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Der Wandel des Boulevards über 30 Jahre

Leserbrief – Der Wandel von der Hauptstrasse zum Boulevard betrachtet über 30 Jahre aus der Sicht des Geschäftsinhabers M. Erban, Goldschmied aus der Hautpstrasse 45.

(Bild: pixelio)

In diesen Tagen feiere ich mit meinem Schmuckgeschäft mein dreissigjähriges Jubiläum hier in Kreuzlingen, also blicke ich an annähernd 6000 Werktagen auf diese Strasse.
Als ich damals anfing, hiess der Boulevard zwar nur schlicht Hauptstrasse nichtsdestotrotz war diese Strasse das Filetstück dieser Stadt und jede(r) GeschäftsinhaberIn schätzte sich glücklich in dieser attraktiven, lebendigen Strasse ansässig zu sein. Nur mit grossem Glück konnte man an der Hauptstrasse einen Laden mieten. Seit dieser Zeit hat sich viel verändert, leider nicht nur zum Guten, davon zeugen die vielen leerstehenden Lokale.

Ich bin kein Städteplaner, aber ich sehe, dass praktisch jede Veränderung, welche hier vorgenommen wurde, sich negativ auf die bestehende Situation auswirkte. Kreuzlingen hat als Einkaufsstadt Konstanz nicht viel entgegenzusetzen, aber die wenigen Trümpfe, die man hatte, wie gute Erreichbarkeit, genügend kostenlose Parkplätze im Zentrum, gab man leichtfertig aus der Hand. Es ist zum Thema Boulevard schon immens viel geschrieben worden. Kein Leser-briefschreiber hat aber die Lage früher und heute verglichen und sich die Frage gestellt, warum alteingesessene, renommierte Geschäfte, welche teils über mehrere Generationen existierten, ihre Türen schlossen. Und dies ohne dass sich ein Nachfolger fand, der bereit gewesen wäre, diese weiter zu führen. Ich habe mir die Mühe gemacht diese verschwundenen Firmen der letzten dreissig Jahre aufzulisten und bin über das Ausmass selbst erschrocken.

1. Frauenfelder Lederwaren
2. EPA
3. Wanna Kleiderboutique
4. Femina Bekleidung
5. Bitsche Pappeterie
6. Bitsche Bäckerei
7. Freyer Einrahmungen
8. Ara Schuhe
9. Schild Bekleidung
10. Bally Schuhe
11. Chicorée Kleider
12. Heidegger Drogerie
13. Top Shop Kübler Haushaltswaren
14. Dosenbach Schuhe
15. Pfändler Bijouterie (demnächst)
16. Diez Optik
17. Conrad Eisen- und Haushaltswaren
18. Dietler Bijouterie
19. TCS
20. Trösch Wäsche
21. Apotheke Richter

Ich habe mich in meiner Auflistung bewusst nur auf die traditionellen Geschäfte beschränkt und keine «Eintagsfliegen» aufgeführt, die es natürlich auch gab. Man wird mir bestimmt entgegenhalten, dass auch anderswo Geschäfte zu gehen. Ich bezweifle aber, dass es auf solche dramatische Weise geschieht, wie wir es hier in Kreuzlingen erleben. Ebenfalls werde ich nachdenklich, wenn Firmen mit über hunderjähriger Tradition von keinem Nachfolger übernommen werden und eingemietete Filialen landesweit operierender Ladenketten schon nach wenigen Jahren die Segeln streichen, wie wir es im «Ceha» beobachten konnten. Längst ist leider am Boulevard der Punkt erreicht, an dem kein gesunder Branchenmix mehr existiert. Man kann zwar bei verschiedenen Anbietern eine Immobilie erstehen, bei mehreren Telefongesellschaften Verträge mit oder ohne Handy abschliessen, aber nirgendwo einen Kochtopf kaufen. So wird sich wohl kaum ein attraktiver, auswärtiger Investor finden, der bereit wäre sich am Boulevard zu engagieren.

