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«Zustände wie in Russland»

Kreuzlingen – Kreuzlinger Polizisten haben einen Mann über Nacht in eine Zelle gesteckt, ohne dass die blutende Wunde an seinem Handgelenk verarztet worden wäre. Weil er sich wehrte, so deren Begründung. Das Opfer spricht von Misshandlung. Nach seiner Entlassung musste der Flüchtling umgehend notoperiert werden; bleibende Schäden sind nicht ausgeschlossen.

Aus der Sicht von Tato Getia* (*Name von der Redaktion geändert) mutet das Geschehen an wie Polizeigewalt in einem Unrechtsstaat. Es war ein schöner Sommertag Mitte Juni, die WM lief, Deutschland gegen Mexiko stand auf dem Spielplan. Getia war mit seiner Familie und Freunden beim Baden. Die Erwachsenen tranken Bier. Doch für später war ein Unwetter angekündigt. Gegen Nachmittag traten die Frauen mit den Kindern den Heimweg etwas früher an, zurück ins «Camp», wie sie das Kreuzlinger Asylzentrum nennen. Als die Männer folgten, stolperte Getia an einer Treppe und verletzte sich an einer zerbrochene Flasche. Wenige Minuten später wurden er und sein ebenfalls aus Georgien stammender Kollege von der Polizei kontrolliert. Die Beamten wollten die Flüchtlinge in Gewahrsam nehmen, worauf Getia laut wurde. «Ich hatte Scherbenschnitte am Handgelenk, wollte ins Camp zum Arzt, und sie wollten mir Handschellen anlegen», erinnert er sich. «Natürlich wehrte ich mich und schrie.»

Fotografie der Wunde als Beweis. (Bild: sb)

Es sei normal in Kreuzlingen, dass Flüchtlinge grundlos von der Polizei kontrolliert werden, sagt Getia. Flüchtlinge würden zudem auf Schritt und Tritt von beim EVZ angestellten Securities überwacht.

«Wir tun nur unseren Job»
Beide Männer wurden schliesslich eingesperrt. Getia sagt, er sei geschlagen worden, und zeigt auf Schrammen und Blutergüsse auf seinem Körper. «Sie sagten, sie tun nur ihren Job. Ich fragte mehrmals nach einem Arzt. Ich bin doch kein Krimineller. Am nächsten Tag zwangen sie mich, die Zelle vom Blut zu reinigen. Erst danach, gegen Nachmittag, wurde ich entlassen», so seine Schilderung.

Zurück im Asylzentrum veranlasste die zuständige Verantwortliche eine umgehende Überführung ans Kantonsspital. Dort musste der 34-Jährige notoperiert werden, wie der Austrittsbericht des Spitals beweist. Auch mussten die Ärzte eine antibiotische Therapie durchführen, weil sich die Wunde entzündet hatte. Denn Getias Finger wurden taub, er konnte sie plötzlich nicht mehr bewegen. Die Spezialisten mussten sein Handgelenk schienen. Erst vier Tage später durften sie ihn aus dem Spital entlassen.

Getia versichert bis heute, dass es keinen Anlass für eine Verhaftung gegeben hätte, keinen Streit, keinen Tumult.

Am Handgelenk werden wahrscheinlich Narben zurückbleiben. (Bild: sb)

Was geschah wirklich?
Augenzeugen berichten hingegen von Geschrei, von einem Mann, der völlig ausser Kontrolle gewesen sei, einem anderen, der ihn zu beruhigen versuchte, von verschreckten Passanten. Auch die Angaben der Kantonspolizei klingen anders. Sie weist alle Vorwürfe entschieden zurück. Es gab eine Schlägerei zwischen mehreren Personen an der Hauptstrasse, zu der die Beamten per Notruf gerufen wurden, so die Pressestelle. Zwei der beschriebenen Personen konnten die Beamten vor dem Einkaufszentrum antreffen. Beide verhielten sich äusserst aggressiv, unkooperativ und mussten arretiert werden. Wegen Störung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit wurden sie in Gewahrsam genommen.

«Als die Polizisten den Verletzten versorgen wollten, schlug dieser um sich und warf das Verbandsmaterial auf den Boden», schreibt der Polizeisprecher. «Auch den Beizug eines Arztes lehnte er kategorisch ab.»

Am nächsten Tag wurde Getia von Beamten zum Aslyzentrum geführt. «Am Entlassungstag war der Mann sehr anständig und hat nicht nach einem Arzt verlangt», so der Polizeibericht abschliessend.

So weit die Schilderungen auch auseinander gehen, die Fakten bleiben bestehen: Die Kreuzlinger Polizei hat einen Mann inhaftiert, ohne dass seine Wunde verarztet worden wäre. Noch heute muss der Familienvater zweimal wöchentlich in die Ergotherapie. Der Arzt bescheinigt ihm eine hundertprozentige Arbeitsunfähigkeit. Bleibende Schäden sind nicht ausgeschlossen. Drei Finger kann er nicht mehr bewegen. Das sei nur, weil die Wunde zu spät versorgt wurde, habe der Arzt lau Getia gesagt.

