

KreuzlingerZeitung. War es ihr Berufswunsch als Kind, Lockführer werden?
Thomas Ahlburg: Damals wollte ich eher Pilot werden. Natürlich hatte ich trotzdem eine heissgeliebte Modelleisenbahn – sie ist heute für meinen Sohn im Keller aufgebaut. Vom Zugfahren war ich immer ein grosser Fan. Als ich noch Unternehmensberater war, bin ich oft mit Nachtzügen gereist. So konnte ich jeweils ganz entspannt ankommen und musste nicht wie meine Kollegen frühmorgens den Flieger erwischen.

Wann beginnt ihr Arbeitstag?
Ich bin so zwischen halb 7 und 7 Uhr im Büro. Um 8 Uhr abends versuche ich für die Gute-Nacht-Geschichte wieder zu Hause in Emmishofen sein. Bei diesem Termin ist meine Ehefrau strikt.

Wie sieht eine typische Arbeitswoche von Ihnen aus?
Zur Hälfte bin ich am Hauptsitz von Stadler in Bussnang tätig, den Rest der Woche bin ich unterwegs. Gestern zum Beispiel war ich in Bern und heute Morgen im Tessin bei Kunden. Zudem besuche ich regelmässig die wichtigsten Standorte innerhalb unserer sechs Divisionen.

 

Verliert man da nicht irgendwann den Kontakt zum normalen Arbeiter in der Fabrik, wenn man so viel unterwegs ist?
Ich habe Maschinenbau an der ETH in Zürich studiert und 2012 bei Stadler als neuer Werksleiter von Bussnang angefangen. Zudem habe ich lange Zeit im Produktionsbereich gearbeitet, so dass ich weiss, was in der Produktion geleistet wird. Allgemein pflegen wir bei Stadler eine flache Hierarchie. Wenn der Ingenieur einen «Seich» geplant hat, dann steht relativ schnell ein Mechaniker aus der Produktion an seinem Schreibtisch und macht ihn auf das Problem aufmerksam.

Ein Grund, weshalb Stadler immernoch viel in der Schweiz produziert?
Klar, das Lohnniveau ist in der Schweiz sehr hoch. Dafür spüre ich in der Schweizer Mannschaft einen unglaublichen Elan und das Ausbildungsniveau ist sehr gut. Als wir im November 2014 den Auftrag der SBB für den neuen Hochgeschwindigkeitszug «Giruno» erhielten, dauerte es nur 23 Monate bis zur Fertigstellung. Es war der erste Hochgeschwindigkeitszug, den Stadler je gebaut hat. Dieser Leistungswille und die Fähigkeit, immer Lösungen zu finden, zeichnet Stadler aus.

Seit Anfang Jahr haben sie die operative Leitung des Konzerns übernommen, nachdem sie lange Zeit der Stellvertreter von Peter Spuhler waren. Ist es ein schweres Erbe, dass sie da antreten?
Ich trete sicher in grosse Fussstapfen – allerdings ist Peter Spuhler ja nicht weg und als Verwaltungsratspräsident vor allem auf strategischer Ebene und im Kundenkontakt sehr aktiv. Die Aufgabenteilung zwischen uns funktioniert sehr gut. Wir haben eine grosse Gemeinsamkeit: Das Glas ist bei uns immer halb voll.

Was macht Spuhler als Chef aus?
Peter Spuhler hat ein ganz spezielles Gespür dafür, was Kunden wünschen, und wo Probleme auftreten könnten. Gleichzeitig weiss er, wie man alle Mitarbeiter am Tisch «abholen» und motivieren kann. Schlafen Sie manchmal schlecht, weil Sie jetzt für 7500 Arbeitsplätze verantwortlich sind? Ich habe das grosse Glück, einen sehr guten Schlaf zu haben. Natürlich bin ich mir aber der grossen Verantwortung bewusst. Das ist wichtig, um die richtigen Entscheide treffen zu können.

Gilt es jetzt, mit Stadler die Stellung im Markt zu halten, oder müssen Sie es Spuhler gleich tun?
Was Peter Spuhler mit Stadler aufgebaut hat, ist selten wenn nicht sogar einzigartig. Aber an Stillstand denkt bei Stadler sicher niemand.

Vom Reissbrett auf die Schienen in 23 Monaten: der neue Hochgeschwindigkeitszug von Stadler wurde in Rekordzeit konstruiert und gebaut. (Bild: Stadler)

Wieviele Züge stellen sie her?
Rund 400 Züge verlassen jedes Jahr unsere Werke. Das kann eine einzelne Lock sein oder bis zu einem elfteiligen Triebzug wie beim «Giruno» reichen.

Sie kommen ursprünglich aus Hamburg und sind auch heute noch viel unterwegs. Fühlen Sie sich da in Kreuzlingen überhaupt zu Hause?
Auf jeden Fall. Meine Frau engagiert sich in der Kirche St. Stefan, mein Sohn geht in Kreuzlingen zur Schule und besucht die Musikschule Kreuzlingen. Wenn der Arbeitsalltag so unstetig ist, finde ich es wichtig, einen Ruhepol zu haben. Und dafür eignet sich Kreuzlingen hervorragend.

Weshalb?
Als wir vor sechs Jahren ein Haus mit Seesicht fanden, war das ausschlaggebend für den Umzug hierher. Zudem hat Kreuzlingen eine gute Grösse. Es läuft sehr viel, wie zum Beispiel das Chrüzlinger Fäscht am Wochenende. Und zudem sind wir mitten in der Natur. Ich jogge gerne und bin von meiner Haustür schnell im Wald oder am See. Wir überlegen uns derzeit sogar, uns einbürgern zu lassen.

Wie ich sehe, sind sie top integriert.
Vor zwei Wochen war mein Sohn an einem Sportturnier, also ging ich für ihn an die Panini-Tauschbörse in der Stadtbibliothek. Mit seiner Fehlliste und seinen überzähligen Bildchen habe ich mich ins Getümmel gewagt. Da hat es niemanden interessiert, wer ich bin, sondern nur, was für Sticker ich im Angebot habe. Und auch alles Verhandlungsgeschick hat nichts genutzt, es wurde nur eins gegen eins getauscht.

Wo ist ihr Lieblingsort in der Stadt?
Der Biergarten beim Fischerhaus gefällt mir sehr gut. Und natürlich unser Garten daheim!

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