/// Rubrik: Topaktuell | Vereine

Vom Romance Scam bis zum Darknet Drogenhandel

Kreuzlingen – Die dritten Klassen der pädagogischen Maturitätsschule Kreuzlingen setzten sich in der Rechtswoche auch mit Cyberkriminalität auseinander. (Text: Inka Grabowsky)

Stephan Walder, Co-Leiter des Kompetenzzentrums Cybercrime referierte von Schülern der PMS. (Bild: Inka Grabowsky)

«Daten sind wie Schmuckstücke. Sie gehören in den Tresor.» Stephan Walder, Co-Leiter des Kompetenzzentrums Cybercrime und stellvertretender leitender Staatsanwalt in Zürich, sagt den 135 Drittklässlern mit diesem Satz nicht wirklich etwas Neues. Die 18- bis 19-Jährigen sind sogenannte «digital natives», also mit den Chancen und Risiken des Internets aufgewachsen. Während Phishing oder Cyber-Mobbing für sie bekannte Phänomene sind, kann der 33-jährige Jurist ihnen auf anderen Gebieten die Augen öffnen. «Wir wissen, dass heute in einigen Regionen jeder Computer zehnmal pro Tag angegriffen wird», erklärt er. Oft seien harmlos scheinende Attacken auf die Prozessoren von elektrischen Zahnbürsten oder Hightech-Kaffeemaschinen dabei. «Die Kriminellen machen sich die Rechnerleistung zunutze. Sie wollen fremde Server mit so vielen Botschaften überschwemmen, dass sie zusammenbrechen.» Dieses «DDoS» («Distributed Denial of Service) genannte Vorgehen diene der Schutzgeld-Erpressung. Nur wenn das Opfer zahlt, verzichten die Täter darauf, die Infrastruktur lahmzulegen.

Rechtliche Grauzonen
Die Ermittlung von Straftatbeständen im Internet bringe unterschiedliche Herausforderungen mit sich, referiert der erfahrene Staatsanwalt. «Die Opfer befinden sich in der Schweiz, doch die Täter können überall in der Welt sein.» Ausserdem ist es offenkundig gar nicht so leicht, Spuren im Internet zu sichern. Die Daten gehören ja meist international agierenden Unternehmen. Die rechtliche Würdigung der angezeigten Fälle ist die nächste Schwierigkeit. Wenn ein Herzschrittmacher mit Wifi-Schnittstelle gehackt wird und der Täter in der Lage ist, einen tödlichen Stromstoss auszulösen, dann kann aus einer Erpressung ein Mord werden. Auch wenn ein Tesla per Fernsteuerung einen Unfall verursacht, kann Cyber-Kriminalität bis zum Tötungsdelikt reichen. Grauzonen gibt es bei den Kommentaren in Diskussionsforen: Was ist Verleumdung, wo fängt die Ehrverletzung oder die Rassendiskriminierung an? Die Grenzen sind fliessend. Einen Flash-Mob zu organisieren kann lustig sein, aber auch Anstiftung zum Landfriedensbruch. «Jede App, die gebraucht wird, kann auch missbraucht werden», sagt Stephan Walder. Single-Börsen mögen bei der Partnersuche helfen, ermöglichen aber auch den Romance Scam – das Vortäuschen von Verliebtheit, um Geld zu betrügen. Einen Fall von gestohlener Identität hat der Jurist selbst erlebt. Er liess eine Frau in den Niederlanden festnehmen, musste aber feststellen, dass die Betrügerin, der er auf die Spur gekommen war, zusätzlich auch noch den Namen und die Geburtsdaten der Betreffenden gestohlen hatte. Trotz vieler negativer Erlebnisse ist Stephan Walder nicht zum Gegner des Internets geworden. «Social Media sind für mich als Strafrechtler durchaus von Vorteil: Auch Täter hinterlassen dort Spuren. Die Fotosuche von Google zum Beispiel ist ein gewaltiges Ermittlungsinstrument.»

Nachhaltige Wirkung
Die Geschichtslehrerin Natalie Gunsch hatte die Woche so organisiert, dass die Schülerinnen und Schüler Einblicke in das Strafrecht, das Völkerrecht, die Rechtsräume Gemeinde und Kanton, die Menschenrechte und das Spannungsfeld «Recht und persönliche Verantwortung» bekommen. «Es ist nicht nur eine Pflichtaufgabe, um das Thema Recht maturitätskonform abzuarbeiten, sondern auch ein Zückerli in der letzten Schulwoche vor den Ferien», sagt sie. «Wir sensibilisieren für Themen, die sonst im Unterricht mitunter zu kurz kommen.» Bei den Drittklässlern kommt das gut an. Es sei spannend, sich mit Sachen zu befassen, mit denen man sonst kaum in Berührung komme, heisst es. Die Berufswahl der zukünftigen Maturanden beeinflusst die intensive Auseinandersetzung mit dem Recht allerdings kaum: «Jura wäre nichts für mich. Ich will tatsächlich Lehrer werden, aber auch da schadet es ja nicht, die Grundlagen des Rechtssystems zu kennen», bilanziert einer der Schüler. Claudio Eicher aus Berg meint dagegen: «Ich überlege ernsthaft, Jura zu studieren – auch wenn es mega anstrengend war, die ganze Woche konzentriert zuzuhören.»

Share Button

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.