Der Niedergang dieser Einkaufstrasse kam schleichend daher. Es wurden viele kleine Massnahmen ergriffen, die zwar für sich allein nicht alarmierend waren, sich aber in der Summe äusserst negativ niederschlugen. Einst war die Hauptstrasse von Konstanz aus problemlos über den Hauptzoll erreichbar, jedoch nahm mit dessen Schliessung die Frequenz der Kunden aus Deutschland massiv ab. Weitere Punkte waren die verschiedenen Versuche, für welche die Hauptstrasse herhalten musste: Mal Einbahn, mal Tempo zwanzig, mal teilweise gesperrt usw. Seit dem 15.10. haben wir wieder eine Teilsperrung mit daraus resultierenden langen Umwegen. Ich fürchte, dass auf diese Weise diese früher so attraktive Strasse den gleichen Weg nimmt, den die Konstanzerstrasse schon vor längerer Zeit genommen hat. Ich muss leider zugeben, dass ich nur noch wenige Gründe zum Optimismus für den Boulevard habe.

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2 thoughts on “Der Wandel des Boulevards über 30 Jahre

  1. schiesser

    Mal ganz ohne die Diskussion um die Verkehrsführung an der Hauptstrasse zu bemühen: Diese Aufzählung lässt schlicht das wirtschaftliche Geschehen ausser Acht. Einige der aufgezählten Läden gibt es nicht mehr, weil es die Firmen nicht mehr gibt, die sie betrieben. Beispielsweise die EPA, die von Coop übernommen und gesamthaft geschlossen wurde. Schild, der seit ein paar Jahren der Migros gehört und dessen Läden spätestens 2019 alle verschwunden sein sollen. Die Frauenfelder Lederwarenfabrik (die heute Lady Lederwaren heisst) betreibt auch seit Jahren keine eigenen Detailhandelsläden mehr. Der TCS hat in der gesamten Schweiz sein Netz an Geschäftsstellen stark ausgedünnt. Dass er dann seine einzige im Thurgau verbliebene Stelle nicht in der Kreuzlinger Randlage betreibt, ist naheliegend. Der „Bäckereien-Schwund“ wiederum dürfte deutlich stärker mit der Konkurrenz durch die Backwaren-Angebote der Grossverteiler zu tun haben als mit der Lage an der Hauptstrasse. Und die Apotheken-Schliessung hat in Kreuzlingen nicht nur jene am Boulevard getroffen, sondern auch die im „Seepark“ im Osten der Stadt. Da dürfte die Ärzte-Selbstdispensation eine grössere Rolle spielen als die Begegnungszone Hauptstrasse.. Andere Geschäftsfelder sind bei der derzeitigen Lage schlicht nicht konkurrenzfähig z.B. Drogerien, deren Produkte ein paar hundert Meter weiter oft nicht einmal die Hälfte kosten (wofür die Drogerien selbst wenig können). Und der deutsche Schuhhändler Deichmann als „Mutterhaus“ von Dosenbach, betreibt ebenfalls nur ein paar hundert Meter weiter in Konstanz eine Filiale mit identischem Angebot. In der Optikerbranche hat sich in den vergangenen 30 Jahren die Situation sowieso komplett verändert, seit Ladenketten mitmischen. Mit deren Angeboten (bei gleicher Dienstleistung für die KundInnen) kann ein Optiker mit nur (s)einem Geschäft nicht mithalten. Diese Ketten werden aber kaum in der Kreuzlinger Hauptstrasse einen Laden eröffnen, wenn sie die Kundschaft genausogut ein paar hundert Meter weiter in bereits bestehenden Filialen empfangen können.

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  2. Bruno Neidhart

    Herr Erban lässt „das wirtschaftliche Geschehen keineswegs ausser Acht“ (schiesser). Es ist (auch) intergraler Bestandteil seiner erstaunlichen Auflistung der für viele Nichtkenner ehemals ziemlich erfolgreichen Szenerie an der Hauptstrasse. Man könnte noch tiefer blättern. Dass Handel und Wandel eine Einheit bilden, ist Fakt. Wieweit die Stadt selbst den Wandel verschlafen hat, oder wie sie zum Teil von „wirtschaftlich übermächtigen Geistern“ an der Hauptstrasse „gebodigt“ wurde (wie andere Kleinstädte auch), darüber liesse sich trefflich diskutieren und streiten. Brächte allerdings wenig ein. Es sei denn, die Stadt stellt sich mutig der Situation und leitet mit einem architektonisch kühnen, aufhorchenden, Besucher anziehenden Stadthausneubau an der Hauptstrasse eine Renaissance der Zentrums-Interressen ein – gleichlaufend mit allerlei Kreativität. Beispiel: zwischen Löwen und Helvetia mindestens die fussläufige Szereie voll überdachen………! Gewerbeverein bitte melden.

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