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Auf Sparflamme gekocht

Kreuzlingen – Mit Max Frischs «Biedermann und die Brandstifter» bleibt das See-Burgtheater hinter seinen Möglichkeiten. Die Inszenierung hält sich wortgenau an die bekannte Vorlage und verpasst es, aktuelle Bezüge herzustellen oder zum feurigen Sommertheater zu werden.

Die Faszination des Bösen? Babette Biedermann (Astrid Keller) lässt sich im eigenen Haus von den Brandstiftern (links Andrej Reimann, rechts Hans-Caspar Gattiker) auf der Nase herumtanzen. (Bild: Mario Gaccioli)

Max Frisch hat seinen oft aufgeführten Schulbuch- und Bühnenklassiker in einer fiktiven Schweizer Stadt ohne konkreten Zeit- und Ortsbezug angelegt. Diese Offenheit haben Regisseure auch schon als Einladung verstanden. Sie boten ihrem Publikum ein schrilles Spektakel mit Hauptdarstellern in mehrfacher Ausführung, während es Freibier und Schnittchen gab. Statt trautem Heim zeigten sie eine Dreier-WG mit vollberauschter Veganer-Gattin. Sie gaben Albtraumfiguren aus der internationalen Politik einen Auftritt oder passten zumindest die Sprache gechillt an die heutige Zeit an. Möglichkeiten dazu finden sich zuhauf.

Klamotten aus der Mottenkiste
Regisseur Leopold Huber vom See-Burgtheater bleibt dagegen so nah am Original wie möglich. Vom Text weicht er nicht ab, auch wenn er dem Dienstmädchen einen klischeehaften slawischen Akzent gibt. Zudem setzt er das Ensemble vor ein in seiner Schlichtheit monströses rosa Eigenheim mit weissem Gartenzaun, dass wenig originell wirkt. Die Kulisse schafft Distanz zum Publikum und will so rein gar nicht mit dem zusammenpassen, was man als reale Spiesserwohnstätte im Stadtbild wahrnimmt. Die Kostüme auf der anderen Seite lassen nicht nur geringen aktuellen Bezug zu, sie verweigern diesen geradezu. Auf Musik, Gesang oder akrobatische Einlagen wie in vergangenen Aufführungen müssen die Gäste verzichten.

Selbstverständlich ist der historische Feuerwehrbus, mit dem der Chor aus freiwilligen Feuerwehrleuten auf und ab fährt, imposant und qualmt und stinkt. Und beim schlussendlichen Feuerwerk ist die Hitze der Flammen bis zur Tribüne zu spüren. Bis es soweit ist, sind leider nur wenig zündende Ideen zu sehen.

Bieder statt bissig
«Wir haben das Haus ja heute voller Brandstifter, ob Trump, Erdogan oder Orban. Und dafür ist das Stück eine Parabel», hat Regisseur Huber nach der Premiere am Donnerstag eine Erklärung abgegeben. Es wäre schöner gewesen, wenn eine solche Interpretation in der Inszenierung selbst angelegt wäre.

Dabei ist die Offenheit von Frischs «Lehrstück ohne Lehre» ja eines seiner Erfolgsgeheimnisse. Von Kommunismuskritik bis Ächtung von Nazi-Mitläufern leiteten Kritiker hier ihre Deutungen ab.

Wer auf Nummer sicher gehen will, dampft die Aussage deswegen aufs allgemein Menschliche ein. Dann müsste man das Geschehen aber zwingend ernst nehmen und dem Biedermann zurufen: «Lass dich doch nicht so verarschen! Belüg dich doch nicht selbst! Schmeiss doch die Brandstifter mutig hinaus!» Dazu aber fehlt einem das Mitleid mit diesem Kapitalistenschwein, der seinen Angestellten Knechtling in den Suizid treibt, Frau und Hausmädchen herumkommandiert und den Bösen am Ende höchstselbst das Streichholz reicht. Abgesehen davon wäre es eine platte Lesart.

Mit subtilen Drohungen und gekonnten Schmeicheleien wickeln die beiden Brandstifter den Hausherrn Gottlieb Biedermann (Adrian Furrer, mitte) um den Finger. (Bild: Gaccioli)

Und genau hier liegt eine Schwäche, die aber schon der Vorlage entspringt. Biedermann und seine bornierte Gattin psychologisch glaubhaft darzustellen, ist aufgrund von Frischs knappen Dialogen schwierig. Sie sind eher Schablonen als Charaktere. Dennoch: Der Haarölfabrikant bietet einem obdachlosen, frechen Eindringling sogleich eine Zigarre an, später Essen, dann Unterschlupf – weil er vom tätowierten Schwergewichtsringer mit Angst einflössender Statur intimidiert wird. Dem von Adrian Furrer als aufbrausenden Unternehmer gespielten Biedermann nimmt man diese Furcht zu Beginn aber nicht ab.

Sympathische Psychopathen
Die Brandstifter auf der anderen Seite (stark: Hans-Caspar Gattiker und Andrej Reimann) sollten das personifizierte Böse darstellen, Frisch nannte sie apolitische «Dämonen». Auf der Seebühne werden sie stattdessen zu charismatischen Publikumslieblingen. Sie, die eigentlich psychopathische Terroristen sein sollten, die aus Spass an Tod und Zerstörung ganze Städte anzünden, sind die einzigen, die zu leben wissen: Sie essen, tanzen, singen gerne, sie betreiben Konversation mit Pfiff und Freude, sie lachen und flirten.

Ausserdem tut der vielgescholtene Biedermann ja zunächst nichts Böses. Er gewährt armen Menschen Unterschlupf. Die Moral von der Geschichte, welche einige Kritiker bereits ableiteten, wäre dann: Reiche Gutmenschen, passt bloss auf, wen ihr euch ins Haus holt – sonst brennt die Hütte bald lichterloh. Und das ist in Zeiten, wo tatsächlich Häuser abgefackelt werden (in unserem Nachbarland Deutschland gab es 2017 laut Bundeskriminalamt insgesamt 254 rechtsextrem motivierte Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte), eine ebenso mickrige wie banale Aussage, die heute ausserdem oft und laut genug ertönt.

Diese aufgewärmte Version eines Klassikers, welche das See-Burgtheater bietet, ist zwar mutig, denn sie fordert Gäste, die ein Sommertheater erwarten, und setzt auf den originalen Inhalt statt auf Action, die vom Thema ablenkt. Die Inszenierung bleibt aber im luftleeren Raum hängen statt sich zu positionieren. Daraus hätte mehr werden können und dies legt leider nahe, dass «Biedermann und die Brandstifter» den Test der Zeit entgegen landläufiger Meinung nicht bestanden hat.

«Biedermann und die Brandstifter» ist am See-Burgtheater noch bis 9. August zu sehen. Los geht es jeweils um 20.30 Uhr. Ab 18 Uhr hat die Festwirtschaft geöffnet. Es besteht zudem die Möglichkeit, ein Theatermenü mit drei Gängen ab 18 Uhr im Restaurant Schloss Seeburg zu geniessen. Reservation über das See-Burgtheater.
www.see-burgtheater.ch

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One thought on “Auf Sparflamme gekocht

  1. Lilly

    Ich habe die Aufführung gestern besucht und mir eine eigene Meinung gebildet.
    Das Stück ist nach wie vor so aktuell, dass die Orientierung am Original kein Minuspunkt ist. Als politikinteressierte Theaterbesucherin bin ich durchaus in der Lage, mir eigene Gedanken zur Aktualität zu machen. Das Ensemble war top und das Bühnenbild fand ich persönlich auch sehr gelungen.

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