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Glocken läuten einstweilig weiter

Kreuzlingen – Den Viertelstundenschlag der Stadtkirche in der Nacht probeweise abzustellen gestaltete sich als zu aufwändig und teuer. Wenn, dann soll es gleich eine bleibende Änderung geben. Die Kirchgemeindeversammlung wird frühestens im Januar über die neue Läutordnung entscheiden.

Die evangelische Stadtkirche in Kreuzlingen hat ihren nächtlichen Glockenschlag trotz Klagen und einer Unterschriftensammlung beibehalten. (Bild: sb)

Die Kirchglocken der Stadtkirche läuten erst mal weiter wie bisher. Dies ist das Ergebnis eines Schlichtungsgesprächs vom Dienstag, das Lärmkläger aus der Nachbarschaft, den evangelischen Kirchenpräsidenten, eine Vertreterin des Denkmalschutzes und Stadtrat Ernst Zülle an einen Tisch brachten.

Somit entfällt die von den Beschwerdeführern seit dem Rückzug ihrer Klage geforderte Probephase. Dabei war diese von Seiten der evangelische Kirchbehörde im August 2017 zugesichert worden. Die katholischen Kirchen hatten damals ihre Läutordnung probeweise umgestellt und dies später in der Kirchgemeindeversammlung zementiert (wir berichteten). Die evangelische Stadtkirche hingegen hatte nur das morgendliche Geläut wie versprochen von 6 auf 7 Uhr verschoben.

Den nächtlichen Glockenschlag umzustellen gestaltete sich weitaus komplizierter. Denn das Uhr- und Schaltwerk aus dem Jahre 1898 ist einerseits mechanisch, andererseits denkmalgeschützt. Es arbeitet mit Gewichten – ein historisch wie handwerklich bedeutsames Werk. Darum gab die Kirchenbehörde eine Offerte in Auftrag. Diese rechnet mit rund 10’000 Franken, um die Umstellung zu ermöglichen.

Stadt vermittelte
Die Kläger sammelten daraufhin Unterschriften, weil sie sich hintergangen fühlten. Mehr als 50 Personen hätten die Flugblätter unterschrieben, welche sie im Quartier verteilten, sagen sie. Aber es gab auch Anfeindungen. Vielen Menschen ist der Glockenschlag lieb gewonnene Tradition. Besonders in den Sozialen Netzwerken kochte der Volkszorn hoch. Die Lärmgeplagten auf den Mond zu wünschen, gehörte noch zu den harmloseren Aussagen. «Am runden Tisch war das Gesprächsklima dafür anständig und sachlich», berichtet Stadtrat Ernst Zülle. «Man zeigte gegenseitiges Verständnis. Aber es wurde auch klar, dass die Lärmkläger nicht zufrieden sind mit der Situation.» Der Kirchenvorstand auf der anderen Seite will erst ein Ja der Stimmberechtigten haben, bevor so viel Geld in die Hand genommen wird.

Grundlage der Gespräche war ein ausführlicher Bericht über die Machbarkeit der Rüetschi AG aus Aarau. Diesen hatte die Stadt Kreuzlingen in Auftrag gegeben. Er bestätigt den Aufwand, der betrieben werden müsste, um den Mechanismus des Schlagwerks zu ändern. Die Firma, die zu den wenigen noch tätigen Spezialisten in der Schweiz auf diesem Gebiet zählt, kennt die Stadtkirche bereits: Sie erstellte schon die besagte Offerte; sie goss sogar die Glocken.

«Der Bericht beweist aber auch: die Umstellung ist machbar», interpretiert Zülle. «Wir hoffen nun auf Zustimmung von der Kirchgemeinde.» Sollten sich die Evangelischen gegen eine neue Läutordnung sperren, können die Beschwerdeführer erneut klagen.

Lärm oder Wohlklang?
Auch die Lautstärke der Kirchenglocken wird von den Klägern moniert. Sollte sich hier ein zweites Streitfeld auftun, muss ein Lärmgutachten angefertigt werden. Den Kirchturm baulich zu isolieren oder das Schlagwerk durch ein elektronisches zu ersetzen, ginge nicht ohne Weiteres und riefe zudem sofort die Denkmalpflege auf den Plan. «Wir hoffen, dass es im Januar zu einer Einigung kommt und dann die Sache mit der Lautstärke ebenfalls vom Tisch ist», so Zülle.

Er persönlich würde es als grosses Entgegenkommen werten, sollte die Kirche ihren nächtlichen Viertelstundenschlag abstellen. Er habe aber auch Verständnis für deren Befürchtungen, einen Präzedenzfall zu schaffen oder Traditionen aufzulösen. «Im Glockenstreit müssen sich beide Parteien einen Schritt entgegenkommen, sonst geht es nicht», ist sich Stadtrat Zülle sicher.

Ob die evangelische Kirchgemeindeversammlung dies zulässt, steht allerdings in den Sternen. Eine neue Läutordnung war schon einmal traktandiert, im Januar 2014. Damals wurde sie mit nur wenigen Stimmen Unterschied bachab geschickt.

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