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Freiheit für das kritische Wort

Kreuzlingen – Die Narrengesellschaft Emmishofen nimmt sich seit 120 Jahren die Freiheit heraus, das lokale Geschehen kritisch zu durchleuchten. Dafür wurde sie mit dem diesjährigen Prix Kreuzlingen ausgezeichnet. Auch Festredner Ralf Schlatter nahm kein Blatt vor den Mund und machte von der Redefreiheit gebrauch.

«Wir könnten jedes Jahr problemlos mehrere Prix Kreuzlingen verleihen», lobte Stadtpräsident Thomas Niederberger die vielen Personen und Institutionen, welche sich ehrenamtlich für Kreuzlingen engagieren. Mit dem Anerkennungspreis, welcher an der Bundesfeier zum neunten Mal verliehen wurde, sollen Personen oder Gruppen geehrt werden, welche sich in herausragender Art für das öffentliche Wohl in Kreuzlingen einsetzten oder zur Bekanntheit und zum positiven Image der Stadt beitragen. Ohne Zweifel einen wichtigen Beitrag zum Stadtleben leistet die Narrengesellschaft Emmishofen mit ihrer jährlichen Narren-Night-Show. Mit ihrem satirischen Jahresrückblick, in dem sie Politik wie Lokalgeschehen gleichermassen auf die Schippe nehmen, schärfen sie das Profil der Stadt. Der Preis, welcher jedes Mal ein Unikat ist, bestand dieses Jahr aus einer Bronzefigur mit filigran gearbeiteten Linien. Gestaltet wurde er von der Kreuzlinger Künstlerin Franziska Högger.

«Obwohl ich als Archäologe schon viele Dinge betrachtet habe, war mir dieser Jahresrückblick bisher fremd», sagte Hansjörg Brem, Chef der Thurgauer Kantonsarchäologen, in seiner witzigen Laudatio. Er hob die Wichtigkeit einer solchen Institution hervor, welche den Zeitgeist kritisch hinterfrägt. «Falls die Narrengesellschaft weitere 300 Jahre besteht, wird sie sicher Unesco-Weltkulturerbe», scherzte Brem.

Die Narren auf jeden Fall freuten sich ungemein über die Auszeichnung: «Endlich kommen wir an die Reihe», bedankte sich Präsident Markus Baiker gleich mit einem Seitenhieb beim Stadtrat. Die Fasnächtler liessen es sich nicht nehmen, mit einem Ständchen und einer satirischen Einlage der Festgemeinde eine Kostprobe ihrer Gesellschaftskritik zum Besten zu geben. Und machten klar, dass sie trotz der Würdigung der Politik weiterhin einen kritischen Spiegel vorhalten wird. «Ihr chönd no so viel scharre, mir fahred eu trotzdem an charre», war etwa einer der vielen Reime der Narren.

Angst vor zuviel Freiheiten
Dass Reimen gut fürs Gemüt ist, befand auch Festredner Ralf Schlatter. In seiner 1.-August-Rede regte der Kabarettist an, es bei Eheproblem statt Therapeuten es mal mit Gedichten zu probieren. Humorvoll aber auch kritisch sezierte er den heimischen Freiheitsbegriff. «In anderen Ländern riskieren Menschen ihr Leben für freie Wahlen, wir riskieren beim Urnengang den ersten Satz des Wimbledon Finals zu verpassen», nahm er die Wahlbeteiligung der Bevölkerung auf den Arm. Gleichwohl würde Freiheit mittlerweile immer öfter mit Schamlosigkeit verwechselt. «Manager geben sich selbst schamlos hohe Boni, die Schweiz verkauft schamlos Waffen in Bürgerkriegsländer», so der Preisträger des Salzburger Stiers. Und kam zum Schluss, dass die Freiheit den Menschen eigentlich Angst mache. «Wir sehnen uns nach Vertrauten und Geborgenheit. Dafür sollte auch der Boulevard stehen», riet der Zürcher.

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