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Nester zerstören ist gegen das Gesetz

Kreuzlingen – Tierfreunde beschweren sich: Immer wieder werfen Bootsbesitzer im Hafen Seegarten Nester einfach über Bord, obwohl schon Eier darin liegen. Viele wissen nicht, dass dies verboten ist und empfindliche Strafen nach sich ziehen kann. Die Hafenleitung will die Bootsbesitzer per Rundschreiben informieren.

Ein kleines Blesshuhn wird in der Vogelstation aufgepäppelt. (Bilder: sb)

«Mich macht das wirklich wütend, wenn ich sehe, wie die Vögel brüten, und einen Tag später ist das Nest plötzlich weg», ärgert sich ein Segler, der seinen Liegeplatz seit 1986 im Hafen hat. Horst Ryff ist sich sicher: Viele Skipper benutzen ihr Boot einige Wochen nicht, und wenn sie dann für einen Bootsausflug anreisen, entdecken sie die Nester und schmeissen diese einfach in den See. «Ich habe seit vielen Jahren meinen Anlegeplatz im Kreuzlinger Hafen und bin im Sommer oft mehrere Tage hintereinander hier, da habe ich schon einiges gesehen», beschreibt der Mann das unverständliche Verhalten seiner Wassersport-Kollegen im Hafen. Und schlimmer noch: Wenn er sie darauf anspreche, nehmen manche die Kritik überhaupt nicht ernst. «Es hätte sowieso genug Vögel auf dem See, hat einer mal gesagt», erzählt der 79-Jährige.

Insgesamt 319 Boote dümpeln laut Aussage der Hafenleitung friedlich im Wasser. Als Brutstätte beliebt sind vor allem Plattformen der Motorboote, welche meist nur wenige Zentimeter über dem Wasser hängen. Wer diese nicht extra schützt oder wenig mit dem Boot fährt, muss damit rechnen, dass sie als Brutstätte gebraucht werden.

«Das ist eine Unart»
Ein Nest mit Eiern wegzuschmeissen und somit zu zerstören, kann allerdings eine empfindliche Busse nach sich ziehen. Denn die Gesetzeslage ist klar: Wer Eier oder sogar Jungvögel vorsätzlich und ohne Berechtigung ausnimmt, verstösst gegen Artikel 17 des eidgenössischen Jagdgesetzes. «Es ist eine Unart, brütende Vögel zu stören», sagt Roman Kistler von der Kantonalen Jagd- und Fischereiverwaltung. Das Gesetz unterscheidet dabei zwischen geschützten und jagdbaren Arten: So sind beispielsweise Kolbenenten geschützt; Stockenten, Haubentaucher und Blesshühner werden als jagdbar eingestuft. «Wer dieses Gesetz übertritt, kann bei der Polizei angezeigt und mit bis zu 20’000 Franken gebüsst werden», erklärt Kistler die Strafzumessung. Wenn es um geschützte Tiere geht, sieht das Gesetz sogar Freiheitsstrafen vor.

Schuld am Schicksal des armen Vogels war möglicherweise ein unachtsamer Bootseigentümer.

Vor allem Haubentaucher und Blesshühner würden im Kreuzlinger Hafen brüten, sagt Sportfischer-Präsident Alfredo Sanfilippo. «Bei unseren Fischerbooten steigen sie manchmal auf die Leinen. Deswegen haben viele auf Gewichte umgestellt. Aber die Brutzeit, zumindest für Haubentaucher, ist ja nun vorbei.» Die Frage, wie man mit den Nestern am besten umgeht, sei in der Vergangenheit auch bei den Sportfischern gestellt worden. «Unser Hüttenwart ist ein Vogelfreund und hat eine Insel mit Häuschen im Hafen gebaut, damit die Vögel dort brüten können», so Sanfilippo.

Umsiedeln ist die beste Lösung
Albert Schuler, Leiter Ordnungsdienst und Häfen bei der Stadt Kreuzlingen, hat zwar selbst noch nie gesehen, wie Bootsbesitzer Nester ins Wasser schmeissen. Der Problematik sei sich die Behörde aber bewusst: «Deswegen raten wir den Bootsbesitzern, eine schwimmende Plattform wie beispielsweise eine Styroporplatte zu nehmen, das Nest darauf zu platzieren und es dann am Uferrand ins Wasser zu legen.» Die Vögel würden das Nest umgehend aufspüren und sich um den Nachwuchs kümmern.

Auch die Jagd- und Fischereiverwaltung hält eine solche Umsiedelung für sinnvoll, wie Amtsleiter Kistler bestätigt.

Ryff hingegen wünscht sich ein besseres Miteinander unter den Hafenbenutzern. «Es existiert ja eine Telefonliste. Wer ein Nest entdeckt, könnte den jeweiligen Eigentümer rasch anrufen, um das Nest zu entfernen, bevor Eier darin liegen», erklärt er seine Idee. Oder kleine bauliche Massnahmen wie schwimmende Plattformen unter den Stegen könnten helfen, versichert er. Schuler kann sich vorstellen, auf die nächste Saison hin alle Bootsbesitzer per Rundschreiben für das Thema zu sensibilisieren und auf den richtigen Umgang mit brütenden Vögeln hinzuweisen. «An mangelnder Pflege oder Bewegung der Boote liegt es jedenfalls nicht», sagt er. «Es reicht schon, wenn jemand zwei Wochen nicht auf dem See war.»

Auch in der Vogelstation, nur wenige Meter von der Hafenmole entfernt, hat man schon von Nestzerstörungen gehört. Vor allem aber kümmert man sich hier um die Resultate dieses unbedachten Handelns: In den Räumlichkeiten hinter der Heinrichhalle pflegen die Freiwilligen Jungvögel, die allein und hilflos aufgefunden werden. «Kürzlich hat man uns ein Blesshuhn-Baby gebracht», erzählt Leiterin Elsbeth Eberle. «Es war mutterseelenallein mitten im See unterwegs. Wahrscheinlich ist es von einem Boot aus aus dem Nest geworfen worden oder hinausgefallen.»

Eberle kann Menschen nicht verstehen, die so etwas tun. «Das ist auch eine Frage des Charakters», urteilt sie.

Und mehr noch: auch gegen das Gesetz.

Blauer Anker
Der Bootshafen Seegarten trägt seit 2005 die Auszeichnung Blauer Anker. Die Internationale Wassersportgemeinschaft Bodensee (IWGB) vergibt dieses Zertifikat an Anlagen, die umweltgerecht gestaltet und geführt werden. «Das Thema wird bei uns diskutiert und gegebenenfalls fliessen die Ergebnisse in ein Merkblatt ein», so der IWGB-Vorsitzende Edgar Raff. Wichtig sei, eine Lösung zu finden, die Skipper und Umwelt zufrieden stellt. sb

 

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