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Ohrenschmerzen für Veranstalter

Kreuzlingen/Region – Der Bund überarbeitet derzeit seine Schallschutzverordnung. Besonders kleine Konzertveranstalter und Clubs hören gar nicht gerne von der geplanten Verschärfung. Auf sie, aber auch auf Sport- und Festorganisatoren, könnten Bürokratie sowie happige Mehrkosten zukommen.

Schon heute gelten strenge Regeln für laute Musik. (Bild: fotofuzzi/pixelio.de )

Die bestehende Schweizer Schall- und Laserverordnung verpflichtet die Organisatoren von lauten Veranstaltungen bereits heute dazu, eine Liste von Vorschriften einzuhalten. So müssen sie Plakate an die Wände hängen, welche ihre Gäste auf Hörschäden hinweisen, oder kostenlos Ohrenstöpsel bereithalten. Veranstaltungen mit mehr als 93 Dezibel müssen sie 14 Tage im Voraus bei der Gemeinde anmelden und auch während des Ablaufs des Konzerts oder der Party den Schallpegel überwachen. Eine Maximallautstärke von mehr als 125 Dezibel darf niemals überschritten werden.

Dauert eine Veranstaltung länger als drei Stunden und hat einen Durchschnittsstundenpegel im Bereich zwischen 96 und 100 Dezibel, dann kommen weitere bürokratische Hürden zum Tragen. Die Veranstalter müssen den Schallpegel aufzeichnen, diese Dokumente aufbewahren und den Behörden bei Verlangen zur Verfügung stellen.

Bis anhin: einfach und umsetzbar
Bis anhin waren diese Messungen und auch die Aufzeichnungen ohne grossen Aufwand und Kosten möglich. Sogar mit einem Handy und entsprechender App liess sich das Prozedere durchführen. Beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) können ausserdem Tabellen heruntergeladen und darin die Werte eingetragen werden, die den entsprechenden Durchschnittsstundenpegel gleich ausrechnen. Auch entsprechende Hinweisplakate können Veranstalter beim Amt beziehen.

Jetzt will der Bund seine Verordnung verschärfen. Im Zentrum der Schall- und Laserverordnung steht zwar der Gesundheitsschutz, an den Grenzwerten der Schallpegel will das BAG gar nicht drehen. Stattdessen würde die neue Verordnung lediglich kleinen Veranstalter das Leben schwer machen. So dürften diese neu nur noch Profigeräte für die Messungen und Aufzeichnungen der Schallpegel benutzen, die vom Eidgenössischen Institut für Metrologie (Metas) zugelassen sind. Inklusive Ersteichung, Kalibriergerät und entsprechender Software für die Übertragung der Daten kosten diese im Fachhandel um die 5000 Franken.
Von den Auswirkungen wären viele Veranstalter betroffen, auch in der Region Kreuzlingen. So schreibt Benjamin Knaus, Präsident des Kulturvereins Z88: «Wir könnten viele Konzerte nicht mehr ausführen. Schon die Eigenlautstärke eines Schlagzeugs in unseren Räumlichkeiten liegt bei über 93 Dezibel. Die Anschaffung einer geforderten Messvorrichtung könnte sich der Verein nicht einfach so leisten.»

Subventionen gefordert
Valentin Huber vom Festival Kultling hat beim diesjährigen Festival eine Lautstärke von 98 Dezibel gemessen – bei der Ansage einer Künstlerin. Für ihn ist klar, dass die Regelung des Bundes kleinen Lokalen oder Clubs das Genick brechen könnte: «Bankrott oder Illegalität», spitzt er seine Auffassung zu. Die Lösung könnte laut Huber sein, dass die öffentliche Hand sich bereit erklärt, die Schallpegelmessungen zu subventionieren – stellen doch verstärkte Veranstaltungen mit ihren hohen Wertschöpfungen einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar. Eine ähnliche Forderung stellt auch eine Petition, die bereits von über 10000 Menschen unterschrieben wurde.

Konzerte unter 93 Dezibel durchzuführen, sei im Bereich der Rockmusik eher schwierig, weiss Huber, und auch vom Publikum nicht gewünscht: «Wir würden doch niemals ein Konzert besuchen, bei dem man vor der Bühne gebeten wird, nicht zu sprechen, weil es zu laut ist», sagt er.

