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«Der Jazz ist nicht gestorben»

Münsterlingen – Paolo Fresu lässt seine Trompete so lieblich erklingen, dass seine Melodien dem Flüstern des Windes gleichen. Im Interview erzählt er von den täglichen Anstrengungen, diesen Sound beizubehalten und dem Geheimnis, das seinem Instrument innewohnt. Am Samstag, 19.30 Uhr, ist er mit dem Trio Mare Nostrum im Gemeinschaftszentrum der Psychiatrie Münsterlingen zu hören.

Paolo Fresu verleiht seinem Flügelhorn Flügel. (Bild: Jean-Louis Neveu)

KreuzlingerZeitung: Solo-Trompeter haben den Ruf, stur und selbstsüchtig zu sein. Eine notwendige Eigenschaft, um vorne zu stehen und zu spielen?
Paolo Fresu: Kein Ahnung, warum das so ist. Sicherlich ist die Trompete eines der schwierigeren und ein undankbares Instrument, vor allem am Anfang. Man braucht also eine gewisse Hartnäckigkeit und Willenskraft. Ich hatte die Willenskraft und trotz der Schwierigkeiten verliebte ich mich in die Trompete und ich bin es jeden Tag ein bisschen mehr. Vielleicht ein Grund, weshalb meine erste Platte den Namen «Ostinato» (Hartnäckig) trug.

Was fasziniert Sie an diesem Instrument, dass Sie es seit all den Jahren nicht aus den Fingern geben?
Mich fasziniert das Geheimnis, dass es in sich trägt. Es ist wie ein lebloses Werkzeug, das viele als Einrichtungsgegenstand nach Hause bringen. Wenn man es an die Lippe heranträgt und hinein bläst, öffnet sich jedoch eine aussergewöhnliche Welt, die zur Stimme, Poesie und Emotion wird.

Die Kompositionen von Mare Nostrum scheinen sehr komplex zu sein. Wie viel ist noch Improvisation auf der Bühne und wie viel wurde im Voraus geprobt?
Jeder von uns drei trägt dazu bei, die Kompositionen zu schreiben. Generell proben wir die Songs nicht, sondern probieren die Stücke im Studio aus. Ich finde nicht, dass die Musik komplex ist. Im Gegenteil, die Kompositionen von Mare Nostrum werden immer einfacher und besser verständlich.

Der legendäre Jazztrompeter Clark Terry beschreibt «die Innovation» als Ziel jeder Improvisation. Haben Sie mit Mare Nostrum diesen Schritt erreicht?
Ich glaube nicht, dass wir diesen Punkt immer erreichen. Vielmehr handelt es sich um einen stetigen Prozess, der immer im Fluss ist. Ich stimme dem grossartigen Clark Terry über die Notwendigkeit der Innovationen zu. Es ist das tägliche Brot des Jazzmusikers, sich immer in Frage stellen zu müssen muss. Miles Davis wollte immer nach vorne gehen, «miles ahead» sein …

Durch Ihre beiden Platten «Shades of Chet» und «Play Miles Davis» haben Sie auch die ersten beiden Schritte von Terry, die Imitation und Verschmelzung anderer Musikstile, reichlich zelebriert. Was ist Ihrer Ansicht nach das Wichtigste, was man von den alten Meistern lernen kann?
Man lernt viel beim Zuhören. Die Musik ist wie eine Sprache. Und den Jazz gilt es dabei gründlich durchzukauen. Es ist wie wenn man in der Schule Englisch oder Französisch lernt. Ein langsamer Prozess, aber wenn wir in einem engen Kontakt mit denen stehen, welche die Sprachen sprechen, dann lernen wir viel schneller.

Ist es heute für junge Musiker überhaupt noch möglich, einen eigenen Stil zu finden und etwas Neues zu erschaffen? Oder wurde schon alles ausprobiert?
Wehe dem der denkt, dass schon alles gesagt und gespielt wurde. Musik bewegt sich immer, so wie sich die Welt und die Gesellschaft bewegt. Wie müssen vorsichtig sein zu sagen, dass der Jazz mit Coltrane oder Parker gestorben ist. Es hat sich einfach die Sprache verändert und es wäre nicht konstruktiv, nur Fotokopien ehemaliger Musiker zu machen. Wir müssen die Vergangenheit gut kennen und dann versuchen, sie in die Gegenwart zu übertragen. Genau so wurde schliesslich auch Jazz vor 100 Jahren geboren.

Haben Sie Ihr die Trompete auch mal satt?
Manchmal denke ich, es wäre leichter gewesen, ein einfacheres und direktes Instrument zu spielen, falls es das gibt. Die Trompete vergibt nicht. Wenn ich zwei Tage nicht spiele, zahle ich den Preis dafür. Aber es gibt kein aussergewöhnlicheres Gefühl, als in eine Messingröhre zu singen, die durch die Luft zum Leben erweckt wird.

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