/// Rubrik: Kultur

Ein Klassiker zünselt noch immer

Kreuzlingen – Wie weit geht Toleranz und ab wann sollte die Zivilcourage greifen? «Biedermann und die Brandstifter» von Max Frisch wirft auch heute noch gesellschaftliche Fragen auf. Die Inszenierung des See-Burgtheaters, welche am Donnerstag Premiere feiert, will diesen Fragen Raum geben, sie aber nicht beantworten.

Macht sich Herr Biedermann (Adrian Furrer, 2.v.r.) schuldig? (Bild: Mario Gaccioli)

Einen konkreten Buhmann gibt es nicht. «Darauf muss sich jeder selbst einen Reim machen», fordert Regisseur Leopold Huber die Zuschauer zum Nachdenken auf. Er hat die Parabel in seiner Inszenierung von «Biedermann und die Brandstifter» bewusst offen gelassen. So kann es sich bei der ewig glimmenden Bedrohung in Max Frischs «Lehrstück ohne Lehre» um Terroristen, Trump oder die Atombombe handeln.

Nicht nur Heerscharen an Schweizer Schulklassen haben das zeitlose Stück nach der Uraufführung 1958 nachgeahmt, Biedermann und die Brandstifter war auch die Wahl für die erste Inszenierung überhaupt des See-Burgtheaters im Jahr 1990. Astrid Keller spielte damals wie heute die Frau Biedermann. Nur sind ihre Haar in der Neuauflage gefärbt. Denn heutzutage zeichne sich ein Biedermann nicht durch einen blassen Anzug aus, sondern durch seine betont bunte Krawatte. «Der Biedermann versucht sich zu tarnen, greift in der Farbwahl jedoch daneben», erklärt Huber die modern anmutenden Kostüme. Sein Haus und zeugt von Idylle und schlechtem Geschmack. Direkt am See gelegen, strahlt es einen gewissen Wohlstand aus, ein weisser Gartenzaun steckt klar die Grenzen zur «Festung-Einfamilienhaus» ab.

Wenn die Brandstifter erstmals ihr Feuer gelegt haben, verschonen die Flammen keinen. (Bild: Mario Gaccioli)

Macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt
Diese heile Welt soll durch nichts ins Wanken gebracht, geschweige denn abgefackelt werden. Der Ringer Schmitz (Hans-Caspar Gattiker) und der Kellner Eisenring (Andrej Reimann) haben also leichtes Spiel, als sie bei den Familien Biedermann um Obdach suchen. Das gutbürgerliche Paar will den Gedanken, dass auf ihrem Estrich Benzin gelagert wird, gar nicht zulassen und erfindet immer neue Verdrängungstaktiken. «Er lügt sich selbst in die Tasche, um seine Illusion aufrecht zu erhalten», so Gattiker. Der Schauspieler liest das Stück weniger als Verurteilung der Bürgerlichen, sondern mehr als Warnung für kommende Generationen. Denn für den Haarwasserverkäufer bieten sich genug Situationen, sich von den in seinem Dachstuhl eingenisteten Bösewichten zu entledigen.

Die Feuerwehr unter Chorführer Erich Hufschmid rollt immer wieder mit ihrem Löschfahrzeug an und beschreibt die brandgefährliche Situation. Da kann es durchaus auch zu komischen Szenen kommen. Allgemein bietet das Stück neben seinen ernsten Grundaussagen viel Humor. Einmal kommt sogar ein Polizist vorbei, doch der Hauseigentümer deckt die Brandstifter. Durch die Verbrüderung mit den Kriminellen erhofft er sich, von ihnen verschont zu bleiben. Doch Flammen und Ideologien machen keine Ausnahmen, schlussendlich expodiert die Kulisse an der Seebühne mit einem Feuerwerk.

Zurück bleibt die Frage, wie viel Schuld Biedermann trägt. Ist er bloss ein stiller Dulder der Geschehnisse oder wird er durch seine Tatenlosigkeit selbst zum Bösewicht? Auch dazu sollen sich die Zuschauer selbst eine Antwort geben. Die erste Gelegenheit dazu bietet sich bei der Premiere am Donnerstag, 12. Juli, 20.30 Uhr.

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