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Wahrheit im Journalismus

Kreuzlingen – Der Philosophie-Treff der evangelischen Kirchgemeinde stellt sich mit seinem Jahresthema «Wahrheit» einer hoch aktuellen Diskussion, an der sich nun auch Daniel Foppa beteiligte. Er ist nicht nur der Leiter der Inlandredaktion des Tages-Anzeigers, sondern auch ein alter Schul- und Studienfreund von Pastor Damian Brot.

Das Open Place lädt auch im Oktober zu interessanten Veranstaltungen ein. (Bild: zvg)

Wenig überraschend bezog Foppa sich in seinem Referat auf die Begriffe «Fake News» und «Alternative Facts», die die Trump-Regierung weltweit bekannt gemacht hat. «Lächerlich machen sich Trump und seine Sprecherin damit nur bei Kritikern», sagt der Journalist. «Ihre Fans glauben ihnen weiterhin.» In Deutschland zeige das Schlagwort «Lügenpresse», dass alles in Frage gestellt würde, was dem eigenen Weltbild widerspreche. «Verschwörungstheoretiker hat es immer schon gegeben», räumt der Referent ein. «Aber über die sozialen Medien haben sie es heute leichter, ihre Thesen zu verbreiten.» Donald Trump erreiche über Twitter 55 Millionen Menschen. Die Tatsache, dass die Washington Post rund 5’000 seiner Tweets als Falschaussagen entlarvt habe, würde viele von ihnen nicht stören. «Das ist Desinformation in nie dagewesenem Ausmass», sagt Daniel Foppa.

Gefahren durch PR
In geringerem Mass trifft das Problem auch die Schweiz. Aussagen von Politikern würden heute regelmässig von PR-Experten verfasst, die jedem Satz einen gewissen Dreh, eine positive Färbung verpassten. Die Privatwirtschaft lote genauso die Grenzen der Wahrheit aus. Nicht einmal die Verbände seien davor gefeit. Die Gewerkschaft Unia hatte mit einem Fake-Inserat auf die Lohndiskriminierung von Frauen hinweisen wollen. «Sie hat eine Falle gestellt und die Medien sind hineingetappt. Es kostet eben Zeit, tendenziöse Studien oder Unterlagen zu überprüfen.» Die schwierige wirtschaftliche Situation der Medien sei insofern Teil des Problems. Ob ein Gesetz gegen die Verbreitung von Falschmeldungen hilfreich wäre, bezweifelt Foppa. Einige Staaten in Europa würden diesen Weg gehen. «Bei mir läuten die Warnglocken. Das ähnelt einer staatlichen Zensur und ist deshalb fragwürdig.»

Problembewusste Leser gefordert
Einen wahrheitsgemäss geschriebenen Artikel erkenne man an seinen Quellen, doziert der Journalist. Der Leser müsse kritisch hinterfragen, ob ein zitierter Wissenschaftler eventuell parteiisch sei. «Wir in der Redaktion lassen Fakten durch Gegenleser checken. Wir sind verpflichtet, jeweils die besten Argumente von zwei konkurrierenden Meinungen zu erwähnen und nichts Relevantes wegzulassen.» Ausserdem sei es für die Glaubwürdigkeit unabdingbar, dass Kommentare deutlich als solche zu erkennen seien. Damit Leser auch zukünftig solche Merkmale bemerken, plädiert Foppa für Medienkompetenz-Unterricht in der Schule. «Wer gesponsorten Influencern im Internet glaubt, hat keine Ahnung von Quellenkritik!» Deshalb appelliert Daniel Foppa zum Schluss: «Bleiben Sie kritisch! Sie haben hier in Kreuzlingen noch eine blühende Medienlandschaft. Lesen Sie! Die direkte Demokratie braucht gut informierte Bürger.»

geschrieben von Inka Grabowsky

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