Keiner will sich dazu äussern
Wer daraufhin eine Einschätzung der Situation von professioneller Seite sucht, der stösst auf eine Mauer des Schweigens. Von der Kantonspolizei ist lediglich ein Statement über die Pressestelle zu haben. Die Kommunikation mit dem Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ), wie das Asylzentrum auf Behördendeutsch heisst, läuft sowieso nur über Pressesprecher in Bern. Die Ärzte des Kantonsspitals verschanzen sich hinter dem Arztgeheimnis, obwohl der Patient seinen Arzt ausdrücklich von der Schweigepflicht entbunden hat. Ein von der Opferhilfe Thurgau vermittelter Anwalt gibt sein Mandat prompt zurück, nachdem er eine Presseanfrage erhält. Mitarbeitende einer Institution, die in Kreuzlingen mit Flüchtlingen arbeitet, wollen sich nicht öffentlich äussern.

Lediglich das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen, das Getia bei seinem Asylverfahren unterstützte, lässt wissen, es seien in letzter Zeit keine Klagen seitens Asylsuchender bekannt. Das Schreiben kommt ebenfalls von der Pressestelle, aus Zürich.

Heute wohnt Getia mit Frau und dem jüngsten Sohn in einem Durchgangsheim. Im Wohnzimmer der Unterkunft steht eine alte Polsterecke mit zerschlissenem Bezug. Draussen stürmt es, aber die Sonne scheint. Irgendwo klappern Fensterläden im Wind und der Rasen im Garten, auf dem Spielsachen liegen, vertrocknet langsam – wie überall.

Bluterguss, der mehr als eine Woche nach dem Vorfall immer noch zu sehen war. (Bild. sb)

Die Mafia folterte ihn
Bevor Getia aus seinem Heimatland flüchtete, war er erfolgreicher Inhaber einer Ladenkette, die auch Uhren aus der Schweiz importierte. Von der georgischen Mafia, zu der auch Regierungsmitglieder zählen, sei er bedroht und zum Verkauf seines Hauses gezwungen worden. Aber das eigentliche Ziel sei die Übernahme der Ladenkette gewesen. Der Geschäftsmann berichtet von Gewalt und Folter.

Während der Flucht seien seine Kreditkarten gesperrt worden, deswegen beantragte die Familie Asyl. In Georgien müsse er um sein Leben fürchten, gab Getia zu Protokoll.

Am 30. April wurde sein Asylantrag abgelehnt. Begründung: Nur wegen der Habgier krimineller Personen seien ihm Nachteile entstanden. Er werde aber nicht verfolgt aufgrund von Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen politischer Ansichten. Es fehle Getia also am asylbeachtlichen Motiv, so das Staatssekretariat für Migration.

Seine Beschwerde gegen diesen Entscheid wurde am 12. Juni abgelehnt. Fünf Tage später wurde Getia verhaftet.

Schnauze voll
«Ich habe früher schon Kontakte in die Schweiz gehabt. Ich hatte stets eine hohe Meinung von diesem Land», so das Fazit des Georgiers. «Die habe ich heute nicht mehr. Was mir passiert ist, würde eher nach Russland passen. Die sind wenigstens ehrlich dort und tun nicht so, als ob sie sich Fairness und Gleichbehandlung auf die Fahnen geschrieben haben.»

Wie es weitergehen wird, weiss Getia nicht. Wie lange die Familie im Durchgangsheim bleiben kann oder muss, ist unklar. Er fühlt sich alleingelassen. «Sobald wir unsere Pässe wiederhaben, werden wir unser Glück in Amerika versuchen», sagt er. Seine Worte klingen eher trotzig als hoffnungsvoll.

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2 thoughts on “«Zustände wie in Russland»

  1. monika röllin

    er stolperte an einer Treppe und verletzte sich an einer Flasche ;) und wenn er erzählt hätte er sei die Reinkarnation von Mutter Theresa dann wäre das auch noch geglaubt worden ? also ehrlich, wie Naiv seit ihr eigentlich, und was muss sich unsere Polizei noch alles gefallen lassen ?

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    1. schiesser

      Sie waren ja sicherlich dabei und wissen deshalb ganz genau, wie sich der Mann verletzt hat? Nein? Wieso werfen Sie dann anderen Naivität vor? Kann man sich – Ihrer Meinung nach – nicht an einer zerbrochenen Flasche verletzen? Dann habe ich eine Neuigkeit für Sie: Man kann – und man kann dabei heftige Schnittwunden davontragen (ich z.B. könnte Ihnen noch heute eine entsprechende Narbe vorweisen). Die „Kreuzlinger Zeitung“ hat – journalistisch völlig korrekt – beide Seiten zu Wort kommen lassen.

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