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Alt-68er appellieren an die Kantischüler

Kreuzlingen – Gestern, am letzten ordentlichen Schultag, stand in der Kantonsschule Kreuzlingen alles im Zeichen der 1968er Bewegung. Vier Zeitzeugen haben an einem Podium über ihre Eindrücke aus der Zeit berichtet.

(V.l.) Hermann Bürgi, Susanne Dschulnigg und Hans Weber. (Bild: jl)

Vor 50 Jahren lehnten sich Jugendliche europa- und amerikaweit gegen die Establishments und die starren Gesellschaftsstrukturen auf. Studentenbewegungen und Demonstranten gab es auch in der Schweiz. So bleiben einigen die Demonstrationen für ein autonomes Jugendzentrum oder etwa die Globuskrawalle in Zürich in Erinnerungen.

Eva Büchi, Geschichtslehrerin an der Kantonsschule Kreuzlingen, hat mit ihren Schülern das Thema aufgearbeitet und einen «Thementag 1968» gestaltet. Je drei Schüler der Klassen 3MA und 3MB befragten dazu vier Gäste am Donnerstagmorgen in der Aula der Kantonsschule.
Hermann Bürgi, ehemaliger SVP-Regierungs- und Ständerat, wurde von der Zeit nachhaltig beeinflusst: «Die Leute haben sich getraut, den Status Quo zu hinterfragen. Das hat mich politisiert und meine ganze politische Tätigkeit geprägt.» Susanne Dschulnigg, ehemalige SP-Kantonsrätin und evangelische Kirchenpräsidentin, wiess vor allem darauf hin, dass sich für Frauen seit dieser Zeit eine Menge getan hat. «Im Jahr 1969 bin ich mit 20 Jahren mündig geworden, entscheiden durfte ich trotzdem nichts», fasst sie die Rechte der Frau zu dieser Zeit kurz zusammen. Auch von sexueller Aufklärung, Drogen und der Antibabypille war in der Diskussion die Rede.

Hans Weber, ehemaliger FDP-Parteipräsident Thurgau und Rektor der Kantonsschule Romanshorn, war damals tief betroffen von seinem dreiwöchigen Aufenthalt in der Tschechoslowakei. «Als ich sah, wie es dort abging, konnte ich nicht verstehen wie man hier auf so einem hohen Niveau demonstrieren kann», sagte er im Bezug auf den Prager Frühling.
Ein Ereignis prägte auch die Ansichten von Anna Wohnlich, ehemalige Lehrerin und Fachstellenleiterin Kinderbetreuung in Winterthur: «In unserer Berufsschule gab es damals ein Mädchen, das mit rund 17 Jahren schwanger wurde. Sie war die erste, die trotz Schwangerschaft ihre Ausbildung absolvierte, weil sie von der Schule, den Eltern und dem restlichen Umfeld unterstützt wurde. Das war erstmalig», berichtete Wohnlich.

Und heute?
In 50 Jahren hat sich einiges getan, dennoch mahnen Weber und Bürgi davor, dass man die Zeit nicht überbewerten solle. Auf die Frage, welche Vor- und Nachteile die heutige Jugend mit sich bringe, beklagt Bürgi einzig, dass er das Gefühl habe, Schüler interessieren sich heute zu wenig dafür, was um sie herum geschieht und sie mischten sich nicht ein. Auch Weber war dieser Meinung, dennoch freut er sich, dass es politische Anlässe wie den Thementag an der Schule gebe.

Dschulnigg appellierte an die Schüler: «Macht was ihr wollt. Bleibt euch treu und schöpft eure Freiheiten aus.» Darüber hinaus versuchte Weber den Schülern klar zu machen, dass es in einer Gesellschaft, die «altert», besonders wichtig sei, dass junge Leute zur Wahl gehen. Denn ansonsten bestimmten die älteren Leute die Zukunft der jungen. Anschliessend an das Podium teilten sich die Schüler in Gruppen auf und bearbeiteten Themen wie Mode, den Prager Frühling oder die Schülerschaft im Jahr 1968. Die Projekt-Ergebnisse sollen am «1968er-Beizli» am Sommerfest vorgestellt werden.

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