Auch Menschen, die zu elektronischer Musik tanzen, würden ihm da zustimmen. Etwa in der Katakombe in Tägerwilen, wo Stundendurchschnittspegel zwischen 96 und 100 Dezibel erreicht werden. Im beliebten Club werden die heutigen gesetzlichen Vorgaben penibel eingehalten: «Wir beauftragen jeweils einen Profi-Dienstleister für Veranstaltungstechnik, der den Pegel misst und die Daten gemäss der Verordnung zur Aufbewahrung herstellt», berichtet Geschäftsführer Oliver Klinghoffer. So stelle man in der Katakombe sicher, immer die neueste Technik und das Know-How von Profis zu bekommen und viel Dynamik mit wenig Lärm zu erzeugen.

J und C Veranstaltungstechnik aus Konstanz ist ein solcher Dienstleister in Sachen lauter Musik. Dort kennt man die aktuelle Verordnung. «Wir machen bis zu 300 Veranstaltungen jährlich in der Schweiz und messen den Schall mit einem üblichen Gerät, das wir selbst kalibrieren», sagt Veranstaltungstechniker Jürgen Nägele. Tritt die Überarbeitung in Kraft, müsste das Unternehmen wahrscheinlich ein neues Gerät anschaffen. «Das könnte zu einem Kostenanstieg führen, würde aber grosse Veranstalter wenig tangieren», glaubt Nägele. «Ein solches Gerät zu mieten, würde wohl Kosten im unteren dreistelligen Bereich verursachen.» Die Messung und Aufzeichnung von Schallpegeln sei laut Nägele allerdings eine hochkomplexe Angelegenheit, die Laien nur bedingt ausführen könnten.

Ziel des BAGs ist es, Veranstalter dazu zu bringen, dieselben Geräte wie die kantonalen Vollzugsbehörden zu benutzen. Derzeit wird eine Verordnungsvorlage erstellt, welche der Bundesrat in der ersten Hälfte 2019 verabschieden soll.

Kritik von Experten
In der Vernehmlassung zur neuen Verordnung gab es unter anderem vom Verband Schweizer Musikclubs und Festivals (Petzi) und der Fachhochschule für Tontechnik Zürich (ffton) harsche Kritik.

So schreibt Petzi angesichts der Unmengen an Daten, die neu generiert würden: «Der Bund setzt auf eine verstärkte Überwachung und Kontrolle statt auf Eigenverantwortung.» Den Einsatz von spezialisiertem Fachpersonal und die Miete und der Erwerb von teuren Messsystemen nennt der Verband eine «unverhältnissmässige Kostensteigerung für viele kleine, mittlere und unkommerzielle VeranstalterInnen.»

Gemäss ffton sind «praktisch alle Veranstaltungen mit elektroakustischer Verstärkung im privaten und öffentlichen Sektor» im Geltungsbereich über 93 Dezibel. Alle müssten Profigeräte benutzen und Fachpersonal beschäftigen. Angesichts von 15 bis 20 Tontechnikern, die alle zwei Jahre in der Deutschschweiz mit dem Fachausweis abschliessen, stellt sich der Fachhochschule die Frage, wie das zahlenmässig aufgehen soll. Es entsteht der Verdacht, «dass die neuen Bestimmungen vor allem für den Markt der hiesigen Messtechniken angepasst wurden», so ffton.

Wen trifft’s?
Neu von der Aufzeichnungspflicht ab 93 Dezibel betroffen wären alle Arten von Veranstaltungen wie Sportveranstaltungen in Stadien mit Pausenmusik und Speakerdurchsagen (Eishockey, Fussball, etc.), Filmvorführungen, Gaststätten mit Hintergrundmusik, Jugendhäuser, Klassische Konzerthäuser, Privatfeiern (z.B. Hochzeiten), Kirchgemeinden mit verstärkter Musik und Jugendgottesdienste, Fitnesscenter mit Kursprogramm, Fashion-Shows, Fasnachtveranstaltungen, Theater mit Schallverstärkung, Kleinkunstdarbietungen, Turnfeste und viele mehr, schreibt die Zürcher Hochschule der Künste. Ausgenommen wäre lediglich Konzerte von Guggenmusiken, denn diesen können man nicht vorschreiben, wie laut sie spielen, so die seltsame Begründung der Verantwortlichen.

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