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Wenn der letzte Vorhang fällt

Münsterlingen – Das Bundesjugendballett beehrt die Psychiatrische Klinik Münsterlingen nun zum letzten Mal. Seit fünf Jahren kommen die jungen Tänzer aus Hamburg für eine Woche als «Artist in Residence» in die Psychiatrie, geben Workshops und begeistern mit ihren Aufführungen.

Nach dem morgendlichen Workshop präsentierten zwei Mitglieder des Bundesjugendballetts eine Kostprobe ihres Könnens. Die Patienten waren gebannt von den beiden Tänzern. (Bild: Ann-Marie Köhn)

Ballett ist eine elitäre, elegante und künstlerische Art des Tanzes. Es geht um Technik, um Haltung und Selbstkontrolle, aber auch um Ausdruck. Ballett ist zudem etwas, mit dem viele Vorurteile einhergehen, ebenso wie mit dem Aufenthalt in einer Psychiatrie.
Wer diese Woche in Münsterlingen den Saal der Psychiatrie besuchte konnte sowohl Ballett als auch Psychiatrie von einer anderen Seite erleben. Wogende Bewegungen treiben die Körper wie auf einer Welle durch den Raum, mal schneller oder langsamer, mal aufeinander zu oder voneinander fort. Die Patienten und Patientinnen sind mit Mitgliedern des Jugendballetts Hamburg durchmischt und nur wer auf die Füsse schaut, kann den Unterschied wahrnehmen.

Ein eingespieltes Team
Unter Begleitung von sanfter Klaviermusik leitet Raymond Hilbert, Ballettmeister des Bundesjugendballettes, die Gruppe an. In den Übungen wird Verschiedenes gefordert, aber es geht vor allem um Berührungen. Berührungen mit sich selbst, mit Anderen und mit Tanz.
Die Patienten nehmen freiwillig an dem Angebot teil und können sich jederzeit zurückziehen, wenn ihnen etwas zu viel wird. «Die Mischung aus Tanz, Spiel und Bewegung macht es in der Gruppe leichter, Grenzen wahrzunehmen und zu erweitern», sagt Hilbert. Er ist seit zwei Jahren beim Bundesjugendballett und war vorher zwölf Jahre in Chile. «Die Erfahrung ist sowohl für Tänzer als auch Patienten prägend», erzählt Hilbert. In einer Psychiatrie zu sein ist für die jungen Mitglieder der Ballettcompanie auch eine Herausforderung. Alle sind zwischen 18 und 21 Jahren und kommen zumeist direkt nach der Ausbildung für einen befristen Vertrag von zwei Jahren zum Jugendballett. «Das tut ihnen gut, hier zu sein. Während der Ausbildung muss man sich sehr auf sich zentrieren, das Programm gibt ihnen die Möglichkeit ihre empathische Seite weiterzuentwickeln. Auf andere einzugehen und sich zu bewegen, ohne dass ein technischer Aspekt dahinter steht.»

Ungewöhnliche Bühnen
Das Ballettensemble sucht sich seit Jahren seine Bühnen selbst. Es tanzt in Gefängnissen, leeren Schwimmbädern, in grossen Häusern, in Seniorenresidenzen oder eben in Münsterlingen. Dabei reisen sie immer in einer Gruppe an. Die acht Tänzer kommen zusammen mit Ballettmeister, Pianistin, Gewandmeisterin und zwei Technikern, sowie dem Leiter für Organisation Yohan Stegli und seinem Kollegen Sascha Hartmann. «Ballett wird hier in Münsterlingen inklusiv, es öffnet sich für alle Altersgruppen», so Hartmann über die Erfahrungen der Truppe in der psychiatrischen Klinik. «Wir werden das wirklich vermissen und hoffen, dass sich vielleicht in Zukunft die Möglichkeit ergibt, wieder an den Bodensee zu kommen.»

Der letzte Vorhang fällt
Das Ballett kommt seit fünf Jahren im Rahmen des Kulturprogramms nach Münsterlingen. Ziel ist es, die Grenzen zwischen Alltagswelt und Psychiatrie zu überwinden. In den letzten fünf Jahren konnte dies mit über 1000 Ballettbegeisterten in Münsterlingen erreicht werden. Doch man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Das PKM-Programm endet und das Bundesjugendballett tanzt heute und morgen um 19.30 Uhr das letzte Mal in Münsterlingen. Ann-Marie Köhn

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